So richtig passt die Gruppe von Läufern nicht in diese Gegend. Hier, am Ende der Westridge Road, weit über dem eleganten, direkt am Pazifik gelegenen Santa Monica, treiben die Villenbesitzer Sport. Es sind reiche, überwiegend weiße Amerikaner, Filmstars, Produzenten, Drehbuchautoren – Menschen, die es in der Traumfabrik Hollywood geschafft haben und ihre Körper, oft das wichtigste Kapital, nun erst recht stählen. Hier joggen die Hundehalter mit ihren reinrassigen Beagles, Golden Retrievers und Dobermännern den Berg hinauf. Aber diese Läufer?

Sechs, sieben Schwarze, alle von spindeldürrer Gestalt, alle in einfachen T-Shirts, in engen, löchrigen Radlerhosen. Schon aus der Ferne ist zu erkennen, dass sie aus einem anderen Milieu stammen. Und erst recht aus der Nähe. Köpfe mit kurz geflochtenen Kraushaarzöpfchen. Zahnruinen, die von billigen Metallrahmen zusammengehalten werden. Aufgeklebte Fingernägel mit zweifarbigen Mustern, für Gangsta-Rapper könnte man sie halten, sie sind es aber nicht, sie haben es nicht ins Programm von MTV geschafft. Diese Läufer kommen von unten, aus West L. A., dem Ghetto, oder aus irgendeinem der endlosen Elendsviertel von Los Angeles. Garantiert kommen sie nicht aus Beverly Hills und nicht aus Santa Monica.

Doch es ist irgendetwas an dieser Gruppe von Läufern, das einem sagt: Sie sind doch kein Gesindel. Sie haben Haltung. Beine, Arme, Schultern, alles bewegt sich in perfekter Harmonie. Sie rennen so schnell die Hügel hinauf, dass selbst die Mountainbiker auf ihren edlen Zweirädern nicht mithalten können. Sie keuchen nicht, sie stöhnen nicht, sie wechseln nur ein paar knappe Worte mit einem klein gewachsenen älteren Weißen, der am Wegesrand steht.

Neue Drogen werden entworfen, um gängige Tests zu unterlaufen

Der Mann heißt Joe Douglas. In der an Metaphern reichen Sprache der Sportreporter ist er eine "lebende Legende". Joe war Mathematiklehrer, und er war selbst einmal Läufer, quartermiler nennt er immer noch die 400-Meter-Läufer. "Little Joe" nannten ihn früher viele, wegen seiner Statur von nur 1,60 Meter. Heute sagt das niemand mehr. "The great Joe Douglas" nennt man ihn jetzt, wegen seiner Erfolge. Er ist 67 Jahre alt und wohnt hier oben an der Westridge Road. In einer Villa, von der aus er auf das Anwesen von Arnold Schwarzenegger blicken kann. "Sein Haus ist zwar größer als meines", sagt Joe Douglas, "es hat so um die 1500 Quadratmeter Wohnfläche, aber ich schaue auf ihn hinunter."

Jetzt kommt wieder die Zeit des Joe Douglas, denn das Olympia-Jahr hat begonnen. Im Sommer werden die Spiele in Athen ausgetragen, sie kehren gewissermaßen an ihren Ursprungsort zurück. Alle Welt fragt sich derzeit, ob die Gastgeber es hinbekommen, die Arenen rechtzeitig fertig zu stellen, ob die Hotels termingerecht eröffnet werden können, ob der notorische Verkehrsstau in der Hauptstadt aufgelöst werden wird. Vergessen wird darüber, dass auch für diese Spiele von ausschlaggebender Bedeutung sein wird, wer am geschicktesten dopt, wer es versteht, leistungssteigernde Mittel so einzunehmen, dass es von den Kontrolleuren nicht bemerkt wird. Den Unterschied zwischen Gold und Silber, zwischen Weltrekord und persönlicher Bestzeit machen kaum noch messbare Sekundenbruchteile aus. Joe Douglas weiß das.

Wieder einmal wollen die Vereinigten Staaten ihre olympische Vormachtstellung ausbauen. Bei den Spielen in Sydney im Jahr 2000 gewannen Athleten aus den USA "nur" 97 Medaillen. Nun wurde bekannt, dass sich das amerikanische Olympia-Komitee für Athen weit ehrgeizigere Ziele gesetzt hat. Es wurde ein regelrechtes Plansoll – nicht unähnlich dem des DDR-Sports – aufgestellt: Mindestens 201-mal sollen im August dieses Jahres die Stars and Stripes für amerikanische Medaillengewinner am Geburtsort des olympischen Ideals aufgezogen werden. Ist das überhaupt zu schaffen? Mit rechten Dingen?

Vor drei Monaten wurde in den Vereinigten Staaten eine Dopingaffäre ungeahnten Ausmaßes bekannt. Ein bisher unbekanntes anabolisches, also muskelbildendes Steroid konnte mit neuen Labormethoden identifiziert werden. Es ist die Designerdroge Tetrahydrogestrinon THG, die eigens entworfen worden war, um die gängigen Testverfahren zu umgehen. Das Mittel hatte ein Unternehmen namens Balco, das auf die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln spezialisiert ist, in einem Vorort von San Francisco synthetisiert und vertrieben. Zugleich zeigte es sich, dass Balco als Sponsor vielen amerikanischen Spitzenathleten diente. Die Firma wurde von Fahndern des Finanzamts und der Lebensmittel- und Arzneiaufsicht in einer Razzia durchsucht. In San Francisco begannen Grand Jury Hearings, Ermittlungsverfahren vor einer Anklageerhebungskammer. Doch es dauerte nicht lange, der Skandal verschwand wieder aus den Schlagzeilen.

Totale Symbiose zwischen Sport, Kommerz und Betrug

Läuft alles nach Plan, dann wird sich bei Olympia in Athen, den mit rund 6,4 Milliarden Euro Gesamtkosten teuersten Spielen aller Zeiten, die neue olympische Weltordnung wieder bestätigen. Begründet wurde diese Hierarchie bereits 1984, als die Jugend der Welt in Los Angeles Station machte. Damals begann die totale Symbiose zwischen Sport und Kommerz, die den erfolgreichsten Sportlern mit den Medaillen auch den Geldsegen brachte. Einer jener Leichtathleten, der damals schon vorführte, wie mit Muskelkraft bei Olympia viel Geld zu verdienen ist, war Carl Lewis. Und Carl Lewis trainierte im Santa Monica Track Club, dem Powerhouse der amerikanischen Leichtathletik. Coach des Clubs, damals wie heute: Joe Douglas.

In Joe Douglas’ Garageneinfahrt an der Westridge Road dürfen die Läufer ihre verbeulten Kleinwagen abstellen. Joe fährt sie in seinem turbogetriebenen Audi den Rest des Weges hoch, dorthin, wo die Westridge Road in einen Pfad zu den Cañons übergeht. Die Sportler sollen die Berge hinauflaufen. Bei dieser Übung befinden sich die Füße fast permanent in einer Stellung, die jener beim Start entspricht. Die Achillessehnen werden gestreckt, die Waden gestärkt. Würden seine Zöglinge das nur auf der Kampfbahn trainieren, dann müssten sie Hunderte, wenn nicht Tausende von Starts absolvieren, um den gleichen Effekt zu erreichen wie bei drei Meilen in den Bergen.

"Floyd, du läufst 20 Minuten, Danny, du nur 12, aber, bitte, gib dir ein bisschen mehr Mühe, zieh das Tempo mehr an, Terrence, Francis, ihr macht 15!", mit diesen knappen Anweisungen hat Joe sie losschicken wollen. Danny Everett, der schon 1966 die 400 Meter mit der Bestzeit von 43,81 Sekunden gelaufen ist, der olympisches Gold und Bronze gewonnen hat, darf sich schonen. Er hat sechs Operationen an den Achillessehnen hinter sich. Joe raunt, nachdem die Läufer auf und davon sind, dass er nicht an ein Comeback Dannys glaubt. Er setzt auf Floyd Thompson, den 24-Jährigen mit den schlecht verarzteten Zähnen und den hingepfuschten Tätowierungen. "Geh 40 Prozent hoch, und drück nicht so doll drauf, wenn es bergab geht, dass du dir nichts reißt!", hat er ihm noch nachgerufen, diesem Floyd Thompson, von dem Joe Douglas erwartet, dass er in Athen Medaillen in der 400- und der 800-Meter-Disziplin und der 4-mal-400-Meter-Staffel holen wird.

Der einzige Weiße, der nach dem Bergtraining jetzt neben Joe Douglas an dessen Pool steht, ist Gunnar Linde, ein 75-jähriger Immigrant aus Lettland, der einst den amerikanischen Rekord im Hindernislauf hielt. Ist dieser Gunnar Linde nicht gerade fast genauso schnell wie die jungen Burschen bergauf und bergab gelaufen? Er erzählt lieber Geschichten aus Venice, dem Mekka der Bodybuilder, dem Strandort, der südlich an Santa Monica anschließt, in dem er wohnt und wo man heute mehr Deutsch und Französisch auf den Straßen höre als Englisch. "So viele Touristen kommen, angezogen von dieser amerikanischen Körperkultur", sagt Gunnar auf Deutsch, aber mit breiten rollenden R, die immer noch seine baltische Herkunft verraten.

Statt der besten Athleten nur die besten Ärzte und Pharmazeutika

Am Tag zuvor hat es geschneit, was so selten passiert, dass die Los Angeles Times das Naturereignis mit einem Farbfoto auf der Titelseite bedachte, und das, obwohl an jenem Tag wieder ein amerikanischer Hubschrauber im Irak abgeschossen worden war. Der Schnee war das Thema, nicht der deprimierende Kommentar von Mike Penner auf der Sportseite der L. A. Times, der eigentlich alle im Pool von Joe Douglas etwas anging. Penner hatte in seiner Kolumne Sound and Vision ohne Umschweife festgestellt, die "weite Welt des Sports" überwältige nun die Vereinigten Staaten. Er meinte, irrigerweise, die weite Welt, andere, kleinere Nationen also, seien im Begriff, die Vormachtstellung der USA im Sport zu gefährden. Würde man aus seiner Kolumne alle Bezüge zum Sport herausstreichen, dann ließe sie sich auch so lesen: Die einzig verbliebene Weltmacht hat aus eigenem Verschulden ihre Glaubwürdigkeit verloren. Die neue Weltordnung ist zusammengebrochen. Die Amerikaner, siegesgewohnt und bislang auf jedem Schlachtfeld erfolgreich, würden nun von drittklassigen Randnationen erfolgreich herausgefordert.

"Erinnern Sie sich an Basketball?", hatte Penner gefragt. "Wir haben den Sport erfunden. Wir haben den Sport dominiert… Bis 2002… als unsere All-Stars nur Sechste hinter Jugoslawien, Argentinien, Deutschland, Neuseeland und Spanien wurden." Und weiter: "Frauenfußball? Haben wir eigentlich auch erfunden." Bei den ersten drei Turnieren sind die USA Weltmeister geworden und dann, 2003, zu Hause, nicht einmal ins Finale gekommen. Die Schmach aber könnte nicht größer sein als im Baseball, dem ureigensten amerikanischen Sport. Da haben sie nun jahrzehntelang dafür gestritten, dass dieser für Außenstehende völlig unverständliche Herumstehsport zur olympischen Disziplin wird. Und wer schickt eine Mannschaft nach Athen? Die Holländer. Und wer nicht? Die Vereinigten Staaten. NBC, die große landesweit sendende Fernsehanstalt, mutmaßte Penner in seiner Kolumne, übertrage die Spiele von 2004 nur deshalb noch, weil die Verträge nicht mehr aufzulösen seien.

Und dann die Misere der Leichtathletik, das Thema, das die flinken Gazellen im Pool des Meistertrainers Joe Douglas unmittelbar angeht. "Erinnern Sie sich an die Leichtathletik?", fragte Penner im selben selbstmitleidigen Tonfall. "Noch bei den Spielen 2000 in Sydney konnten die Vereinigten Staaten mit etlichen der schnellsten und stärksten Athleten der Welt angeben. So stand es jedenfalls auf der Verpackung. Nun zeigt es sich, dass wir einfach die besten Ärzte und die stärksten Pharmazeutika hatten."

Keiner im Pool will den Artikel gelesen haben. Worauf hoffen Sie, Francis? "Auf Athen." Und Sie, Floyd? "Auf Athen." Terrence? "Auf Athen." Und Sie, Sherman Armstrong, aus Illinois, 25 Jahre alt, vorgesehen vom Coach für die 400 Meter Hürden, worauf hoffen Sie? "Ist doch klar, Mann, auf Athen!"

Etwas abseits, am Vortag, beim Training im Pazific Palisades Park oberhalb des Strandes von Santa Monica, als seine Athleten außer Hörweite waren, hatte Joe Douglas alles gesagt, was aus seiner Sicht zum Thema Doping und zu dem Kommentar von Mike Penner zu sagen war: "Ich bin glücklich, dass jetzt alles hochkommt. Ich habe mir seit Jahren eine unabhängige Instanz zur Überwachung des Dopings gewünscht. Ich würde die erschwindelten Medaillen zurückfordern, die unsauberen Weltrekorde tilgen. Viele dopen, und fast immer helfen die Trainer. Die Sportler sind meistens zu dumm dazu, die wissen nicht, wie sie es richtig anstellen sollen."

Wer ist denn gedopt und wer nicht?

Juice, Dopingmittel, sagt Douglas, nähmen alle erfolgreichen 100-Meter-Läufer, alle 200-Meter-Läufer, Kugelstoßer, Hammerwerfer. Alle seien dirty. Anders die 400-Meter-Läufer, die 800-Meter-Läufer. Die meisten von denen seien clean. Das sagt Douglas ganz unbefangen. Es ist bekannt, dass Coach Douglas seit langem keine Sprinter mehr trainiert, dass er sich nur noch um die Mittelstreckenläufer kümmert.

Ein erfahrener Trainer wie er, der Gründer des weltberühmten Santa Monica Track Club, der im Laufe seiner Karriere seinen Zöglingen zu insgesamt 37 Weltrekorden, zu 61 US-Rekorden, zu 28 olympischen Medaillen verholfen hat, der von 1972 in München bis 1996 in Atlanta bei allen Spielen dabei war und Athleten betreute, die Medaillen gewannen – woran erkennt ein solcher Profi, ob jemand gedopt ist? Joe Douglas schaut einen lange mit seinen blauen Augen an. "Ich beantworte jede Frage", sagt er, "aber ich nenne keine Namen."

Wer dopt, nehme an Gewicht zu. Es sei ja der Sinn der Sache, dass die Muskeln stärker wüchsen. Von Vorteil sei das aber nicht für alle. Wieder fällt auf, dass Joe Douglas auf eine Unterscheidung zwischen Sprintern und "seinen" Mittelstreckenläufern hinauswill. Für Sprinter lohne es sich, mehr Muskeln zu haben. Mittelstreckenläufer dagegen würden durch das zusätzliche Gewicht langsamer werden. Auf jeden Fall verändere sich der Charakter der Gedopten. Sie würden aggressiver werden, leichter reizbar. Wenn Frauen dopten, wüchsen ihnen Barthaare. Ein ganz sicheres Zeichen für Doping sei, wenn ein Sprinter am Ende der 100 Meter schneller laufe als am Anfang. Das sei übrigens leicht festzustellen, schließlich würde heute die Zeit alle zehn Meter genommen.

Frage an Joe Douglas: Und Tim Montgomery? Ist der 100-Meter-Läufer, der Gold in der Staffel in Sydney holte, der im September 2002 in Paris mit 9,78 Sekunden einen neuen Weltrekord über 100 Meter aufstellte, der damals 250000 Dollar an Preisgeld einstrich und der seit dem Balco-Skandal ebenfalls unter Verdacht steht, ist Montgomery gedopt?

Joe antwortet mit einer allgemeinen Erklärung, die scheinbar alles offen lässt und doch alles sagt: "Wenn einer zu viel zunimmt, sagen wir mal 15 Pfund, dann kann er keinen Weltrekord mehr brechen. Übrigens, es ist auch ein Zeichen, wenn die Augen geschwollen aussehen…"

Dann gibt es noch die Anschuldigungen gegen Douglas’ Athleten, jedenfalls gegen einen, der früher aktiv war.

"Ein großer Sprinter hat das verbreitet, aber er mochte uns nicht."

Douglas kann mit diesem "großen Sprinter" eigentlich nur Ben Johnson meinen, der die 1988 in Seoul beim 100-Meter-Lauf in 9,79 Sekunden gewonnene Goldmedaille zurückgeben musste, nachdem er des Dopings überführt worden war. Johnson hatte den Nachteil, für Kanada zu laufen. Das amerikanische Sportkartell, bestehend aus dem Nationalen Olympischen Komitee NOC, dem Leichtathletikverband USATF, den Fernseh-Networks ABC und NBC und einer Reihe von Sponsoren, die Joe Douglas ebenfalls nicht beim Namen nennt, wiewohl er auffällig oft von den "Schuhfirmen" redet, dieses US-Kartell schützt nur Athleten, die unter dem Sternenbanner antreten. Nach dem Sturz von Johnson rief Carl Lewis, der Schrittmacher des Santa Monica Track Club, dem dann das Gold zugesprochen wurde, entzückt aus: "Now I can write my own ticket!" – "Nun kann ich nach eigenem Gutdünken entscheiden!"

Für Lewis hielt der Geldsegen auch nach Seoul an. Er, der 1984 in Los Angeles seine ersten vier und 1996 in Atlanta seine letzte von insgesamt neun Goldmedaillen gewann, in den Sprints, den Staffeln und im Weitsprung, hielt eine vorbildliche Dauerkarriere 18 Jahre und vier olympische Spiele lang durch. Immer wieder wurde auch er des Dopings verdächtigt, nie aber relegiert.

Auch andere hätten unbegründete Vorwürfe erhoben, sagt Joe Douglas zu alldem. Ein Uhrenhersteller, Joe kann sich partout nicht erinnern, welcher, will festgestellt haben, dass auch einer der von ihm, Joe Douglas, betreuten Sprinter am Ende der Distanz schneller gelaufen sei als am Anfang. "Ich habe ihnen gedroht, sie zu verklagen, wenn sie das noch einmal behaupten."

Wer war denn der Sprinter?

"Ich nenne keine Namen."

War es Carl Lewis?

"Er ist damals ausgerastet, aber wie gesagt, ich habe diesen Zeitnehmern mit Klage gedroht, danach war Ruhe."

Joe, Sie haben doch auch Florence Griffith-Joyner trainiert?

"Woher wissen Sie das?"

Es war in einem Zeitungsartikel zu lesen.

"FloJo ist so jung gestorben, mit 38, über die Toten sollen wir nicht schlecht reden."

Wurde jemals geklärt, woran sie wirklich gestorben ist?

"Ich weiß es nicht. Aber es war ziemlich auffällig, dass sie sich jeden Tag rasieren musste."

Joe Douglas selbst hatte, bevor er zum Training einlud, dem deutschen Gast einen Merksatz mit auf den Weg gegeben: "Bei der Anbetung des Körpers und des Geldes gibt es keine Grenzen."

Nachdem Drogen- und Steuerfahnder im Herbst 2003 die Balco-Laboratorien in Burlingame, dem Vorort von San Francisco, gestürmt hatten, der Inhaber und mutmaßliche Erfinder des äußerst schwer nachzuweisenden THG abgetaucht war und vor der Grand Jury in San Francisco erste, nicht öffentliche Aussagen gemacht worden waren, war die gesamte amerikanische Sportelite – Footballspieler, Baseballspieler, Leichtathleten – unter Dopingverdacht geraten. Schon vorher, im Frühjahr 2003, war bekannt geworden, dass auch der große Carl Lewis gedopt hatte. Ihm waren 1988 bei den US-Qualifikationen für Seoul die Stimulanzien Pseudoephedrin, Ephedrin und Phenylpropanolamin nachgewiesen worden. Das blieb aber fünf Jahre lang ein Geheimnis. Als es gelüftet wurde, bestritt Lewis es nicht. Er sagte aber voller Selbstgerechtigkeit, er verstehe die Aufregung nicht, schließlich sei er seit fünf Jahren nicht mehr aktiv. Und als nun immer mehr amerikanische Sportler unter Dopingverdacht gerieten, gab es auch immer mehr Erklärungen, die jener von Carl Lewis eigenartig ähnelten, die nichts wirklich bestritten, aber alles verharmlosten.

Kelli White aus Oakland, Kalifornien, die doppelte Weltmeisterin im 100- und im 200-Meter-Lauf, war nach Titelkämpfen in Paris die Einnahme des Stimulanzmittels Modafinil nachgewiesen worden. Sie sagte dazu, sie habe das Mittel nur wegen einer in ihrer ganzen Familie verbreiteten Krankheit eingenommen, der Narkolepsie, einer Tagesschläfrigkeit. Zeuge sei ihr Arzt, Brian Goldman. Von ihm habe sie das Modafinil. Kelli White verschwieg aber, dass Goldman Gesellschafter des Nahrungsergänzungsmittelbetriebs Balco ist, wie übrigens auch ihr Trainer Remy Korchmeny.

Muscle beach – das Mekka der amerikanischen Doppelmoral

Und überraschend hat Marion Jones, vielfache Olympiasiegerin von Sydney, die ihrem Lebensgefährten Tim Montgomery im Juni 2003 einen Sohn gebar, verkündet, sie werde nicht mehr mit Charlie Francis zusammenarbeiten. Charlie Francis war der Coach des entthronten Dopingsünders Ben Johnson. Marion Jones, die von Nike mit 800000 Dollar im Jahr gefördert wird, sagte, sie habe keine Regeln verletzt, das Training mit Francis habe einen positiven Einfluss auf ihre Technik gehabt. Warum sie dann mit ihm gebrochen hat, warum sie das auch noch in alle Welt hinausposaunte, das sagte sie nicht.

Auch einer, der eigentlich alles wissen müsste, hält lieber den Mund. Will nichts sagen über Balco, über Designer-Dopingmittel und herkömmliche Anabolika. Sein Name ist Joe Gold, Besitzer von Fitness-Centern, wo die Einnahme von Präparaten zum Aufbau der Muskeln so alltäglich ist, dass sich darüber noch nie jemand aufgeregt hat. Joe Gold, seit Jahrzehnten im Geschäft, sagt, auf Doping angesprochen, einfach nur: "Ich bin der Falsche, mich dürfen Sie nicht fragen."

Unterhalb des Pacific Palisades Park, wo sich die Läufer von Joe Douglas meistens zum Training treffen, weist ein Schild am Strand darauf hin, dass hier die ursprüngliche muscle beach zu finden war, der " birthplace of the physical fitness boom of the twentieth century" – der Geburtsort des Fitness-Trainings also. Kaum deutlicher könnte die amerikanische Doppelmoral unter Beweis gestellt werden als hier, wo Surfer in den engsten Neoprenanzügen ihre Bretter ins Wasser tragen, wo Frauen auf Rollerbladers in hauchdünnen Hosen und nichts verhüllenden Tops nach Venice rasen, wo eingeölte Körper in den kleinsten Bikinis zur Schau gestellt werden. Unter Hinweis auf die Santa-Monica-Stadtverordnung mit der Nummer 4.08.070 weist ein Schild ausdrücklich darauf hin, dass das "Anziehen oder Ausziehen am Strand" verboten sei.

Die neue muscle beach ist im südlich angrenzenden Venice zu finden. Im Freiluft-Fitness- Center stemmen dort bei gutem Wetter – und es ist fast immer gutes Wetter – 20, 30 Bodybuilder Gewichte, trainieren mit Hanteln. Fünf Dollar kostet der Tagespass. Hier hat auch Arnold Schwarzenegger einmal angefangen. Als er dann zu Mr. Olympia, dem muskelbepacktesten aller Bodybuilder, avancierte, mithilfe von Anabolika übrigens, wie er im Gouverneurswahlkampf zugab, wechselte er zu Gold’s Gym, der Fitness-Halle von Joe Gold. Über deren Eingang verheißt heute noch ein Schriftzug: "The Mecca of Body Building". Gold hat, nachdem er an vielen Orten Filialen aufmachte und mit der Vermarktung von Nahrungsergänzungsmitteln Geld verdiente, seine Gold-Gym-Kette verkauft und die World-Gym-Kette aufgezogen.

Gegenüber dem ursprünglichen Gold’s Gym findet sich Arnold Schwarzeneggers Bar/Restaurant mit Namen Schatzi on Main. Hier ist merkwürdigerweise erlaubt, was sonst in kalifornischen Gaststätten, ja selbst in Nachtclubs, strikt untersagt ist, das Rauchen. In der Gaststätte – mit dem "on Main" ist die Lage auf der Main Street gemeint – zeigen Poster, wie weit man es bringen kann, wenn man nur den richtigen juice zu sich nimmt: Schwarzenegger als Mr. Olympia, Schwarzenegger Arm in Arm mit Joe Gold, Schwarzenegger als Gouverneur. Dazwischen hängen vereinzelt noch Plakate der Brüder Mentzer, Mike und Ray, man hat wohl vergessen, sie abzunehmen. Oder man wollte einfach nicht wahrhaben, was mit ihnen passiert ist.

Die beiden trainierten mit Gewichten bis zu 1000 Pfund. Mike Mentzer schrieb darüber vermeintlich wissenschaftliche Aufsätze. High intensity training nannte er die Methode, bei der die Muskeln derart strapaziert wurden, dass sie danach für Tage erlahmten. Mike Mentzer starb am 9. Juni 2001, 49-jährig, Ray Mentzer, zwei Jahre jünger, 38 Stunden später in derselben Wohnung wie sein Bruder. Offizielle Todesursache in beiden Fällen war eine Verkalkung der Herzgefäße. In den Fitness-Studios sagen heute noch alle, die beiden hätten einfach die richtigen Gene gehabt, um solche Muskelpakete aufzubauen. Von anabolischen Steroiden redet niemand.

Wer aber nicht die Gene hat, solche Muskelpakete aufzubauen, kann in einem der unzähligen Geschäfte auf der Main Street, so in dem Laden mit dem Namen Musclemag International, direkt neben dem Schatzi, Fünflitereimer mit anabolic proteins kaufen. Was genau diese Nahrungsergänzungsmittel enthalten, was anabolische Proteine eigentlich sind, das vermag die blondierte Verkäuferin nicht zu erklären. "Es ist einfach so", belehrt sie trotzdem, "wenn man hart trainiert, fressen sich die Muskeln selber auf, die Ergänzungsmittel braucht man dann, um sie wieder zu reparieren." Sie muss es wissen, sie ist Bodybuilderin.

Es wäre müßig, sie nach einem typisch amerikanischen Gesetz zu fragen, dem Dietary Supplement Health and Regulation Act aus dem Jahre 1994 etwa, das eher ein Deregulierungsgesetz ist. Es überlässt den Herstellern von Nahrungsergänzungsmitteln, zu prüfen, ob ihre Produkte gesundheitlich unbedenklich sind, in der Annahme, die Hersteller würden doch bestimmt verantwortungsbewusst handeln. Die hübsche Verkäuferin im Musclemag jedenfalls vertraut ihnen offensichtlich.

In einem Geschäft auf der anderen Straßenseite kann man sehen, dass es sich auch für Frauen auszahlen kann, die supplements aus den Fünflitereimern in sich hineinzuschaufeln. Dort wird Colleen Kellys Sexy Swimwear angeboten. Und es wird damit geworben, dass diese Mikrobikinis nicht nur auf dem Cover von Ironman sondern auch des Playboy zu sehen waren, womit ja wohl gesagt werden soll, dass sich das Idealbild der Playmates dem der Muskelprotze angenähert hat.

Es lässt sich hier auch leicht die Kopie eines Artikels aus einer Zeitschrift mit Namen Testosteron vom April 2001 auftreiben. Darin wird unter der Überschrift Your Doctor, Your Dealer ohne Umschweife erklärt, wie man seinem Doktor einen Testosteronmangel vortäuscht – so gut wie nichts essen, auf keinen Fall Kohlehydrate, kein Fett, aber viel Bier trinken, viele Workouts, wenig Schlaf –, damit dieser einem dann das rezeptpflichtige Hormon verschreibe. Es muss sich schon lange herumgesprochen haben, wie man einen Arzt zum unwissenden Dealer macht. Denn in den Vereinigten Staaten hat sich auf wundersame Weise die Zahl der Rezepte für anabolische Steroide von gut 800000 im Jahre 1997 auf 1,5 Millionen im Jahre 2001 nahezu verdoppelt. Da scheint es keineswegs übertrieben zu sein, von einer gedopten Gesellschaft zu sprechen. Nicht nur mit erschwindelten Rezepten sind die Dopingmittel zu bekommen. In den Umkleidekabinen der Fitness-Center werden Steroide unter der Hand verkauft, im Internet werden sie offen angeboten. Und Nahrungsergänzungsmittel mit vielversprechenden Namen wie Ripped Fuel oder Teen Advantage, deren Wirkstoffe die männlichen Hormone gewissermaßen imitieren, gibt es in jedem Drugstore.

Lange ist es her, 1972, vor den olympischen Spielen von München, da rieten die Trainer den Mitgliedern der amerikanischen Leichtathletikmannschaft noch, sie sollten keine Steroide einnehmen, sie nützten einfach nichts. Frank Shorter, ein ehemaliger Marathonsieger, der später Vorsitzender der amerikanischen Anti-Doping-Behörde wurde, verriet der New York Times im Dezember 2002, was dann passierte. "Ich saß hinten im Raum bei den Gewichthebern, und die lachten laut", sagte er, "sie hatten Fotos von ‚vorher‘ und ‚nachher‘ dabei."

Der Olympiazweite handelte mit anabolischen Steroiden

1972 in München war auch David Jenkins an den Start gegangen, mit der britischen 4-mal-400-Meter-Staffel, die Silber gewann. Jenkins wanderte in die USA aus, ließ sich im Sonnenscheinstaat Kalifornien nieder, und zwar genau in Venice. Im Gold’s Gym lernte er den nicht sonderlich erfolgreichen Bodybuilder William Dillon kennen, alsbald auch den ebenfalls in Venice lebenden Autor des Schriftwerks The Underground Steroid Handbook, Dan Douchaine. Jenkins wurde Geschäftsmann und handelte mit Nahrungsergänzungsmitteln. Er bezog massenweise anabolische Steroide aus Mexiko, über deren Gebrauch er aus Douchaines Handbuch alles Wesentliche erfahren hatte. Der ehemalige Mittelstreckenläufer belieferte alsbald den größten Teil des illegalen Markts in den USA. 1987 wurde er wegen Verbreitung verbotener Anabolika zu zehn Jahren Haft verurteilt, 1989 als Freigänger – in San Diego, der kalifornischen Grenzstadt zu Mexiko – aber schon wieder entlassen.

Von alldem will Joe Gold, inzwischen weißhaarig und 81 Jahre alt, der König der Bodybuilder, also nichts wissen.

Haben Sie wirklich nichts zur Verwendung von Anabolika im Sport zu sagen, Mr. Gold?

"Ich bin 100 Prozent dagegen. Es wird langsam Zeit, dass den Leuten aufgeht, wie weit sie es getrieben haben", knurrt er – und schiebt sich in dem Rollstuhl, an den er seit einigen Jahren gefesselt ist, zurück in sein Office.

An der Grenze zu Mexiko endet die Verlogenheit. Direkt hinter dem Grenzübergang steht das Shopping-Center Viva Tijuana. Ein paar Restaurants, ein paar Bars mit Nackttänzerinnen, auf der Hauptstraße dahinter die Prostituierten, die trotz ihres dicken Make-ups nicht wie Pamela Anderson aussehen, sondern wie das, was sie sind, nämlich arme Indios. Auf der Plaza reihen sich, wie auch auf der Avenida Revolución, Drugstore an Drugstore. Alle bieten anabolische Steroide an. Am häufigsten wird für ein Mittel namens Sostenon geworben. Es kostet nur 14 US-Dollar. In der Pharma Vet, einer Apotheke für Tiermedizin, versichert der Verkäufer, dass die Mittel Ganabol und Equipoise, eigentlich für die Tierzucht bestimmt, auch von Menschen unbedenklich eingenommen werden könnten. Auf die Packungen ist ein deutlicher Warnhinweis gedruckt: "20 Tage vor der Schlachtung absetzen."

Der Verkäufer bietet ungefragt an: "Wenn Sie größere Mengen abnehmen, gewähre ich Ihnen gerne Rabatt." Und in der Medicine Company auf der Avenida, wo, wie überall, Testoprim-D (drei Ampullen mit 250 Milligramm Wirkstoff zu 22 US-Dollar) neben Andriol mit 30 Kapseln von 40 Milligramm zu 39,40 US-Dollar angeboten werden, rät die Verkäuferin zu den Ampullen: "Es reicht, wenn Sie sich einmal in der Woche eine Spritze mit Testoprim geben, die Andriol-Kapseln müssen Sie täglich einnehmen – unsere jungen Kunden bevorzugen die Ampullen."

Auf dem Rückweg über den Grenzübergang San Ysidro, zwischen Tijuana und San Diego, fragen wir den amerikanischen Zöllner, ob es denn überhaupt verboten sei, anabolische Steroide aus Mexiko mitzubringen. "Aber sicher", sagt er, ohne auch nur einen Moment lang unfreundlich zu werden, "wir konfiszieren die Substanzen und bestrafen die Schmuggler."

Sind es viele?

"Jede Menge", antwortet er und macht eine Bewegung, als setze er sich selbst eine Spritze, "Baseballspieler, Footballspieler, Leichtathleten – und es sind immer besonders viele vor den olympischen Spielen."

Offensichtlich ist Santa Monica nicht wegen des ewig frühlingshaften Wetters zum Mekka der Athleten geworden, sondern wegen der ewig verfügbaren Dopingmittel. Dass aber das allzu Offensichtliche immer vertuscht wird, verrät eine letzte E-Mail, die Joe Douglas uns hinterhergeschickt hat. Sie enthält einen zwölfseitigen Aufsatz mit dem Titel Anabolic Athletes von Charlie Francis, jenem Coach des überführten Kanadiers Ben Johnson, dem, wie gesagt, Marion Jones die Zusammenarbeit aufgekündigt hat. Francis lässt in dieser Kurzen Geschichte der Drogen im Sport wissen, dass immer und zu allen Zeiten Aufputschmittel genommen worden seien. "Olympische Athleten haben, wie bereits 776 vor Christus festgehalten wurde, ihr Testosteron-Niveau erhöht, indem sie Schafshoden zu sich nahmen – eine wichtige Quelle von Testosteron."

Über die Spiele von 2004 heißt es, dass sie endlich wieder dort angekommen seien, wo das olympische Ideal geboren wurde. Aber das ist sicher anders gemeint.