Meistens sitzen Männer in der ersten Reihe. Oder Kinder. Gebannt schauen sie durch das Frontfenster des vorderen Metrowaggons hinaus in den unterirdischen Schlund, in den der führerlose Zug hineinrauscht. Die Kopenhagener U-Bahnen werden von einer Computerzentrale aus gesteuert. Um den Erlebniswert zu steigern, ist der Tunnel hell ausgeleuchtet, sodass die Fahrgäste gut sehen können, wie sich die Gleise durch die Betonröhre winden. Mit der neuen Metro werden mehr als 30 Meter unter Kopenhagens Straßen Kleinbubenträume wahr.

Ankunft Kongens Nytorv, wo sich die Linien M1 und M2 kreuzen. Der aus drei Waggons bestehende Zug entlässt seine Passagiere in einen Raum, der nichts mit einem gewöhnlichen U-Bahnhof gemein hat. Keine kachelverkleideten Wände, keine fahle Beleuchtung, keine abgestandene Luft und kein Gängelabyrinth. Stattdessen empfängt den Fahrgast eine klare, transparente Architektur aus Edelstahl, Beton und Glas.

Der ultramodernen Untergrundbahn kommt eine wichtige stadtplanerische Aufgabe zu. Sie soll Kopenhagen mit der südlich vorgelagerten Halbinsel Amager verbinden. Dort entsteht seit gut zehn Jahren der Ortsteil Ørestad, der einmal die Größe der Kopenhagener Innenstadt annehmen soll. Im Gegensatz zu anderen Stadterweiterungen wie in Barcelona oder London bauen die Dänen die öffentliche Verkehrsanbindung zuerst und nicht erst am Schluss. Das lockt Investoren ins neue Quartier, die beizeiten Grundstücke erwerben und damit wiederum den Ausbau der Metro finanzieren.

Im westlichen Teil von Amager wächst derzeit schon der erste Abschnitt des ehrgeizigen Projekts heran: ein Kulturquartier mit Ablegern der Universität, Wohnheimen, einer neuen Konzerthalle des französischen Architekten Jean Nouvel und einer IT-Schule. Weiter südlich soll auf dem Land, das einst dem Meer abgetrotzt wurde, eine Mischung aus Wohnhäusern, Büros und Handelszonen entstehen, die von Kanälen, Seen und Parklandschaften durchzogen wird.

Das wird noch ein paar Jahrzehnte dauern. Doch schon jetzt hat die Metro das Selbstverständnis der Kopenhagener verändert. "Nun sind wir auch eine Weltmetropole", sagt Henrik Thierlein von der Tourismuszentrale Wonderful Copenhagen. Seit Oktober 2002 ist die Metro in Betrieb; am 24. Januar eröffnet der Bahnhof Flintholm, dann ist die M2 vorerst komplett. Diese Linie bringt Bewohner vom Westrand der Stadt in die City und weiter ostwärts. Die M1 führt parallel dazu ebenfalls vom Westen ins Zentrum, knickt aber dort nach Süden in Richtung Ørestad ab. Bis 2007 soll die M2 auch den Flughafen erreichen.

Etwa 100000 Fahrgäste steigen täglich in einen der 19 eingesetzten Züge. Es sollten noch mehr sein. Aber technische Pannen im ersten Betriebsjahr haben das Passagieraufkommen gedrückt. Doch die Sympathie für das neue Verkehrsmittel ist schon groß, was wohl am durchdachten Design liegt. Um die fahrradbegeisterten Kopenhagener zu überzeugen, hatten die dreißig Architekten unter Leitung von Nille Juul-Sørensen aus dem Büro KHR von Anfang an mit den Ingenieuren zusammengearbeitet, was bei solchen Tiefbauprojekten unüblich ist. Die überirdischen Bahnhöfe, bislang sind es acht, legten sie als lichte High-Tech-Inseln über die Gleise; den neun Tunnelstationen gaben sie die Form überschaubarer Schachteln. Zwei Rolltreppen führen vom Bahnsteig auf eine Zwischenebene. Dort fügen sich Ticketautomaten und hinterleuchtete Wandmodule mit Fahrplan- und Streckeninformationen zu einer übersichtlichen Service-Wand. Von hier gelangt man über Granittreppen an die Oberfläche. Für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen steht ein Aufzug bereit.

Dass man sich in den Bahnhofsboxen besser aufgehoben fühlt als in normalen U-Bahn-Stationen, liegt vor allem am natürlichen Licht. Es kommt aus den drei bis fünf Glaspyramiden, die über den meisten Tunnelstationen in die Straßenoberfläche eingelassen sind. Ein ausgeklügeltes System von Reflektoren lenkt das Licht bis auf die Bahnsteigebene hinab. So kann man auch tief unter der Erde erkennen, wie das Wetter ist. Sensoren messen die Helligkeit und mischen die nötige Menge an Kunstlicht bei.

Im Stadtbild sind die Glaspyramiden ein Hingucker. Vor dem Eingang des populären Kaufhauses Magasin du Nord am Kongens Nytorv etwa erzeugen sie einen effektvollen Kontrast zum historischen Prunk ringsum – besonders nachts, wenn sie hell erleuchtet sind. Tatsächlich würde man ohne sie manche der Metrostationen glatt übersehen. Denn die sind zwar mit einer grauen Säule an den Eingängen gekennzeichnet. Das Metrosymbol, ein dunkelrotes, dick unterstrichenes M, ist darauf allerdings nur sehr dezent angebracht.