Der Chef von AIQ tat gar nicht erst so, als wäre er offen für Neues. Argwöhnisch musterte er Jan Richter, als der sich bei ihm um seinen ersten Job bewarb. So, Richter wolle also eingestellt werden, und das mit einem Zwei-Buchstaben-Abschluss namens B.A. "Der Geschäftsführer dachte, ohne Doktor kann man nichts werden in der Unternehmensberatung", erinnert sich Richter, der Germanistik, Soziologie und Pädagogik studiert hat. Am Ende kriegte er die Stelle trotzdem – aber nur, weil er bei der gemeinnützigen Dortmunder Unternehmensberatung schon während des Studiums gejobbt hatte. Eine Einstellung auf Bewährung sozusagen, unter skeptischer Beobachtung von ganz oben und der ständigen Suche nach Anzeichen akademischen Dünnbrettbohrens. Das war vor vier Jahren. "Inzwischen ist die Geschäftsführung weg, und ich bin immer noch da", sagt Richter. Als stellvertretender Geschäftsführer übrigens.

B.A. ist eine Abkürzung, die in Zukunft häufiger in Bewerbungsgesprächen auftauchen wird. B.A. bedeutet Bakkalaureus Artium, oder, auf Englisch, Bachelor of Arts. Was vor wenigen Jahren noch eine exotische Ausnahme unter den Hochschulabschlüssen war, wird zunehmend zur Regel, wenn auch vorerst nur an einigen Universitäten: An der Ruhr-Universität Bochum (RUB), wo auch Richter studiert hat, sind mittlerweile 77Prozent der Erstsemester in Bachelor-Studiengängen eingeschrieben. Bis 2010, so sieht es die europaweite Harmonisierung vor, werden alle deutschen Studienanfänger auf einen B.A. hinarbeiten, der sie schon nach sechs Semestern für den Arbeitsmarkt fit machen soll. Das steht fest.

Nicht fest steht, wie leicht der Einstieg in den Beruf mit B.A. tatsächlich fallen wird. Es ist schon seltsam: Die Umstellung auf die so genannten gestuften Studiengänge ist beschlossene Sache und unumkehrbar, gleichzeitig loben Experten den Bachelor für seine internationale Vergleichbarkeit, größere Praxisnähe und komprimierte Form, und doch muss er sich in den Unternehmen erst bewähren. Vor allem im Mittelstand ist der Bachelor noch ein Fremdwort, "B.A." wird vielerorts mit "Berufsakademie" übersetzt. "Bei den kleinen und mittleren Unternehmen ist die Diskussion noch nicht angekommen", sagt Andrea Frank von der Hochschulrektorenkonferenz. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat deshalb vor kurzem gemeinsam mit den Handelskammern des Landes und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) eine "Informationsoffensive" gestartet, damit mehr mittelständische Firmen bei ihren Stellenausschreibungen Bewerbern mit Bachelor und Master eine Chance geben. Doch selbst die Aufgeschlossenheit der Großen ist bislang hauptsächlich theoretischer Natur: Die HypoVereinsbank und Siemens zum Beispiel engagieren sich auf Bildungskonferenzen dafür, den Bachelor bekannter zu machen, und doch haben sie selbst gerade mal eine Hand voll deutscher Absolventen rekrutiert. Es gibt eben erst wenige.

Jan Richter zählt zu diesen Ausnahmen; die RUB hat schon vor zehn Jahren testweise ein Bachelor-Programm eingerichtet. Die meisten regulären Studiengänge dagegen sind erst nach Beginn der Hochschulreform 1998 gestartet, was bedeutet, dass der erste Pulk fertiger Bachelors gerade jetzt die ersten Schritte auf den Arbeitsmarkt macht. Oder auch nicht. Denn angesichts der Wirtschaftskrise entscheiden sich die meisten von ihnen, gleich noch einen M.A. dranzuhängen. M.A. heißt Master of Arts und ist eine maximal zweijährige Vertiefung des Bachelors. Weil die Erfahrungswerte fehlen, bleiben die Vorurteile. Ein Sparstudium sei der Bachelor, sagen Kritiker.

Wer keinen Job bekommt, bleibt an der Uni – und macht den Master

Befürworter sagen dagegen, gerade in der Jobkrise zeige sich schon die erste Stärke des neuen Abschlusses. Der Zwischenschritt Bachelor erlaubt den Studenten, sich der Arbeitsmarktlage anzupassen: Gibt es attraktive Jobs, gehen sie arbeiten. Sieht es, wie zurzeit, düster aus, studieren sie weiter. Diplom- oder Magisterstudenten hätten diese Wahl nicht, sagt Peter Winker, Professor an der Universität Erfurt. "Erst die neuen Abschlüsse ermöglichen den Studenten mehr Flexibilität." Erfurt, nach der Wende neu gegründet, ist übrigens auch an vorderster Reformfront dabei. Bis auf einen einzigen Diplomstudiengang gibt es dort nur noch B.A.- und M.A.-Programme.

Auch wenn es im Augenblick nicht danach aussieht und im vergangenen Jahr gerade einmal vier Prozent der Studienanfänger einen Bachelor anstrebten: Der Ansturm auf die Unternehmen wird kommen, denn die Zuwachsraten sind gewaltig. Der Anteil der Bachelor-Studenten verdoppelt sich jedes Jahr. Das Gleiche gilt voraussichtlich, um drei Jahre zeitverzögert, für die Absolventen. Und was erwartet die dann? Ein paar Geschichten, die Mut machen, gibt es schon, trotz geringer Absolventenzahl und Konjunkturflaute.

Manche Unis taufen Magister- und Diplom-Studiengänge einfach um

Die von Sandra Zeugner zum Beispiel. Die 25-jährige Kommunikationswissenschaftlerin ist diesen Sommer mit ihrem Bachelor-Studium in Erfurt fertig geworden. Das Bewerbungsgespräch bei der DB Regio Südost in Leipzig lief ganz anders, als sie es erwartet hatte. Sie hatte sich auf die üblichen Nachfragen eingestellt: Ein B.A., was ist denn das? Doch als sie dann der Personalchefin gegenüber saß, kam von der nur ein Nicken. Keine Erklärung nötig, keine Rechtfertigung. Und Zeugner hatte ihr Praktikum im Bereich Mitarbeiterkommunikation. Wobei sich ein sechsmonatiges Praktikum zunächst gar nicht so sehr nach einer Erfolgsgeschichte anhört. Momentan ist es aber für viele Uni-Absolventen der einzige Weg, einen festen Job zu ergattern.

Der Bachelor macht sich also langsam doch einen Namen. Dass Sandra Zeugner der Berufseinstieg in schwierigen Zeiten gelingen könnte, hängt aber auch mit dem Ruf ihrer Universität zusammen. Denn in Erfurt haben sie die neuen Studiengänge tatsächlich von Grund auf konzipiert und in Modulen organisiert, inklusive starken Praxisbezugs. Einige Universitäten hingegen haben sich damit begnügt, Magister- oder Diplomstudiengänge in der Mitte zu teilen, ein paar Inhalte auszuwechseln und dann das Ganze mit den neuen Bezeichnungen Bachelor und Master zu versehen. Mit dem Ergebnis, dass der Bachelor nicht nur unter seinem geringen Bekanntheitsgrad leidet, sondern auch unter einem ernsthaften Imageproblem. "Die Qualitätssicherung muss verbessert werden", sagt Margret Sitzler vom Verein deutscher Ingenieure. "Mit mehr Transparenz und Vergleichbarkeit kommt mehr Akzeptanz." Zuständig für die Qualitätssicherung sind so genannte Akkreditierungsagenturen, die jeden Bachelor- und Master-Studiengang genehmigen müssen. Dabei sollten sie eigentlich nach einheitlichen Standards verfahren. Jedoch sind einige Agenturen großzügiger als andere.

Viele Unternehmen bevorzugen deshalb nach wie vor die Auslaufmodelle Diplom und Magister. Da die Universitäten gleichzeitig noch auf Jahre hinaus Absolventen mit Traditionsabschlüssen produzieren, werden sich die Bachelors der ersten Generationen wohl oder übel dem Wettbewerb stellen müssen. Das sollten sie selbstbewusst tun, sagt Sitzler, denn sie hätten schließlich eine Menge vorzuweisen: "Sie haben sich auf etwas Neues eingelassen, sie hatten die Internationalität im Auge, und sie sind jünger." Für Unternehmen haben B.A.-Bewerber noch einen weiteren Vorteil: Sie sind in der Regel billiger als Absolventen mit Uni-Diplom, können aber ähnliche Aufgaben erledigen. "Es gibt überall Bachelor-Zielpositionen, die bislang mit Diplom-Leuten besetzt sind", sagt Oliver Maassen von der HypoVereinsbank. "Was spielt es denn für eine Rolle, ob ein Kundenberater Diplom oder Bachelor hat? Er muss verkaufen können, und der Kunde muss zufrieden sein."

Um die Vorteile des Bachelors zu nutzen, ohne sich dauernd mit Transparenz- und Vergleichbarkeitssorgen herumschlagen zu müssen, setzen einige Konzerne auf feste Kooperationsmodelle mit Fachhochschulen. Siemens zum Beispiel lässt jedes Jahr 40 zukünftige Mitarbeiter ein B.A.-Studium in Betriebswirtschaft an der FH Ingolstadt aufnehmen und bildet sie parallel zu Betriebskaufleuten aus. Auf einen Studienplatz kommen derzeit 30 Bewerber. Friedemann Kirchhof war schon im Pilotjahrgang 2000 dabei. Die Anzeige dafür hatte er in der Zeitung gefunden. "Zu der Zeit wusste ich auch nicht, was ein Bachelor ist, aber es hörte sich spannend an", sagt er. Das Studium wurde ihm wie eine Ausbildung vergütet, ein zweimonatiger Aufenthalt in der amerikanischen Konzernfiliale von Siemens bezahlt. Inzwischen ist Kirchhof 26 Jahre alt und schreibt an seiner Abschlussarbeit über die Folgen der Bilanzbetrugsaffären in den USA. Was sein Bachelor wert ist, weiß er mittlerweile ganz genau: Er hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

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