Wo wäre es denkbar, dass das politische Magazin eines öffentlich-rechtlichen oder kommerziellen Fernsehsenders die Berichterstattung des eigenen Hauses als fehlerhaft, ja verfälschend kritisiert und der Leitung des Senders wie dem Aufsichtsgremium vorhält, dass sie ihre Aufgaben sträflich vernachlässigt hätten? Genau das ist am Mittwoch Abend in Großbritannien geschehen, auf der BBC. Dort lief, eine Woche vor dem Abschlussbericht von Lordrichter Hutton über die Umstände des Todes des britischen Waffenexperten David Kelly, eine Sonderausgabe der Sendung Panorama, dazu noch zur besten Sendezeit zwischen 20.30 und 22 Uhr. Normalerweise muss sich Panorama (das Vorbild für ähnliche Sendungstypen in zahlreichen Ländern) mit dem „graveyard slot“ am späten Sonntagabend begnügen. Zudem wurden dem Programm statt der üblichen 45 Minuten gleich 1.1/2 Stunden zugebilligt.

Zur Erinnerung: Im Mai vergangenen Jahres hatte BBC-Reporter Andrew Gilligan berichtet, das Waffendossier der Londoner Regierung, vorgelegt im September 2002, sei absichtsvoll aufgebauscht, „sexed up“ worden, gegen den erklärten Willen der Geheimdienste. Die Regierung hätte die Warnung eingefügt über den möglichen Einsatz irakischer Massenvernichtungswaffen binnen 45 Minuten, obgleich sie da schon gewusst habe, dass dies falsch sei. Mit anderen Worten: Tony Blair belog Parlament und Nation, bevor er in den Krieg gegen den Irak zog. Direkt verantwortlich für das „sexing up“ des Dossiers sei Alistair Campbell gewesen, Kommunikationsdirektor des britischen Premiers. Dies habe ihm, BBC-Reporter Gilligan, ein „hochrangiges Mitglied“ des Geheimdienstes gesagt.
Der Bericht hatte eine eine monatelange, bittere Auseindersetzung zwischen Regierung und BBC zur Folge. Der Informant Gilligans, Waffenexperte David Kelly, geriet dabei zwischen die Fronten und nahm sich im Frühsommer vergangenen Jahres das Leben. Blair setzte daraufhin eine unabhängige Untersuchung unter Vorsitz von Lordrichter Hutton ein, deren Ergebnis alle Parteien, Regierung, BBC, Geheimdienste und Ministerialbeamte mit gemischten Gefühlen entgegenblicken.

Im zentralen Punkt gab Panorama der Regierung recht: Der Bericht des BBC-Reporters Gilligan war in seiner Substanz falsch. Sein gravierendster Vorwurf, der der absichtsvollen Lüge der Regierung, erwies sich als haltlos. Auch wurde der Geheimdienst von der Regierung nicht gezwungen, Fakten in das Dossier aufzunehmen.

Harsch war das Urteil auch über das Verhalten der BBC-Führung und deren Aufsichtsgremium, den Governors : Die Antwort der BBC auf die vehemente Beschwerde der Regierung enthielt schwere Fehler. Die BBC-Führung hatte es vorher nicht für nötig befunden, den Fall zu untersuchen. Die elektronischen Notizen Gilligans wurden nicht studiert, Generaldirektor Greg Dyke hatte nicht einmal die Abschrift des inkriminierten Berichts gelesen, bevor die Klagen von 10 Downing Street Punkt für Punkt scharf zurückgewiesen wurden. Danach ließen sich auch die Governors der BBC in eine vorbehaltlose Verteidgungsstrategie einspannen, anstatt erst einmal eine interne Prüfung anzuordnen. Über Generaldirketor Greg Dyke und seine Direktoren urteilte Panorama, they bet their farm on shaky foundations , was soviel heißt wie Haus und Hof aufs Spiel zu setzen. John Ware, verantwortlicher Redakteur des Programms, erläuterte in einem Interview in der BBC nach der Ausstrahlung von Panorama, dass nicht nur der ursprüngliche Report Gilligans und das Verhalten der Hierarchie kritisiert werden musste, sondern auch das Versagen der BBC, den Ernst der vorgebrachten Beschuldigungen zu begreifen. Die Regierung sei einer bewußten Lüge bezichtigt worden. Es hätte deshalb niemand überraschen dürfen, dass diese so aufgebracht reagierte.

Das Programm beleuchtete nicht nur die unrühmliche Rolle der BBC, sondern legte auch die Schwachstellen der Regierung offen, zum Beispiel das Verfahren, mit dem man den Namen des Waffenexperten an die Öffentlichkeit dringen ließ. Auch wurde betont, dass einigen Vertretern des britischen Secret Service über die öffentliche Verwendung von geheimdienstlichem Material unbehaglich zumute war. Hätte sich Gilligan darauf beschränkt, hätte er eine legitime, wenn auch nicht sonderlich dramatische Story besessen. Die Redakteure von Panorama verwendeten auch viel Zeit darauf, die verschlungenen Wege der Ministerialbürokratie und ihrer politischen Herren nachzuzeichnen, wohl in dem Bestreben, die Kritik etwas gleichmäßiger zu verteilen.

Extensiv bedienten sie sich des (leider allzu beliebten) Mittels, Dokumentarsendungen durch dramatisierte Nachstellungen attraktiver zu machen. Allen voran wurde so die Befragung diverser Zeugen, von Blair über Dyke bis Gilligan, vor dem Untersuchungsausschuss von Lord Hutton nachgezeichnet. Gezeigt wurde auch ein kurzer Ausschnitt eines bislang nicht verwendeten Interviews mit David Kelly, in dem der Waffenexperte bestätigt, es bestehe eine „unmittelbare Gefahr“ durch die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins. Auch wenn die chemischen oder biologischen Trägersysteme noch nicht „gefüllt“ seien, könnten sie binnen „Tagen oder Wochen“ eingesetzt werden.

Die Frage drängt sich auf, warum dieses Interview nicht verwendet wurde, als Kellys Name in aller Munde war und über seine Haltung zu der Kernfrage der Massenvernichtungswaffen spekuliert wurde. Unerwähnt blieb in der Sendung der Artikel, den David Kelly für ein Fachjournal wenige Wochen vor dem Krieg verfasst hatte und in dem er zu dem Schluß gelangte, dass der Irak nicht nur eine Gefahr für die Region darstelle, sondern am Ende nur durch Waffengewalt zur Erfüllung der UN-Resolutionen und damit zur Abrüstung seines Arsenals gebracht werden könne.