Ich möchte es so sagen: Wenn man sich zufällig einmal nicht für Prousts Gefühle und Meinungen interessiert, dann kann er einem ganz schön auf die Nerven gehen. Ich meine: Was will er in meinem Kopf? Was in meiner Seele? Im Grunde hat er da überall nichts zu suchen. Und wenn man ihm, als wäre das Wunder was für ein Lob, nachsagt, immer wieder ertappe er einen gleichsam bei den eigenen innersten kaum je eingestandenen Empfindungen – was ist denn daran lobenswert? Was für eine Mentalität ist das, die bewundert, was sie bloßstellt? Also nichts gegen Proust, wirklich nicht, aber manchmal kann er einem tatsächlich ganz schön auf die Nerven gehen.

Dagegen nun endlich einmal wieder ein Prosastück von Henry James. Dagegen nun also Henry James selbst: ganz unsichtbar bleibend hinter seinen Figuren, seinen Geschichten – ein diskreter Gott. Ein Schriftsteller, der sich nicht für sich und nicht für mich interessiert: welch eine Wohltat! Er nimmt mich für seinen Leser, das ist alles, fast möchte ich so sagen: Er will mich nicht klüger machen, er hält mich schon für klüger, als ich bin.

Nun gut: Er schiebt dann sehr oft erzählende Figuren vor; Figuren, die weder seine noch meine Einsicht haben, sondern eben ihre eigene. Es bleibt sehr schön, wenn nun der Erzähler immer wieder erstaunt ist über das, was die andern im Buch tun, natürlich denkt man ein bisschen, James selbst ist erstaunt über die Freiheit, die er da geschaffen hat. Es ist nicht ganz so, geschaffen hat er eben auch die Figur, die statt seiner, statt meiner staunt; aber diese Figur selbst bleibt auch ein Rätsel, noch im Staunen.

Hier, in dieser in Venedig spielenden langen Erzählung (in der Nomenklatur der James-Forschung sind diese Aspern Papers eine long short story, 35000 Wörter; die Geschichte ist von 1888, hier nach der späteren revidierten Fassung), ist der vorgeschobene Mittelsmann die eigentlich aktive Figur, in etwa vergleichbar den Privatdetektiven Hammetts und Chandlers, deren Wesen es ja ist, dass sie durch Nachforschen alles ins Rollen bringen. Hier ist es ein amerikanischer Literaturwissenschaftler, jung, ehrgeizig, der hinter Papieren her ist, die sein Held, jung verstorben vor, sagen wir, achtzig, neunzig, hundert Jahren, ein weltberühmter Dichter (so etwas wie Byron, Shelley, Puschkin), in Form von Liebesbriefen etwa womöglich einer damals sehr jungen Frau hinterlassen hat, die jetzt, über hundertjährig, mit einer Nichte in Venedig lebt.

Tatsächlich hat die Alte diese Papiere, wie sich herausstellt, als sich der Erzähler unter falschem Namen und unter Angabe natürlich anderer Gründe in ihrem verarmten Palazzo als sehr gut, übertrieben gut zahlender Untermieter einquartiert hat und außer mit dem reichlichen Mietzins mit Blumen, die er im bis dato verwilderten Garten ziehen lässt, das Vertrauen der Bewohnerinnen zu gewinnen versucht. – Natürlich kriegt er am Ende die Papiere nicht, das gehört zur Vorgabe des ganzen Plots, sonst hätten wir sie (wie anderswo unerhörte Schätze und so weiter), und wir haben sie ja nicht. Nur ins Rollen war wirklich alles gekommen, denn es gab die Papiere, dann aber werden sie verbrannt, und eben die Alte hatte sie, aber die ist dann tot.

Die Geschichte geht uns nichts an, wir sind absolut sicher vor James, vor dem jungen Erzähler, vor der Alten, vor der Nichte. Aber es geht etwas unglaublich Bannendes davon aus, wie James Situationen herbeiführt, von denen wir uns sagen, dass es sie beinahe gar nicht geben darf. Die Alte etwa, die immer ihre hundertjährigen Augen verborgen hält (Augen, der Himmel doch einmal für jenen sonst weiß Gott frauenverwöhnten Dichter damals), lässt diese Augen einen Moment lang sehen, ihn, den jetzt doppelt geblendeten ertappten jungen Mann (er nur ist ertappt, beim Stöbern in fremden Schränken); oder die Nichte, wirklich eine nicht recht attraktive Frau, macht dem jungen Forscher so etwas wie einen Heiratsantrag – und das Große ist: Was uns Lesern, sobald wir das kommen sehen, Angst machen könnte (wir sind verdorben), und ihm, dem jungen Mann, wirklich auch Angst macht, das ist in der Art, wie James davon berichtet, ein schöner, rührend-verbotener bezaubernder Vorgang.

Natürlich ist dieses "Berichten" ("wie James davon berichtet") ein unzutreffendes Wort; andererseits: Was scheint James denn sonst zu tun? Er lässt mich in einem Stande vorproustscher, vorjoycescher (um auch den andern Unhold der Moderne zu nennen) Unschuld. Doch ich kenne beide, erst nach ihnen lese ich jetzt James – und ich bin noch intakt, wie ich merke, und sehe, dass es wenigstens in der Literatur keinen Fortschritt gibt.