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Der Mann trug Anzug, fuhr einen teuren Wagen und hatte auch sonst alle Requisiten, die deutlich signalisieren: Geld. Ab einer gewissen Preisklasse wird oft nicht mehr nach dem Gehaltszettel gefragt. Und schon bekam Herr X mit seinem Goldketten-Geklingel den Zuschlag als vermeintlicher Käufer einer schönen 250-Quadratmeter-Eigentumswohnung – und dazu auch noch den Mietvertrag für ein großzügiges Büro. Pech für die Hausbesitzer.

Denn dieser Herr X zog zwar in die Wohnung im teuren Berliner Stadtteil Grunewald; die Kinder müssten gleich nach den Ferien in die Schule, sagte er, und auch sonst sei die Sache dringlich, worauf der Besitzer Verständnis zeigte. Doch bezahlte der Käufer danach keinen Cent. Als der Eigentümer daraufhin die Rückgabe des Kaufobjektes forderte, stellte Herr X trickreich Besitzanspruch: Er wohne ja schon hier, man habe doch faktisch einen Mietvertrag mündlich abgesprochen. Außerdem habe er eine Renovierung kostspielig vorgenommen. Und diese Investitionen (die er, ganz nebenbei, auch den Handwerkern nicht bezahlte) wohne er nun mietfrei ab, so seine fadenscheinige, jedoch juristisch nicht ganz leicht zu widerlegende Argumentation. Der Eigentümer musste erkennen, wie schwierig es ist, eine durch einen Kaufinteressenten bereits bezogene Immobilie räumen zu lassen. Auch die neuen Geschäftsräume nutzte Herr X einfach umsonst. Als hätte er den Aufenthalt in einem Hotel auf unbestimmte Zeit in der Lotterie gewonnen.

Diese Geschichte, die der auf Immobilienrecht spezialisierten Berliner Anwaltskanzlei Schultz und Seldeneck, beauftragt vom frustrierten Vermieter, noch einige Schwierigkeiten bescheren sollte, ist das Extrembeispiel einer Erscheinung, die man in Vermieterkreisen neuerdings Miettourismus oder Mietnomadentum nennt. Hinter dem Begriff verbergen sich unterschiedliche Fälle. Einerseits geraten immer mehr Mieter in eine finanzielle Notlage, die Wohnkosten verschlingen bei Familien und auch bei Singles einen großen Teil des Einkommens, und wenn dann plötzlich der Job weg ist… "Ach, wissen Sie", sagt die Angestellte einer großen Berliner Mietwohnbaugesellschaft , "es gibt Zeiten, da zahlt ein Viertel unserer Mieter nicht."

Früher habe man die Kosten noch mittragen können. Aber wenn die Hälfte der Wohnungen leer steht, der Immobilienmarkt in sich zusammenbricht? Fragen wir zum Beispiel die Prima-Hausverwaltung im Berliner Stadtteil Lichtenberg, wo man die schön renovierten Plattenbauten "industriell gefertigte Wohnhäuser" nennt. Dort weiß man: "Vermieten ist ein unkalkulierbares Risiko geworden." Generell nehme die Zahlungsmoral der Mieter ab, die oft selbst von einer abnehmenden Zahlungsmoral in der freien Wirtschaft geschädigt seien – so reißt man sich gegenseitig ein Stockwerk tiefer.

Auf der anderen Seite aber gibt es auch die spektakulären Fälle, in denen ein Herr X oder Y, dessen Konto durchaus positive Daten aufweist, gerade mal die Kaution hinlegt – und das war’s. Solche Miettouristen können eine bemerkenswerte betrügerische Fantasie entwickeln. Vielleicht überweisen sie mal ein paar hundert Euro, um den Vermieter bei Laune zu halten und die Kündigung hinauszuzögern, die erst nach dem Rückstand von zwei Monatsmieten fristlos ins Haus flattern darf. Ist es dann doch so weit, beginnt für sie erst die Herausforderung. Wo andere in Panik geraten oder eine Ratenzahlung erflehen, sitzt der wahre Miettourist weiterhin geschickt seine selbst geschaffene Mietfreiheit aus und erfindet trickreich immer neue Gründe, um die Räumungsklage hinauszuzögern.

Herr X wurde verklagt – und erhob Gegenklage, wegen Ratten im Büro

Da wird Räumungsschutz beantragt, weil man der Frau, dem Freund, den Kindern einen Umzug psychisch nicht zumuten könne. Oder weil der Großvater gepflegt werden müsse. Oder es werden Mängel an der Wohnung geltend gemacht. Alles vom Gericht zu hinterfragende Angaben, die, wenn sie wahr sind, den Mieter entscheidend schützen. Aber wenn sie nur vorgeschoben sind? Der Nachweis ist aufwändig.

"Von der Kündigung bis zum Titel bei Gericht, von der Räumungsklage bis zum Gerichtsvollzieher können schon im Normalfall und ohne Tricks eineinhalb Jahre vergehen", sagt die Rechtsanwältin Inka Witte von der Kanzlei Schultz und Seldeneck. Da hilft dem Vermieter auch die Kaution nicht viel weiter. Die Gerichte in den großen Städten sind überflutet von Klagen, die Termine für den Gerichtsvollzieher können sich enorm verzögern. Das Ziel dieses Volkssports also, den eine kleine Gruppe von Spielernaturen offensichtlich bewusst betreibt: möglichst lange mietfrei in der Wohnung bleiben, um dann das nächste Domizil anzusteuern. Neue Wohnung, neues Glück. Allein dem Verband Haus & Grund sind Mietrückstände von jährlich zwei Milliarden Euro bekannt.

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Vier lange Jahre dauerte der Rechtsstreit im Fall des Herrn X, der sämtliche Register zog. So erhob er auf die Kündigung seiner Büroräume auch noch Gegenklage: Da gäbe es eine Rattenplage, behauptete er, die Viecher hätten einen wichtigen Geschäftspartner bei Vertragsabschluss verschreckt. Der Verlust sei in die Millionen gegangen! Dagegen war die geforderte Miete verschwindend niedrig. Ein Kammerjäger, vom vermeintlichen Mieter Herrn X bestellt, wurde als Gutachter hinzugezogen. Seltsam war nur, sagt die Gegenseite, dass sich das Tier im Büro von Herrn X so in die Zwischenwand gefressen habe, als habe ein Bohrer das Loch gefräst…

Doch selbst wenn die Räumung gelingt: Die Mietschuld bleibt bestehen. Es sei denn, der Mieter legte eine eidesstattliche Erklärung ab, dass er zahlungsunfähig geworden ist. "Das scheint heute absolut salonfähig zu sein", Inka Witte spricht aus Erfahrung. Sie hat wohl ihre Zweifel an derart vielen Privatinsolvenzen.

Manchmal verschwindet der Mieter aber auch von selbst, über Nacht. Gerichtlich belangen kann man ihn erst, wenn er sich anderswo neu gemeldet hat. Eine Privatinsolvenz kann nach sieben Jahren von der Restschuld befreit werden. Klaus Lück, der in Neuss und Krefeld seit vielen Jahren Mietshäuser verwaltet, hat das mehr als einmal erlebt. Auf der Polizeiwache begegnete man ihm schon mal mit einem müden Lächeln; die Polizei, sagt er, spüre einem betrügerischem Mietsünder nicht ewig hinterher. "Und ich könnte mein Wohnzimmer mit Gerichtsurteilen tapezieren." Mit einer Klage werfe man dem bereits verlorenen Geld nur noch weiteres hinterher. Im häufigsten Fall, das bestätigen die Verbände, geben die Vermieter einfach auf. Einige bieten den Säumigen sogar Geld an, damit sie endlich ausziehen, nur, um noch mehr Kosten zu verhindern.

Wie Aale seien diese Mietnomaden, sagt Hans Graaf, ein Vermieter aus Eschweiler. Da glaubt man sie zu haben, und schon sind sie einem wieder aus den Händen geglitten. "Kein Wunder, wenn man sich da mit dem Gedanken trägt, einen Privatdetektiv einzuschalten." Sein Rechtsanwalt recherchiert gerade einem Mietnomaden hinterher, der zwischenzeitlich in Belgien lebte und dann wieder in Deutschland bei den Eltern wohnte. Doch selbst wenn man schon so viel weiß, ist die Kontaktaufnahme oft unmöglich. Hat man endlich die aktuelle von mehrmals gewechselten Handynummern aufgetrieben, geht doch keiner ran. Hat sich also etwas verschoben in dem bekannt angespannten Verhältnis zwischen dem bösen, mächtigen Miethai und dem Mieter, dem armen kleinen Fisch?

Den mächtigen Miethai frisst neuerdings der arme kleine Fisch

Es gibt Anwälte (vor allem solche, die Mieter vertreten), die halten das Mietnomadentum für eine Erfindung. Vielleicht gebe es da ein paar Kandidaten, die sich nach dem Motto "Beute aus, die dich ausbeuten" durchschlagen. Vielleicht gebe es auch einige professionelle Betrüger. Aber mit dem Blick auf diese Außenseiter werde doch nur abgelenkt von den eigentlichen Schieflagen, von überhöhten Mietpreisen oder dem Verkauf von Mietshäusern auf Kosten der Bewohner. Die allermeisten Mieter, die nicht zahlen, flögen ja wohl raus, sagt der Jurist Christian Emmerich. Über kurz oder lang. Zum Berliner Mieterverein sei zwar auch noch kein Miettourist persönlich gekommen, sagt dessen Geschäftsführer Reiner Wild, doch dass es solche schwarzen Schafe gibt, da ist er sich sicher. Ein Phänomen mit Nachahmungspotenzial, das das Häuserbesetzen von einst auf ganz neue Weise wiederaufleben lassen könnte.

"Ich habe mich enteignet gefühlt", klagt die Unternehmensberaterin Nicole Grün, die in Wetzlar eine Wohnung an ein berufstätiges Paar vermietet hatte. Mehr als ein Jahr lang hätten die Mieter in der Wohnung ausgeharrt, ohne zu zahlen. Dass sie dann über Nacht weg waren, hatte sie nur gemerkt, weil ein Brief ihres Anwalts an das Paar mit Rückschein kam: verzogen. Die Wohnung, die man aufbrechen ließ, war voller Müll wie ein vom Massentourismus überfluteter Strand. In einem Zimmer waren die Wände übersät mit Hunderten von Tackerklammern.

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Am härtesten treffen die Verluste durch Miettouristen kleine Vermieter, die sich eine Eigentumswohnung etwa zur Altersvorsorge gekauft haben. Wenn es dann zu Einnahmeverlusten und womöglich noch Gerichtskosten kommt, kann das an die Substanz gehen. Erst seit kurzem gibt es die Vermieterschutz-Datenbank Vpaz, in der aktenkundige Mieter registriert werden können, wenn sie dem bei Abschluss des Mietvertrags zustimmen (was natürlich wenige tun). Gerhard Ribbeck, der Mitbegründer dieser Liste, hofft auf ein großes Netzwerk, in dem man zukünftig potenzielle Nichtzahler abfangen kann.

Als im Fall des Herrn X die Räumungsklage der Wohnung bei Gericht aktenkundig wurde, tauchten plötzlich Untermieter auf. Eine Haushälterin, die hier angeblich auch wohnte, Kindermädchen, Eltern. "Für Untermieter muss jeweils ein neuer Titel auf Räumung beim Gericht beantragt werden", erklärt die Rechtsanwältin Inka Witte. Und das verzögert das Verfahren. In einem anderen Fall konnte man mit detektivischen Mitteln nachweisen, dass die Türschilder der angeblich schon lange Zeit anwesenden Untermieter erst ein paar Tage zuvor angefertigt worden waren; man hatte die Druckerei ausfindig gemacht. Und so geht das Spiel immer weiter, wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel.

Herr X jedenfalls beherrschte dieses Spiel perfekt. Nachdem er viele zahlungsfreie Monate hatte ins Land ziehen lassen, fiel ihm ein, dem Rechtsanwalt Schultz ein strafrechtliches Verfahren anzuhängen: Er habe Herrn X körperlich bedroht. Wieder verging Zeit. Zuletzt beanspruchte der klagende Beklagte Räumungsschutz, da seine Frau suizidgefährdet sei. Immer neue Gutachter, immer mehr Zeit. Als Herr X schließlich trotz der zahlreichen eröffneten Nebenkriegsschauplätze doch rechtskräftig zur Räumung verurteilt wurde, begann er mit der Demontage seiner "Investitionen" in den nicht bezahlten Räumlichkeiten und zog sich mit einer eidesstattlichen Versicherung auf seinen leeren Geldbeutel vornehm zurück.

Natürlich gibt es auch kleinere Ganoven in dieser Verbrechenssparte. Da werden Anwaltsbriefe mit der selbst angefertigten Aufschrift "unbekannt verzogen" zurückgeschickt. Oder es werden gefälschte Bankbürgschaften vorgelegt. Kleine Fische, wie gesagt, im Vergleich mit dem ausgefuchsten Betrüger X, der eines Tages an einer Tankstelle nahe dem Wannsee seinem Mercedes der S-Klasse entstieg. Da gingen dem Rechtsanwalt Michael Schultz, der gegenüber zufällig auch tankte, doch sehr unjuristische Gedanken durch den Kopf. Kurz überlegte er sich, ob er seinen Wagen einfach quer vor den des Herrn X stellen und den Fahrer packen, ihn jedenfalls wie auch immer festhalten sollte und sagen: Jetzt zahlen Sie endlich! Nach all dem Wahnsinn! Doch Rechtsanwalt Schultz stieg in seinen Wagen und fuhr weiter. Denn der nächste Gerichtstermin stand ja schon fest.