Ein trainiertes Lächeln aus einem sonnengebräunten Gesicht. Eine lässig baumelnde Hermès-Krawatte. Alles wie immer? Kein Grund zur Sorge, sagt der Präsident, alles wie immer, "Geduld, Geduld". Am Wochenende beginnt die Rückrunde der Fußballbundesliga. Dortmund gegen Schalke, Schwarz-Gelb gegen Blau-Weiß, ausverkauftes Haus, ein Riesenspektakel. Was gibt es da zu nörgeln? Wo liegt das Problem? BVB, Ballsportverein Borussia 09 e.V. Dortmund, eine der vornehmsten Adressen im europäischen Fußball, die Böden in der Geschäftsstelle sind mit dunklem Eichenparkett ausgelegt. Heraufziehende Pleite? Tiefe Krise? "Ach, nichts Neues passiert." So spricht Gerd Niebaum, der Präsident des Vereins, Doktor Gerd Niebaum, der Chef einer Anwaltskanzlei. Die doppelt verglasten Fenster in der fünften Etage des BVB-Hauses, in der Etage des Chefs, schlucken den Lärm der Autos, die unten auf der Bundesstraße 1 pausenlos von West nach Ost, von Ost nach West fahren. Dahinter, unter einem aschgrauen Himmel, die grellgelb bemalten Stahlträger des Westfalenstadions, das die Fans demütig "Tempel" nennen. Der Tempelvorsteher heißt inzwischen Vorsitzender der Geschäftsführung der Borussia Dortmund GmbH & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien, und er trägt schwarze Lacklederschuhe.

Seit 18 Jahren regiert Gerd Niebaum den BVB, hat aus einem Provinzklub eine Kapitalgesellschaft gemacht, die erste und einzige deutsche Fußballfirma, die an die Börse ging. Die Schale des Deutschen Meisters hat Niebaum in den Händen gehalten, den Siegerpokal der Champions League, der Königsklasse im europäischen Fußball, den Weltpokal außerdem. Mit viel Geld kann man viel Erfolg kaufen, dachte Gerd Niebaum, und wenn man sich dafür heute hoch verschulden muss, dann wird der Profit von morgen die Schulden tilgen. Gerd Niebaum hat eine Wette auf die Zukunft abgeschlossen, und diese Wette droht er gerade zu verlieren. Rund 44 Millionen Euro Verlust, ermittelte Anfang Januar die Bayerische Hypo- und Vereinsbank, werde der BVB am Ende dieser Bundesligasaison angehäuft haben, wenn nichts passiert.

In Dortmund fragt man sich: Was kommt noch ans Licht?

Was schon passiert ist: Der Schutzwall, mit dem sich Niebaum umgibt, ist brüchig geworden. In Dortmund sagt es jeder, dass diejenigen, die Gerüchte streuen und immer neue, dunkle Zahlen lancieren, zu den engen Mitarbeitern des Präsidenten gehören müssen. Was kommt noch ans Licht? Selbst jene, die Niebaums Lebensleistung bewundern, sagen mittlerweile, dass ihnen der Mann unheimlich geworden ist. "Irgendwann hat er die Bodenhaftung verloren, hat er angefangen, Geld auszugeben ohne Sinn und Verstand", urteilt ein langjähriger Mitstreiter. Der Präsident sei "hoch intelligent, aber irgendwann fehlgewickelt worden". Liegt es daran, dass er entgegen dem Rat vieler Freunde nicht vom BVB lassen wollte oder konnte?

Von bedrohlichen Schwierigkeiten will Gerd Niebaum nichts wissen. "Wir schnallen den Gürtel insgesamt enger", sagt er in diesen Tagen lächelnd, ein "Kostensenkungsprogramm" habe er für alle Angestellten in der Geschäftsstelle durchgesetzt. "Ich verdiene schon seit geraumer Zeit sehr viel weniger." Die Hybris des deutschen Fußballs ist in Dortmund zu besichtigen, mehr noch, der tiefe Fall nach dem Höhenflug.

Die Qualifikation zur Champions League hat sein Verein verspielt, aus dem Uefa-Cup ist die Mannschaft schnell ausgeschieden, auch aus dem DFB-Pokalwettbewerb, und in der Bundesliga steht Dortmund im Moment auf Platz 6 – weit entfernt von den Rängen, die in die Champions League und damit zu den entscheidenden Geldquellen der Fernsehsender führen.

Diese Abhängigkeit von perfekten Flanken und Torschüssen!

Der Meister der Kalkulationen hat sich verrechnet. Er dachte, dass man sportliche Höchstleistungen abonnieren könne, wenn man in der ganzen Welt berühmte Spieler zusammenkauft. Rosick∞, Amoroso, Koller, Dede, Evanilson. Insgesamt 55 Millionen Euro zahlt der BVB seinen 27 Spielern im Jahr, mehr als jeder andere deutsche Fußballverein. Große Gehälter, dachte Gerd Niebaum, verschaffen große Pokale, und große Pokale verschaffen große Fernseheinnahmen. Und aus großen Einnahmen kann man wiederum große Gehälter bezahlen. Ein wundervoller Kreislauf. Jetzt aber beginnt Niebaum zu begreifen, dass man ohne sportliche Höhepunkte nur geringe Einnahmen hat, die gewaltigen Ausgaben aber bleiben. Wenn man jedoch notgedrungen teure Spieler jetzt verkauft, sinken die Chancen auf Pokale. Ein Teufelskreis.

Deswegen ist der Dortmunder Tempel ein höchst wackeliges Gebilde. Das kostspielige Fußballimperium verkraftet sportliche Rückschläge nur eine kurze Zeit. Gerd Niebaum hat den Wirtschaftsbetrieb Borussia von perfekten Flanken und Torschüssen abhängig gemacht. Jetzt muss er selbst einem unsichtbaren Gegner hinterherlaufen und drohende Verluste eindämmen.

Schon vor Monaten wurden die Spieler dazu gedrängt, "freiwillig" auf 20 Prozent ihrer Gehälter zu verzichten. Der Tempel, Deutschlands größtes Stadion, lässt sich nicht mehr verkaufen, er ist längst verkauft, an einen Immobilienfonds. Der tschechische Mittelfeldstar Tomá∆ Rosick∞, um den der BVB ursprünglich eine europäische Spitzentruppe aufbauen wollte, ist jetzt abzugeben. Mit Rosick∞ verlören die Dortmunder den Kapitän der Mannschaft. Das wäre so, als sei der FC Bayern bereit, Oliver Kahn zu verscherbeln. Aber nicht einmal ein Verkauf des BVB-Kapitäns Rosick∞ würde reichen, um die Finanzlöcher zu stopfen. Bei einem Londoner Finanzier hat sich Niebaum längst nach einer Anleihe über rund 100 Millionen Euro erkundigt.

Niebaums Lebenswerk steht auf dem Spiel, aber niemand soll davon etwas merken. Er sitzt in einem teuer möblierten Besprechungszimmer in der BVB-Zentrale, seine Finger rutschen pausenlos auf der Tischkante hin und her, mit seinen Schuhspitzen schabt er nervös an den verschromten Stuhlbeinen. Er sagt mit fester Stimme: "Ich bin ganz ruhig. Mein Herz ist gesund."

Im Flur neben seiner Zimmertür hängt ein gerahmtes Bild mit vielen kleinen Erinnerungsfotos, die alle nur ein Thema haben – den erfolgsverwöhnten Boss. Niebaum mit Kanzler Schröder. Niebaum mit Weizsäcker. Niebaum mit dem Chef des Deutschen Fußball-Bundes. Wenn der BVB-Präsident nicht aufpasst, könnte demnächst ein weiteres Foto hinzukommen: Niebaum mit Insolvenzverwalter.

Auf der anderen Seite der Bundesstraße 1, auf der Tribüne des Tempels, wo graue und gelbe Schalensitze als spielfeldbreites Mosaik ein BORUSSIA ergeben, arbeitet sich ein Handwerker gebeugt durch leere Reihen. An diesem Freitag, zum Spiel gegen Schalke, wird sich das Westfalenstadion wieder mit Erwartungen, Nervosität und Schreien füllen –, nach den Stadien in Madrid, Barcelona und Mailand ist es die viertgrößte Arena in Europa. Allein 25000 Zuschauer drängeln sich auf der Südtribüne, der größten Stehplatztribüne der Welt. Alle zwei Wochen trifft sich hier eine ganze Stadt zur Vollversammlung, und wenn nun das Spiel gegen Schalke angepfiffen wird, am Abend, im Dunkel, steht da neben der Bundesstraße 1 ein lichtgleißender, menschendampfender Kessel, an dem sich Wohl und Wehe der Borussia bestens erzählen lassen.

Jede neue Stufe, die der Klub im Laufe der Zeit erklomm, jeder Anspruch, den er erhob, wurde hier in Beton gegossen. Es ist, als habe der Präsident Niebaum jede Meisterschaft eingraviert, stufenweise hat er die Tribünen vergrößern lassen, steil gestaffelt. Im vergangenen Herbst wurden dann auch noch die bis dahin offenen Ecken geschlossen. Mehr geht nicht. Die Heimstatt des Ballspielvereins Borussia ist inzwischen fast doppelt so groß wie vor zehn Jahren, und es gibt nur noch einen Menschen, der sich darin zurechtfindet. Horst Lücke.

Der erste Weg, den er jeden Morgen geht, wenn er seinen Arbeitsplatz betritt, führt den "Betriebsleiter Westfalenstadion" auf den Rasen.

"Ich riech dann, ob’s nach Fäulnis riecht." Und meistens riecht es nach Fäulnis. Denn der Rasen, der einmal das Wesentliche im Fußballsport gewesen sein soll, bekommt kein Licht und keine Luft mehr. Das Stadion ist ihm über den Kopf gewachsen. Der Trainer sagt, auf diesem "Acker" könne seine teure Mannschaft niemals Deutscher Meister werden. Im vorigen Jahr hat der Klub zweimal das komplette Spielfeld austauschen müssen, "für 100000 Euro jedes Mal", sagt Lücke. Besonders problematisch sind die zertrampelten Strafräume, "die haben wir auch schon künstlich bestrahlen lassen, mit diesem blauen Licht aus den Gewächshäusern. Hat gut angeschlagen, aber wie soll’n wir das auf dem ganzen Platz machen?" Jetzt stehen vier Ventilatoren mit zwei Meter Durchmesser an der Außenlinie und fecheln etwas Luft über die Wiese. Der BVB hat seine Wurzeln vernachlässigt. Jetzt muss er alle paar Monate Ersatz kaufen.

Aber Lücke wollte ja vom Wunderwerk Westfalenstadion erzählen. Es gibt da zum Beispiel einen Kinderhort, eine Polizeistation und ein Gefängnis mit zwei Zellen für je 80 Mann – eine für die BVB-Fans und eine für die Gäste, mit Wasserschläuchen an den Wänden, um den Urin und das Erbrochene der betrunkenen Randalierer wegspülen zu können. Am Spieltag springen im Stadion 400 Fernsehgeräte an, werden 700 Zapfhähne aufgedreht, 600 Kellnerinnen und Kellner beziehen Position. Während eines einzigen Spieles verbraucht der BVB 15000 Kilowatt Strom, so viel wie eine Kleinstadt pro Tag. "Und Sie müssten mal das Rauschen unten im Keller hören, wenn in der Halbzeitpause so 60000 Menschen pinkeln gehen", sagt Lücke.

Das letzte Konzert im Stadion: Simon and Garfunkel, 1976

Eines hat hier das andere nach sich gezogen. Jedes Mehr, das sich der BVB erschließen wollte, brachte auch ein Mehr an Problemen. 1995 hatte der Verein das Stadion von der Stadt gekauft. Damals war er Vorbild und Vorreiter, denn warum sollte die Kommune dem Klub ein Stadion zum Geldscheffeln bereitstellen? Es war das Jahr, in dem Borussia Dortmund zum ersten Mal nach 32 Jahren wieder Deutscher Meister wurde. Mit dem Titel wuchs die Begeisterung, wuchs das Selbstwertgefühl, wuchs das Stadion. Der Verein investierte über 100 Millionen Euro in seine Arena, von Saison zu Saison wurde die Mannschaft teurer; jetzt plant der Klub auch noch ein neues Trainingszentrum, das doppelt so groß wie das des FC Bayern München werden soll – alles im Champions-League-Format. Stets schien er dafür mehr Geld zu brauchen, als er gerade hatte.

Am 1. Januar 2002 und 2003 verkaufte die Borussia, jeweils ziemlich unbeachtet über die Feiertage, ihre Anteile am Stadion an zwei Immobilientöchter der Commerzbank und erhielt dafür 75,4 Millionen Euro, unter anderem, um den nächsten, letzten Ausbau zu finanzieren: das Schließen der Stadionecken. Bis 2017, wenn der Verein das Stadion, das schon einmal seines war, zurückkaufen will, muss er Miete, Zinsen und Tilgung zahlen. Die derzeitige Rate liegt, so Manager Michael Meier, bei 15 Millionen jährlich und wird sich zusammen mit den folgenden Raten auf mindestens 160 Millionen Euro summieren. Dagegen stellt Meier derzeit 6 Millionen Euro Mehreinnahmen pro Jahr durch den letzten Ausbau zum Superstadion.

Das Superstadion, eine Illusion. Die Borussia werde eine "bessere Auslastung" erreichen, "auch verstärkt durch Nicht-Fußball-Events", schrieb 2001 die Düsseldorfer WGZ-Bank, die mithalf, den BVB an die Börse zu bringen. Das Stadion sei eigentlich gar kein Stadion mehr, so der Tenor, sondern eine Multifunktionsarena, in der sich durch Pop- und Rockkonzerte zusätzliche Gewinne erwirtschaften ließen. Aber das letzte große Konzert hat 1976 stattgefunden. Damals traten Simon and Garfunkel auf. Konzerte zahlten sich nicht aus, hat Manager Meier in der Geschäftsstelle vorgerechnet, zumal die Fans den Rasen vollends zerstören würden. Dann hat er noch leise von "Schwingungsproblematiken" gesprochen.

Die Statik des Westfalenstadions ist nicht auf den Rhythmus von 83000 Konzertbesuchern ausgelegt, die stundenlang hüpfen, klatschen, stampfen. Die neuen Aufbauten gründen auf den 30 Jahre alten Tribünen des Urstadions, deren Betonstelen dünner und mit weniger Stahl durchzogen sind als jene in der Arena auf Schalke beispielsweise. Ein Gutachten stellt klar, einstürzen kann das Stadion nicht, aber Haarrisse sind zu befürchten. Die Leute sollen bitte sitzen bleiben, beim Fußball tun sie das zum Glück, seit Stadionsprecher Norbert Dickel nicht mehr das Lied Hey, Pippi Langstrumpf spielt, zu dem die Zuschauer gerne auf und ab sprangen.

Ebenso schnell wie das Stadion scheinen beim BVB auch die Risiken gewachsen zu sein. Die Aktie des BVB kollabierte schon viele Male, und dennoch wird Detlef Thiemann, der Controller des BVB, den Morgen des 2. Januar 2004 so schnell nicht vergessen. Das war der Tag, als der Analyst Peter Thilo Hasler von der Hypo- und Vereinsbank in München nach langem Zögern eine Drohung wahr machte und die Aktie der Borussia auf "underperform" herabstufte. "Underperform" ist ein vornehmes Wort für "verkaufen", und "verkaufen" bedeutet: An diese Aktie glauben wir nicht mehr, bloß weg damit! Der Kurs der Aktie sinkt in den folgenden Tagen ein weiteres Mal, von 3,60 auf 3,30 Euro. Im Oktober des Jahres 2000, als der BVB an die Börse ging, zahlten Anleger noch 11Euro für diese Aktie. Und der Verein holte auf einen Schlag fast 140 Millionen Euro in seine Kasse – genug, um damit den sportlichen Erfolg zu kaufen, dachte man. Auch die Banken jubelten. "Ein hochattraktives Unternehmen", schrieb damals die Düsseldorfer WestLB.

Im vergangenen Dezember allerdings beginnt der Analyst Peter Thilo Hasler zu zweifeln. Der Mann von der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank, der die Borussia-Aktie unter die Lupe nimmt, sieht sich die dürftige sportliche Bilanz der laufenden Saison an. Dem BVB fehlen noch immer zehn Punkte, um sich demnächst für die Champions League zu qualifizieren, und nur dort lassen sich zweistellige Millionenbeträge einnehmen. Sogar der Hauptsponsor, der Energiekonzern E.on, macht seine Unterstützung vom sportlichen Erfolg der Borussen abhängig. Einem BVB, dessen Mannschaft in die erste Spielrunde der Spitzenklasse Champions League gelangt, zahlt E.on dafür zehnmal mehr als für dieselbe Leistung im Uefa-Cup. Aber selbst ein Stammplatz im Uefa-Cup ist dem BVB nicht mehr sicher.

In den Tagen nach Weihnachten ruft der Analyst Hasler bei Detlef Thiemann an, dem Controller und Finanzexperten des BVB. Eine neue Studie über den BVB, sagt der Banker, werde er bald herausbringen, und diesmal stehe nicht viel Erfreuliches darin. Hasler rechnet mit einem Verlust von 44 Millionen Euro am Ende der Spielsaison. Eine Rekordsumme. Von "deutlichen Liquiditätsabflüssen" wird der Banker in seiner Studie schreiben. Auch davon, dass der BVB am Ende des vergangenen Geschäftsjahres gut 70 Millionen Euro als verfügbare Mittel in seine Bilanz schrieb, der Großteil aber, 48 Millionen, auf einem Sperrkonto liegt – als Sicherheit für die Rückzahlungen beim Stadion-Deal. Sollte die Bundesliga jetzt auch noch das Angebot der Schweizer Agentur Infront ausschlagen, die "nur noch" 272 Millionen Euro für die Fernsehübertragungsrechte sämtlicher Spiele zahlen will, laufe das Fass über, sagt der Banker. Denn dass die Bundesliga je ein besseres Angebot kriegen werde, hält er für ausgeschlossen, und die ohnehin angeschlagene Borussia träfen schlechte Geschäfte besonders hart. "Die Dortmunder Spielergehälter", sagt Hasler, "sind beunruhigend hoch."

"Vom Material her sind wir top", sagt Fanbetreuer Aki Schmidt

Das alles hört sich der BVB-Finanzexperte Thiemann geduldig an. Viel zu entgegnen hat er nicht. Was soll er auch sagen? Als sich schließlich die Bundesliga mit der Schweizer Agentur nicht einigen kann, tippt der Banker Hasler das vernichtende Urteil in den Computer: BVB, "underperform". Zu diesem Zeitpunkt ahnt er nicht, dass die Dortmunder Stadtwerke schon seit Wochen auf Geld warten, das der BVB ihnen schuldig bleibt. Aus dem Erlös von rund 50000 Dauerkarten, die der Verein jedes Jahr verkauft, erhalten die Stadtwerke einen Anteil dafür, dass in den Tickets die Fahrt mit Bus und Bahn zum Stadion schon enthalten ist. Der Verein hätte dieses Geld, eine halbe Million Euro, bis spätestens Ende September an die Stadtwerke überweisen müssen, eine Mahnung wurde abgeschickt, inzwischen nahm sich sogar die BVB-Geschäftsführung der Sache an. 500000 Euro. Sie verhandeln heute über eine Summe, die sie vor wenigen Jahren noch einem minderbegabten Abwehrspieler hinterhergeworfen hätten.

Nachdem der BVB an die Börse gegangen war, galt Thiemann als gefragter Spezialist. Geldanleger, Investoren riefen ihn laufend an, und Fußballfans, so viele, dass die Durchwahlnummer seines Telefons bald von der Internet-Seite des BVB gestrichen wurde. Um "Aktienpflege" kümmert er sich zusammen mit einem Kollegen, und das bedeutet in diesem Fall: einen Fußballklub aus den Augen eines Geschäftstreibenden betrachten. "Die deutsche Meisterschaft im Jahr 2002 musste man kapitalisieren", sagt er, und er meint: Kapital schlagen aus sportlichen Erfolgen, den Kurs der Aktie hochreden. "Fantasie aufbauen" nennt er das. Auf dem Rücken eines jeden Fußballprofis, der auf dem Platz herumläuft, sieht Thiemann nicht allein die Spielernummer, sondern auch den aktuellen "Buchwert". Buchwert gleich gezahlte Transfersumme geteilt durch Vertragslaufzeit. Dass der Fußball kaum noch Sportinvaliden hervorbringt, schlägt sich auch in Thiemanns Buchwerten nieder. "Den Stefan Reuter hatten wir nach seinem Kreuzbandriss schon abgeschrieben", sagt er, "wir dachten, der kommt nie zurück. Aber dann, als er plötzlich wieder spielte, mussten wir seinen Wert wieder zuschreiben." Thiemann spricht die gewandelte Sprache des Ballsportkonzerns akzentfrei, und wenn er über Fußball philosophiert, bleibt seine Miene unbewegt. Wertpapierkennnummer 549309, Borussia Dortmund.

Der BVB sei ein "harter und weicher Standortfaktor", meint Thiemann. Über 200 Millionen Euro müsste die Stadt Dortmund jährlich für Werbung ausgeben, wenn sie – ohne den Fußballklub – so bekannt werden wollte wie heute. 15 Milliarden Mal werde der Name Dortmund weltweit jedes Jahr in Medien erwähnt. Zahlen rauschen durch den Raum, Euro-Beträge, die Chiffre eines Fußballbuchhalters, der ein Produkt verkaufen will, das im Augenblick auf den Grabbeltischen mit den Ladenhütern landet. "Spiele haben wirtschaftliche Aussagen", sagt Thiemann. Und fragt man ihn, wie viele interessierte Aktionäre ihn heutzutage anrufen, überlegt er kurz und antwortet zögernd: "Heute, äh, keiner."

Keine Frage, Aki Schmidt ist nicht gut drauf an diesem Tag. "Mensch, ich glaub, hab ’ne Grippe inne Haut." Deshalb hustet Schmidt und zögert, zur Begrüßung auch die Hand zu geben. Wenn er etwas weitergeben will, dann sind das nicht Viren und Bakterien, dann ist es die tiefe Begeisterung für Schwarz-Gelb, von der er noch ein bisschen mehr in sich trägt als all die anderen um ihn herum.

Aki, der eigentlich Alfred heißt, aber auf diesen Namen nicht hören will, wirkt seit 1997 als offizieller Fanbeauftragter für die Fanklubs des Vereins. Davon gibt es rund 550, sie tragen Namen wie Magic Borussen, Ruhrpott Rambos oder nennen sich schlicht Schwarz-Gelber Wahnsinn. Aki hält den Kontakt: "Auch die weitesten fahre ich an." Also steigt er in seinen roten Opel Vectra und reist über Land, 50000 Kilometer im Jahr.

Schmidt, mittlerweile 68 Jahre alt, trug die gelb-schwarzen Farben von 1956 bis 1967, in 500 Spielen hielt er für den BVB die Stollen hin, war Kapitän in Dortmund und auch in der Nationalmannschaft. Deutscher Meister ist er geworden, Pokalsieger – vor allem aber lebt er das Prinzip "Einmal ein Borusse, immer ein Borusse". Schalke, Köln, Bayern München und Sevilla, sie alle wollten ihn, aber Aki wollte nicht weg.

Deshalb sitzt der Fanbeauftragte jetzt hinter seinem Schreibtisch im dritten Stock der BVB-Geschäftsstelle, greift nach dem Taschentuch und versucht zu verstehen, warum die große Krise nach Dortmund gekommen ist. "Früher war doch alles richtig, was der Niebaum gemacht, wieso sollte das über Nacht alles falsch sein?" Aki Schmidt beginnt mit den Armen zu rudern, erst wenig, dann immer mehr, so als wolle er seine Zuversicht gleichmäßig im Raum verteilen. "Vom Material her sind wir doch top." Ob es, wie so mancher meint, am Torwart liegt? "Ach!" Schmidt lässt seine Hand mit dem goldenen Siegelring des BVB krachend auf den Schreibtisch fallen. Aki braucht jetzt erst mal ein Glas Wasser.

Wenn Schmidt in diesen Tagen Besuchergruppen durch das Westfalenstadion führt, beginnt er den Rundgang meist mit einem Ausflug in die Antike. Ein Abstecher in die Arena Rote Erde, deren alte Holztribüne fast nahtlos an die entfesselte Osttribünenarchitektur des neuen Westfalenstadions heranreicht. Steinzeit und Neuzeit auf engstem Raum, was Aki Schmidt unversehens an jene Jahre erinnert, als im Fußball von Rasenheizung, Catering und klimatisierten VIP-Lounges noch nicht so viel die Rede war. Die Zuschauer kamen trotzdem in Scharen, saßen einfach auf dem Boden von Roter Erde, auf Bänken dicht hinter den Toren, und ja, selbst "in den Bäumen hingen sie damals drin, übrigens der Gerd Niebaum auch".

Schmidt redet nicht drum herum, natürlich war früher alles besser, hat der Fußball mehr Spaß gemacht, damals, als ein Sieg einfach mehr "im Herzen ausgekostet wurde". 1963 zum Beispiel, "beim Jahrhundertspiel gegen Benfica Lissabon", Aki mit seinem Kumpel Konietzka gegen Eusebio und Co., 5:0 für Dortmund hieß es am Ende.

Als Mann fürs Mittelfeld verdiente Schmidt in jener Zeit 400 Mark im Monat, pro Sieg wurde ein Hunderter draufgelegt. Gelegentlich fallen Schmidt diese Summen wieder ein, wenn er, seine Besuchergruppe im Rücken, die alarmgesicherten Türen zu den Lounges des Westfalenstadions aufschließt. Sogar die Namensrechte an seinem Stadion hat der Klub inzwischen zu Geld gemacht, verkauft vor einem halben Jahr an den Hauptsponsor E.on. Der zögert zwar noch mit der Umbenennung, doch die Internet-Seiten "eon-arena.de", "eon-stadion.de" und "eon-westfalenstadion.de" sind schon geschützt – wenn es ganz schlimm käme, fürchtet mancher Fan, könnte die Arena bald auch "Westfalenstade.on" heißen. So sind sie, die modernen Zeiten. Klar, natürlich fragen ihn die Leute, ob es ihn da reizen würde, auch heute noch für Borussia zu spielen. Schmidt antwortet dann, ehrlich, wie er ist: "Klar Mann, schon der Kohle wegen."

Auch wenn die Verantwortlichen der Borussia das Wort "VIP" einvernehmlich nicht in den Mund nehmen, Klassenunterschiede sind ihnen nicht fremd. Deshalb haben sie im Westfalenstadion kulinarische Verwöhnzonen geschaffen, die in Werbebroschüren als "einzigartig" beschrieben werden. Carsten Cramer von der Agentur Sportsfive, vom Verein mit der Vermarktung der Namens- und Marketingrechte beauftragt, nennt sie schlicht "die größten Gastronomiebereiche in deutschen Fußballstadien".

Pokale im VIP-Bereich und ein Hauch von Disney World

Zur Wahl steht der Rote Erde Club mit "einem eigenen Küchenkomplex" und "separatem Eingang für Ihre Gäste" oder der so genannte Stammtischbereich, der nach den Worten von Cramer "landestypisch" gehalten ist und 1700 Menschen Platz bietet. Man sitzt an klobigen Holztischen mit Wimpeln, die das Terrain von E.on, der Sparkasse und das der Dortmunder Stadtwerke sichtbar markieren. Eintrittspreis für jeweils vier Personen 21600 Euro, Tribünenkarten für Heimspiele inklusive.

Doch wer wirklich mittendrin sein will, wählt den Borussia Park, den inneren Tempelbezirk der Arena. Hier kostet die Viererkarte 13200 Euro, hier spricht nicht nur Aki Schmidt zu den knapp 1800 Gästen, hier ist Dortmunds Borsigplatz in Kulissen getreulich nachgebaut, was die einen schon mal an Disney World erinnert. Andere reagieren gerührt angesichts der Pokale in den Vitrinen, der alten Fotos an den Wänden und der Waggons der elektrischen Eisenbahn, die auf Schienen über die Köpfe der Zecher hinweg die Theke entlangfährt.

Aki Schmidt hat Mühe, das Tempo der Begeisterung über die Vielzahler mitzugehen. Ihm missfällt, dass Gäste im Borussia Park immer wieder Fotos von den Wänden klauen. Auch sein eigenes Trikot, getragen von einer Wachsfigur, wurde schon entwendet. Jetzt trägt sein Ebenbild ein gelbes Leibchen, "das so nicht stimmt", brummt Aki. "So wat is doch Scheiße."

New York! Er liebt diese Stadt, deshalb hängen acht Schwarzweißfotos schlanker Wolkenkratzer in seinem Büro. Dazu mitten im Raum ein sehr großer Schreibtisch mit einem sehr großen Taschenrechner darauf, wie man das aus öligen Seifenopern kennt, und in einem ledernen Bürosessel: er, Willi Kühne, 56, der gleich zwei Visitenkarten herüberschiebt – "Willi Kühne, Leiter Merchandising Borussia Dortmund" und "Willi Kühne, Geschäftsführer goool.de sportswear GmbH".

Kühne, akkurat im dunklen Anzug, residiert in einem Gewerbegebiet in Dortmund-Hörde, umstellt nicht von Hochhäusern, von Hochöfen des stillgelegten Hoesch-Stahlwerkes. Hier, inmitten von 3500 Quadratmeter Lagerfläche voll schwarz-gelber Trikots, Schals und Schlüsselanhänger, organisiert Kühne den Verkauf von BVB-Devotionalien. Geschäftsführer von goool.de ist er aber eigentlich nur, weil BVB-Präsident Niebaum und sein Manager Meier im Jahr 2000 ein wenig beleidigt waren.

Damals ließen die beiden nach zehnjähriger Zusammenarbeit den Vertrag mit Nike auslaufen. Der amerikanische Sportausrüster mochte Niebaum und Meier nicht so viel zahlen, wie die beiden für den Unterhalt ihrer Mannschaft benötigten und es in ihrem Selbstbild für angemessen hielten – Nike setzte lieber auf den FC Barcelona, Inter Mailand und Arsenal London, Großklubs, die seit Jahrzehnten national und international konstanter spielten und nicht so neureich und schwankend daherkamen wie die Borussia. So beschlossen Niebaum und Meier, die BVB-Trikots künftig selbst nähen zu lassen, sich rar und teuer zu machen für Firmen wie Nike, zumindest für einige Jahre. "Wir haben uns gesagt: Das Geld, was uns da angeboten wurde, können wir auch selber verdienen", erzählt Kühne. Als erster und bislang einziger deutscher Bundesligaverein gründete der BVB eine eigene Sportartikelfirma, goool.de. Kühne sollte das Gelb des Klubs zu Geld machen.

Er flog nach China und ließ dort ein Trikot entwerfen, wie es der Präsident höchstselbst gewünscht hatte. "Herr Dr. Niebaum wollte was Klassisches, wie Juventus Turin", er wollte Weltformat, so sah er ja den BVB: als XXL-Klub. Deshalb glich das erste Trikot der Marke goool.de mit seinen schlichten Längsstreifen exakt den traditionsreichen Leibchen von Juventus Turin – nur dass es statt schwarz-weiß schwarz-gelb war. Zurück in Deutschland, reiste Kühne mit einer Kleiderstange über der Schulter von Karstadt zu Kaufhof und so weiter. Naiv, wer damals dachte, der BVB könne auf die Schnelle ein Vertriebsnetz aufbauen, wie adidas, Puma oder Nike es haben. Kühne versuchte fortan, seine Trikots übers Internet zu verkaufen.

Im Rückblick ist goool.de ein Sinnbild des Fußballhypes in Zeiten der New Economy, als die Chefs der Borussia dachten, sich Märkte erschließen zu können, auf denen sie unabhängiger wären von der Leistungs- und Laufbereitschaft ihrer launischen Mannschaft. An die Börse ging der Verein deshalb mit einer Reihe von Nebengeschäften: eigene Textilmarke, eigenes Reisebüro, eigenes Mannschaftshotel, Beteiligung am Reha-Zentrum neben dem Trainingsgelände. Denn auch die Verletzten durften kein brachliegendes Kapital mehr sein.

Bis heute ist Kühnes Firma nahezu chancenlos geblieben. Im Wettkampf der Sportartikler ordnet die Branche goool.de nur als Drittligisten ein. Der Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr: 4100 Euro. Der BVB ist nie die internationale Marke geworden, für die er sich bis heute hält. Er hat es noch nicht einmal zur gleichen nationalen Präsenz gebracht wie der FC Bayern München. Nicht bloß, dass er nur noch halb so viele Fanartikel verkauft wie die Münchner – der BVB wird die meisten schwarz-gelben Devotionalien auch nur in der näheren Umgebung los.

Frisches Geld aus London – 100 Millionen Euro stehen bereit

Der Mann, der zum rettenden Engel der Borussia werden könnte, residiert im vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair. Gleich um die Ecke von Sotheby’s und der neuesten Rolls-Royce-Vertretung. Hinter einer geputzten Fassade ein kleines Büro, 50 Quadratmeter. Darin schwere Schreibtische aus dunklem Holz für die vier Mitarbeiter der Firma Schechter & Co. Ltd. Eine mögliche Geldquelle der Borussen. Eine "Finanzierungsboutique" nennt Stephen Schechter seine Firma. Termine nur nach Absprache. Nicht einmal ein Messingschild hängt an der Haustür.

In Fußballkreisen wird der 58 Jahre alte Amerikaner auch der "Pate der Anleihenfinanzierung" genannt. Ein halbes Dutzend englischer Klubs hat sich mit seiner Hilfe saniert. Die Geschäftsführer des BVB fühlten bei ihm schon vor einem Jahr vor und ließen sich sein Konzept erklären, blieben anfangs sehr skeptisch, vor ein paar Monaten kam es erneut zu einem Kontakt mit Schechter. Sein Prinzip ist einfach: Schechter, seit 40 Jahren an der Wall Street und in der Londoner City im Geschäft, geht zu Versicherungen oder Pensionsfonds, sammelt dort das Geld ein, und der Fußballklub verpfändet – als Sicherheit für die Geldgeber – einen Teil seiner Einnahmen über einen Zeitraum von zwanzig oder dreißig Jahren. Auf diese Weise erhielt der FC Schalke 85 Millionen Euro; wohlgemerkt, um damit alte Kredite abzulösen. Und so soll nun auch Borussia Dortmund mehr als 100 Millionen Euro bekommen, wohl auch, um damit drohende Löcher am Ende der laufenden Saison zu stopfen.

"Die Finanzierung ist gesichert", erklärt Schechter gegenüber der ZEIT. Die Borussen hätten also, wenn sie denn zugriffen, einen Notausgang. Der Deal sei zwar noch nicht unterschrieben, aber die Geldgeber hätten sich schon dazu verpflichtet mitzuspielen. Die Geldgeber? "Ich habe beste Verbindungen zu rund 120 Finanzinstituten in New York und London", sagt Schechter nur.

Um an Schechters Geld zu kommen, müssen Fußballvereine vor allem eines beachten: Geschäftsbereiche wie Kartenverkauf, Fanshop, Gastronomie, Sponsorenverträge und Fernsehrechte dienen Schechter und seinen Anlegern als Sicherheiten. "Wer einen Fußballklub führt, als ginge es nur um das Spiel, der kommt nicht weit", meint er.

Auf Platz 62, Reihe 3 der Osttribüne des Westfalenstadions sitzt Lars Ricken, erst 27 Jahre alt und doch – nach Stefan Reuter – der dienstälteste Spieler im Kader. Und der letzte Dortmunder. Wer in der Geschäftsstelle durch die Flure läuft, kann auf den gerahmten Mannschaftsfotos sehen, wie seit elf Jahren um diesen Ricken herum eine ganze Mannschaft rotiert, wie Spieler kamen und gingen, große Namen wie Möller, Kohler, Riedle, Chapuisat. Auch die Trainer wechselten, auf Hitzfeld folgten Scala, Skibbe, Krauss, Lattek, Sammer. Nur Ricken saß bei jedem neuen Fototermin wieder vorne in der ersten Reihe. Das macht ihn zum Kronzeugen für die Entwicklung der Marke BVB, der Ware Fußball.

Deshalb sitzt er hier im Stadion und soll erzählen, mit welchem Gefühl er heute in ein Spiel geht.

"Verantwortung", sagt er.

Verantwortung. Spielfreude entwickelt sich. Vielleicht. Wenn’s läuft. Ricken erzählt, man höre in der Kabine, tief in der Tribüne versteckt, nichts von den 83000 Menschen draußen, keinen Ton, nur das Räuspern und Klospülen der Mitspieler und das Klacken ihrer Stollen auf den Fliesen. Wenn sie dann rausgehen, knallen ihnen die Farben und Gesänge entgegen, die Erwartungen, der Druck, und über allem wacht hoch oben der Präsident, den die Spieler noch immer artig Dr. Niebaum nennen. Man geht nicht da raus, um Spaß zu haben. Man geht nicht mehr ins Stadion wie auf eine Wiese. Erst recht nicht in dieses.

Vor dem Trainingsgelände parkt ein Ordner die Wagen der Spieler

Rickens Karriere verlief parallel zu der des ganzen Clubs, Mitte der Neunziger der steile Aufstieg, dann die Stagnation. Sein letztes Länderspiel bestritt er im Frühjahr 2002, bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea wurde er nicht mehr eingesetzt. Heute, hier im Stadion, in dem er sonst nur Heimspiele hat, ist er defensiv bemüht, Balance zu halten zwischen der Loyalität zum Klub und seinem Selbstbild als Profi mit gewissem Abstand zu diesem ganzen Fußballbrimborium. Ein Interview in diesen Zeiten ist gefährlich. Der Pressesprecher sitzt neben ihm. Dennoch wird aus allem, was Ricken sagt und was er nicht sagt, deutlich, wie tief das Unternehmen Fußball in seinen Sport eingedrungen ist. Manchmal überlegt er schon auf dem Spielfeld, wie er nach dem Abpfiff einen Fehler erklären soll. Auch sage heute kaum noch jemand: Wir wollen in die Champions League, weil es toll ist, bei uns im Stadion gegen Real Madrid zu spielen, sondern weil das Millionen in die Kasse bringt.

Ricken war schon einmal allein im Westfalenstadion unterwegs, 1997, in einem Werbespot für die Firma Nike. Damals trat er als einsamer Kritiker des Profifußballs auf, tadelte "Männer in Nadelstreifen-Anzügen" und "Geschäftemacherei ohne Ende". Ricken war damals 20. Drei Jahre zuvor hatte er als jüngster Spieler aller Zeiten in der Bundesliga sein erstes Tor erzielt, war dann zweimal Deutscher Meister geworden, ein paar Monate später sollte er die Borussia zum Champions-League-Sieg schießen, kurz darauf würde ihn der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre zur literarischen Figur erheben. Ricken war öffentliches Gut geworden, Nachwuchshoffnung des deutschen Fußballs. Damals wollte sogar die Firma Wella mit ihm werben, obwohl Ricken eine Glatze trug.

"Geschäftemacherei ohne Ende." Ricken wurde damals als scheinheilig gescholten – heute muss man zugeben, dass er ein Prophet war: In einer Ecke des Stadions wird an jedem Spieltag ein Blackjack-Tisch der Spielbank Hohensyburg aufgeklappt, in einer anderen ist eine Golfplatz-Simulation in Planung. Geschäftemacherei ohne Ende ist das jetzt hier also auch, oder?

Ricken sagt, er meine mehr "so Spielerberater, nicht Leute, die den Fußball performen. Und 1997 war das ja auch noch gar nicht alles abzusehen, Börsengang und was dann alles kam."

Was dann alles kam, waren immer höhere Gagen für ihn und seine Mannschaftskameraden; die Höhe der Bezahlung entsprach dabei nicht immer der Identifikation mit dem Verein. Einen seltsamen Menschenschlag hat diese Entlohnung hervorgebracht, das ist an jedem Morgen zu besichtigen, wenn die Spieler in schweren Limousinen auf dem Trainingsgelände vorfahren: Christian Wörns, Mercedes. Stefan Reuter, Porsche. Flavio Conceicao, BMW. Jan Koller, Mercedes. Torsten Frings, Porsche. Henrique Ewerthon, BMW. Tomá∆ Rosick∞, Mercedes. Christoph Metzelder, VW Phaeton. Sebastian Kehl, Mercedes. Leonardo Dede, BMW. Lars Ricken, Porsche. Den Wagen entsteigen junge Männer in Lederjacken mit Pelzbesatz, einige mit Häkelmützchen. Kleine Bohlens, für deren große Autos der Parkplatz am Trainingsgelände etwas knapp geworden ist. Wenn es zu eng wird, parkt ein Ordner ihre Wagen ein.

Kann man das alles wieder zurückschrauben? Lars Ricken schaut die Tribünen hinauf. Oben in den Dächern rauscht der Wind wie in einem Wald. 83000 Plätze, Werbebanden, VIP-Bereiche und unsichtbare Verpflichtungen, Verträge, Kredite.

Kann man das alles wieder zurückschrauben? "Das hier nicht."

Mitarbeit: John F. Jungclaussen