Meine Urgroßmutter brachte 13 Kinder zur Welt, ich bloß eines. Auf einer bräunlichen Fotografie sehe ich sie sitzen, eine kleine Frau, müde von Pflichterfüllung und dem Dienst an Mann und Familie. Von ihren Kindern starben zwei unter der Geburt, drei starben in den ersten Lebensjahren. Acht wurden erwachsen, sie sitzen auf dem alten Bild um meine Urgroßmutter herum, vier Söhne, vier Töchter. Es ist eine letzte Familienaufnahme aus dem Jahr 1914. Von den vier Söhnen kehrten zwei von der Front nicht zurück, drei Töchter starben am Elend des Ersten Weltkriegs. Nur drei der 13 Kinder meiner Urgroßmutter wurden alte Leute. Zehn hat sie verloren.

Es überlebten: mein Großonkel Wolfgang und meine Großtante Johanna, die beide keusch und damit kinderlos geblieben sind. Allein meinem Großvater Bernhard gebar seine Frau 1914 und 1916 unter Lebensgefahren zwei Söhne. Der jüngere starb noch als Säugling bei einer Nabelbruchoperation. Übrig blieb nur einer – mein Vater.

Heute, da ich selbst die vierzig überschritten habe, treffe ich häufiger auf Leute, die sich aus dem Zeitalter des multimedialen Geplappers, der Kommunikationsexzesse und der globalisierten Belanglosigkeit ins Früher zurückwünschen, in eine Zeit da die Menschen bedeutender, ihre Gedanken ernster, ihre Gefühle tiefer, ihre Literatur größer, ihre Bauwerke vollkommener gewesen sein sollen. Eine Zeit, in der alle eine Ordnung, die Kinder eine Zukunft und der Einzelne seinen Wert gehabt haben, in der Ehe und Familie noch zuverlässige Größen waren. Dann denke ich an meine Urgroßmutter, von der ich nicht weiß, wann sie inkontinent wurde – nach der fünften Geburt vielleicht oder nach der siebten. Die von ihrem Mann mit groben Vorwürfen überhäuft wurde, wenn sie wieder schwanger war. Die ertragen musste, dass ihr dreijähriges Käthchen an der Kehlkopfdiphterie erkrankte und einen qualvollen Erstickungstod starb, den heute kein westeuropäisches Kind mehr erleiden muss. Die ihre Söhne dem Kaiser opferte, sich selbst dem Ehemann unterwarf, alles ertrug, weil es gottgegeben war. Und ich bin dankbar, dass ich heute leben darf.

Des Vaters Wort ist Gesetz – selbst für eine Hundertjährige

Am 10. November 1982 rauchte meine Großtante Johanna ihre erste Zigarette. Wir waren alle dabei, denn es war ein bedeutender Tag: Sie wurde 100 Jahre alt. Sie hatte wenige Züge getan, als ihr 90-jähriger kleiner Bruder Wolfgang bemerkte: "Hanna, du rauchst! Wenn das unser Vater sähe!" Da löschte meine Tante die Zigarette, denn auch mit 100 wollte sie nicht ungehorsam sein. Solche Szenen muss erlebt haben, wer von den Frauenbiografien einer Familie erzählen will. Deshalb schreibe ich hier von meinen Tanten, meinen Geschwistern und meinen Nichten, denn nur über die eigenen Angehörigen weiß man Bescheid. Es gibt nichts Blickdichteres als eine Familie, nie wird ein Außenstehender das Gestrüpp von Geheimnissen und Mythen durchdringen, das ein Haus umgibt.

Meine Großtante Johanna, geboren 1882, war für mich als Kind ein Wesen aus der Märchenwelt. Als ich 1961 als letztes von vier Kindern in München zur Welt kam, waren meine Eltern schon recht alt und die Großeltern gestorben. Nur diese Großtante gab es noch. So wurde sie mir zur Großmutter, und aus ihren Geschichten wehte mich der Geist des 19. Jahrhunderts an: gruselige Geschichten von Stockhieben und Karzerstrafen in der Schule und von Festtagsbraten, die der Vater, ein Küfer, unter den Augen seiner Familie ganz allein vertilgte. Geschichten von "gefallenen Mädchen", die in der Wäscherei, der meine Tante später vorstand, zu brauchbaren jungen Ehefrauen umerzogen wurden. In meiner Schwester Barbara, einer sehenswerten Blondine, erblickte die alte Tante zeitlebens eine Wiedergängerin ihrer Schützlinge von einst, deren Munterkeit es zu ersticken galt. Und wie erschräke die Tante erst, fiele ihr Blick auf die Generation unserer nicht nur von aller Prüderie befreiten Töchter! Wenn Tante Johanna uns Kinder zu Bett brachte, achtete sie streng darauf, dass unsere Händchen auf der Bettdecke lagen – ich habe erst Jahrzehnte später begriffen, warum. Von ihr stammt der grandiose Aphorismus: "Wer keine Jungfrau ist, der ist kein Mensch." Und man darf sicher sein, dass sie Mensch war, als sie 1988 im Alter von 106 Jahren diese Welt losließ.

Obwohl meine Tante ihr langes, durch Kriege zerrissenes Leben – von einer kurzen Ehe mit einem invaliden Diakon abgesehen – als alleinstehende Frau meisterte, stellte sie ins Zentrum ihres Denkens immer irgendeinen Mann, den sie vergöttern und für dessen Wohlergehen sie sich aufreiben konnte. So war sie erzogen. Anfangs war sie auf ihren Vater fixiert, dann auf die Brüder, dann auf den schwerkranken Gatten und schließlich, in Ermangelung eines Sohnes, auf ihren einzigen Neffen, meinen Vater. Erst als der gestorben war, gestattete auch sie es sich zu gehen. "Frauen", sagte sie zu uns, "müssen Männer nicht lieben. Sie müssen zu ihnen aufschauen können." Für meine Tante hieß Frausein: im Staub liegen. Liebe fand sie allenfalls bei Gott. "Gott ist Liebe", steht in der Bibel, und meiner Tante war das Liebe genug.

Auch meine ältere Schwester Johanna lebt für Gott und ohne Mann. Sie ist Professorin für evangelische Theologie und Medien an einer bayerischen Universität und war das Patenkind jener Großtante, deren Namen sie trägt. Sie wohnt zusammen mit ihrer 14-jährigen Tochter Maria in unserer Heimatstadt München, und die beiden firmieren als leistungsstarke Mutter mit sich selbst erziehendem Kind. Als sie jung war, sah sich meine Schwester als zupackende Pfarrerin mit fünf Kindern, sie studierte Theologie und trat den Dienst in einer bayerischen Landgemeinde an. Hier schrumpften die Herausforderungen religiöser Verkündigung auf das Wagnis einer Planstelle im Beamtenapparat. Es stellten sich nicht länger Fragen nach den letzten Dingen des Universums, sondern jene nach dem Blumenschmuck auf dem Altar. Aus dem Wort Gottes war das Pfarramt geworden. Meine Schwester floh, die Ehe mit einem Pastor löste sich in nichts auf, ohne dass einer der beiden das bedauert hätte.

Es begann eine atemberaubende Karriere, die sie durch die verschiedensten Männerdomänen immer weiter bergan führte, Chefredakeurin einer Kirchenzeitung, Verkündigung in Hörfunk und Fernsehen und zuletzt Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche Deutschlands. Der Preis für diesen Höhenflug war, dass sie so gut wie nicht mehr nach Hause kam, während die Erziehung der kleinen Maria von diversen Au-pair-Mädchen bewältigt wurde. Oft quetschte sich meine Schwester irgendwo in Deutschland abends in den letzten Flieger nach München, um wenigstens nachts die Wärme ihres Kindes zu spüren. Morgens um sechs stand sie schon wieder auf dem Bahnsteig. So ging das über Jahre. Erst als Maria zu Johanna sagte: "Mama, bitte such dir ein neues Leben", hielt meine Schwester inne. Sie folgte dem Ruf einer Universität und brachte ein wenig Ruhe und Berechenbarkeit in ihren Alltag.

Meine Schwester ist jetzt 47 Jahre alt, und je älter sie wird, desto unabhängiger wird sie. Sie ist gescheit, humorvoll, gesellig, aber schon seit der Kindheit von einer leisen Melancholie überschattet, so als habe sie immer gewusst, dass sie allein bleiben würde. Viel unterwegs ist sie immer noch, ständig angefragt, dauernd im Gespräch und auch auf dem Handy kaum zu erreichen – und doch im hintersten Winkel ihres Herzens mit ihren Entscheidungen ganz allein. Meine Schwester Johanna verkörpert für mich den Gegentypus zu meiner Großtante Johanna: den einer radikal modernen Frau, hoch gebildet und autark. Im Mittelpunkt ihres Denkens stehen keine Männer, sondern ihre Arbeit und ihr Kind.

Verglichen mit dem kompromisslosen Leben meiner Schwester, ist mein eigenes ein verwirrendes Konstrukt. Meine Selbstständigkeit beruht auf dem Gegenteil von Autarkie – auf Angewiesensein. Meine Freiheit, Mutter zu sein und trotzdem in meiner Zeitung aufzugehen, beruht auf einem System aus Helfern, Nachbarn und Angestellten, das mit beträchtlichem logistischem, emotionalem und finanziellem Aufwand am Leben erhalten wird. Dabei habe ich nur ein Kind, meine sechsjährige Tochter Lene. 18 Jahre lang habe ich mich geweigert, dieses Kind zu bekommen, immer in Sorge um meine Freiheit. 24 Jahre habe ich gebraucht, um meinen Schulkameraden August zu heiraten, dem ich als Teenager in der Turnhalle unseres Münchner Gymnasiums begegnet war. Immmer war ich in Furcht, die Ehe könnte mich an der Selbstentfaltung hindern. Erst als August sagte: "Wenn wir jetzt nicht bald heiraten, sehen wir auf den Hochzeitsfotos scheußlich aus", gab ich nach. Das war im vergangenen Jahr. Es wurde ein rauschendes Fest. Und die Hochzeitsfotos zeigen in der Tat ein Paar, für das es Zeit geworden ist.

800 Kilometer von unseren Familien entfernt haben wir uns in Hamburg eine künstliche Großfamilie gezimmert. Wir leben seit zehn Jahren in Gemeinschaft mit bayerischen Menschen namens Müller: einem Hautarzt, einer Ergotherapeutin und ihrem kleinen Jungen. Als der Nachwuchs sich ankündigte, haben wir uns zu viert ein Haus auf dem Lande gekauft.

Ich habe den Müllers viel zu danken, vor allem der Frau. Weil sie sich meiner Tochter annimmt, kann ich ruhigen Herzens auf Recherche fahren. Klingelt ein Fremder bei uns, sagt Lene: "Meine Mama ist nicht da, aber mit der Mutter meines kleinen Bruders kannst du sprechen." Den Rest des Sorgerechts teile ich mir mit meinem Mann, das war Geschäftsgrundlage der Familiengründung. Und wenn wir beide viel zu tun haben, kommt es zu erbittertem Streit um die Zeit. Zur Konfliktreduzierung trägt eine festangestellte Ersatzgroßmutter bei, eine festangestellte Zugehfrau sorgt dafür, dass wir uns nicht auch noch wegen des Haushalts in die Haare geraten. Immerhin weiß ich jetzt, dass berufstätige Frauen nicht Arbeitsplätze wegnehmen, sondern Arbeitsplätze schaffen.

Eine Wohngemeinschaft mit viel Besuch und abendlichem Palaver ist nicht jedermanns Sache – uns macht sie froh. Manchmal, wenn wir mit den Müllers beim Essen sitzen und die Kinder auf Bobbycars um uns herumsausen, überlegen wir, ob unsere Beziehungen wohl auch so stabil wären, lebten wir auf zwei Kleinfamilien verteilt. Wir wissen es nicht, aber der Müller sagt: "Von einem lässt man sich halt leichter scheiden als von dreien."

Mein Vater, ein Pfarrer, musste nach der Scheidung von seiner ersten Frau alle Hoffnungen auf eine Karriere in der bayerischen Landeskirche begraben. Ein Geschiedener war damals ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Anständigen, er war mit einem Makel behaftet, ganz besonders im Kirchendienst. So wurde die Scheidung meines Vaters zur Initialzündung für das Wirtschaftswunderleben meiner Mutter Gertrud, seiner zweiten Frau: Sie bekam zwischen ihrem 35. und 45. Lebensjahr vier Kinder und gründete gemeinsam mit ihrem Mann ein Unternehmen. Mein Vater hatte Mut und Ideen, meine Mutter hatte, als Wirtschaftslehrerin, den Blick fürs ökonomisch Machbare. Das Unternehmen hat sich inzwischen zu einer Art Sozialkonzern ausgewachsen, den längst mein Bruder führt. Und meine heute 86-jährige Mutter ist kein verschüchtertes Landkind mehr, sondern eine ziemlich unangepasste alte Dame. Der Zweite Weltkrieg, die Dynamik der Nachkriegszeit, die mitreißende Art ihres Mannes und die Auseinandersetzungen mit ihren Kindern haben ihr Leben – fast gegen ihren Willen – in das einer modernen Frau verwandelt. Trotzdem fühlt sie sich zunehmend fehl am Platze in einer Gesellschaft, in der alles, woran sie früher geglaubt hat, vor ihren Augen an Wert verliert.

Meiner Mutter ist es immer um die Familie gegangen, um ihre Kinder, denen sie alles möglich machen wollte, und um ihre Enkel, denen sie bis kurz vors Abitur Nachhilfeunterricht erteilte. Wie ein Hütehund umkreiste sie die Ihren, damit keiner Schaden nähme. Als mein Bruder Frau und vier Kinder verließ, beherbergte sie ihn – und nahm einen viele Jahre dauernden Kampf um das Vertrauen ihrer Schwiegertochter und der Kinder auf, die verstört und fassungslos zurückgeblieben waren. Dass alle seine Kinder heute nicht nur an Weihnachten zu meinem Bruder kommen, dass sie seinen Rat suchen, dass sie mit ihm in den Urlaub fahren, ist auch das unermüdliche Versöhnungswerk meiner Mutter. Jetzt, als alte Frau, ist sie nicht mehr für den Erhalt einer Ehe um jeden Preis. Sie hat das Leid der Kinder erlebt, aber auch die Not meines Bruders. Zu ihrer Zeit wäre er geblieben und zerbrochen. So hat mein Bruder wieder geheiratet und noch zwei Nachkommen gezeugt. Er ist jetzt sechsfacher Vater. Dass er viel Arbeit und viele Kinder hat, ist in seinem Leben kein Widerspruch – er ist ein Mann.

Wer will schon Kinder haben, in so einer Zeit?

Meine Schwester Barbara ist die Einzige von uns Geschwistern, die Gefährdungen, Fragwürdigkeiten oder Komplikationen einer zeitgemäßen Paarbeziehung nicht am eigenen Leib erlebt hat, sie ist seit 30 Jahren krisenfrei mit einem Arzt verheiratet. Dabei hatten sich meine Eltern gerade um sie – ihrer auffälligen Schönheit und ihrer ausgeprägten Abenteuerlust wegen – heftige Sorgen gemacht. Jetzt ist sie 50 Jahre alt, gemäßigt und bürgerlich und wird als Konrektorin einer Münchner Grundschule täglich mit den Opfern der modernen Zeiten konfrontiert, den Kindern. Sie hört es sich an, wenn ihr die Sechsjährigen in der Pause heulend erzählen, dass der Papa ausgezogen ist. Sie sieht, wie die Erwachsenen hinter Schimären herjagen, wie sie alles, selbst ihre Kinder, einer Traumwelt opfern, die nur im Fernsehen existiert. Es wird nicht mehr durchgehalten und nicht mehr umeinander gekämpft, erfährt sie täglich. Liebe heißt nicht mehr: für jemanden sorgen, sondern: Spaß haben. Und wer keinen Spaß mehr hat, macht einfach die Tür hinter sich zu. Sie spricht mit jungen Müttern, intelligenten, aktiven, schönen Frauen, die von ihren Männern ohne Vorwarnung stehen gelassen wurden und die nun alles, Kindererziehung, Beruf, Haushalt, allein schaffen müssen. Niemand hilft ihnen: Es gibt keine Ganztagsschulen, keine Hausaufgabenbetreuung, keine bezahlbaren Kindergärten. Alles ist teuer: Babysitter, Krippe, Haushaltshilfe. Und dann soll ja die Frau von heute auch noch interessant sein, gepflegt, studiert und schlank. Berufsbedingt findet meine Schwester Barbara deshalb, dass die Zeiten für Frauen und Kinder noch nie so grausam gewesen seien wie heute. Und sie fragt sich: Wer will schon Kinder haben, in so einer Zeit?

An all das denkt meine Nichte Miriam noch lange nicht. Sie ist Barbaras Tochter, eine schöne, kühle Frau von 25 Jahren. Sie hat Medizin studiert und will Fachärztin für wiederherstellende Chirurgie werden. Anno 1904 wäre sie verheiratet und Mutter von drei, vielleicht vier Kindern – jetzt, anno 2004, packt sie ihre Koffer, um ein praktisches Jahr in Singapur, Sydney und Kapstadt zu absolvieren. Wie schrecklich lange sie weg ist! Und so weit entfernt von daheim! Mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihr globalisiertes Frauenleben aufnimmt! Und die Liebe? Bleibt zurück. Eine tiefe innere Unruhe treibt Miriam fort. "Es gibt Leute, die können sich nur lieben, wenn sie einander vor der Nase haben", sagt sie, "zu denen gehöre ich nicht." Seit zehn Jahren hat sie einen festen Freund, wenn auch nicht immer denselben. Nun ist sie froh, endlich allein zu sein. Und Kinder? Bestimmt! Aber wann? Wenn diese unerklärliche Nervosität von ihr abgefallen sein wird, also sicher nicht vor 35. Von wem? Keine Ahnung, er wird kommen.

Ein spannender Beruf muss es sein, der sie ernährt. Nie will sie auf einen Vater, Ehemann, Liebhaber oder Chef angewiesen sein, nie will sie von jemandes Gunst abhängen, nie sich vor jemandem klein machen müssen. Nur auf sich selbst will sie zählen. Sie wird frei sein, und sie wird den Preis dafür zahlen müssen.