Ihr betenden und fastenden Staatsmänner! In den vergangenen sechs Jahren wart ihr nicht imstande, für Menschenrechte und -freiheiten in Iran zu sorgen. Die Intellektuellen der Welt haben begonnen, iranische Literatur, Filmschaffen und Kunst angemessen zu würdigen. Schließlich haben sie 2003 Shirin Ebadi den Friedensnobelpreis als Schriftstellerin, Anwältin und Menschenrechtsaktivistin verliehen. Dieser Preis ist eine Reaktion auf 25 Jahre Ausbeutung des iranischen Volks durch seine Regierungen. Und nun wollt ihr Shirin Ebadi in eine Anhängerin der Reformbewegung umdefinieren!

In diesen vergangenen sechs Jahren habt ihr die Presse und die Schriftsteller nicht vor jenen Schlägerbanden im Staatsdienst retten können, die wie entfesselte Mongolenhorden auf ihnen herumtrampelten. Nun aber steht uns allen das Internet zur Verfügung, sodass Tausende jetzt in einem Winkel ihrer Häuser schreiben können, was ihnen auf der Seele liegt. Manch einer von euch ist ebenfalls mit einer Website oder einem Weblog gesegnet. Mein Glückwunsch.

In diesen vergangenen sechs Jahren, in denen ihr euch alle darum bemüht habt, dem terroristischen Taliban-Regime der islamischen Republik die Maske von Zivilisation, Kultur und Demokratie umzuhängen, haben sich zahlreiche Journalisten und Intellektuelle Irans und der Welt für euch eingesetzt. Um schließlich desavouiert zu werden, die einen früher, die anderen später.

In diesen vergangenen sechs Jahren, in denen ihr zaghaft und ängstlich regiert habt, hat euch die Schattenregierung der Konservativen durch das Erdrosseln von Schriftstellern und die Unterdrückung der Freiheit in eine so erbärmliche Lage versetzt, dass ihr aus Ohnmacht sogar gezwungen wart, das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen.

Euer Kapitel ist abgeschlossen, ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, und ihr wisst es. Ihr seid in der Defensive und rühmt euch, am Höhepunkt eurer Ohnmacht, eurer großartigen Verdienste und eures Glaubens. Ihr seid sogar bereit, öffentlich zu gestehen, dass ihr zwar betet und fastet, euch aber auch irren könntet.

Was habt ihr getan, dass sich unsere großartige Heimat Iran mittlerweile in eine Dritte-Welt-Ruine verwandelt hat? Dass das geknebelte Staatsvolk für einen Bissen Brot drei Schichten täglich arbeiten muss und dass seine Situation von Tag zu Tag bedrückender wird? Was habt ihr getan, dass bei dem Erdbeben in Bam russische Hilfskräfte rascher vor Ort waren als eure? Dieses Erdbeben hat bewiesen, dass ihr zwar Tausende von "Antimobkräften" – bezahlten Schlägern – besitzt, aber nicht mal eine Hand voll Sanitäter.

Ihr rühmt euch, gekämpft zu haben – aber gegen wen denn? Den Wächterrat? Weshalb habt ihr keinen Sitzstreik veranstaltet, als sie das Parlament unter Beschuss nahmen, um die unabhängige Presse zu knebeln? Weshalb habt ihr nicht gekämpft, als ihr die Macht dazu hattet?

Wisst ihr, ihr habt kein Gedächtnis. Ihr seid feige. Ihr fürchtet euch vor dem Gefängnis, vor Verhören, vor Einsamkeit und davor, umgebracht zu werden. All das ist euer gutes Menschenrecht. Fürchtet euch also. Die traurige Wahrheit ist aber, dass ihr euch vor allem davor fürchtet, über keine Ämter zu verfügen. Ihr fürchtet euch sogar voreinander, und ihr habt auch die Gesellschaft zur Furchtsamkeit und Doppelzüngigkeit erzogen. Das iranische Volk führt ein Doppelleben; die eine Hälfte zu Hause, die andere in der Öffentlichkeit. Es folgt eurem Vorbild: Vor dem Westen gebt ihr euch als Liberale, und für den Wächterrat vollzieht ihr das Abendgebet.