Vor zwei Jahren erregte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts Aufsehen, weil es einem muslimischen Metzger die betäubungslose Schlachtung erlaubte. Erst dieses Urteil veranlasste die CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Mai 2002, ihren Widerstand gegen die Aufnahme des Tierschutzes in das Grundgesetz aufzugeben. Seither reduziert sich das öffentlich diskutierte Spannungsverhältnis von Tierschutz und Religionsfreiheit im Fall der rituellen Schlachtung auf die Alternative "Betäubung oder Nichtbetäubung". Dieser binären Sichtweise entgeht jedoch, dass in den Schlachtritualen der jüdischen und islamischen Religionen ein Ethos schlummert, das zur Diskussion um den Tierschutz beitragen kann. Das rabbinische Gebot, den "Schmerz der Tiere" (za’ar ba’alei chajim) zu vermeiden, ist älter als europäische Tierschutzgesetze, und auch islamische Schlachtvorschriften fordern, unnötige Qualen der Tiere zu vermeiden.

Könnte ein religionsvergleichender Blick am Ende nicht etwa die Schächtrituale als zivilisatorisch rückschrittlich erweisen, sondern vielmehr die Unaufgeklärtheit jener "Leitkultur" zutage fördern, die an der Fiktion des schmerzlosen Tötens nach Bolzenschuss und Dekapitation festhält und damit der ethischen Reflexion der Tötungsfrage ausweicht? Wir haben dazu drei Texte verfasst:

Die Muslime

Das muslimische Opferfest löst alljährlich in Deutschland Proteste aus. Ihr Anlass ist das mit diesem Fest verbundene betäubungslose Schlachten eines Opfertieres. Die Bedeutsamkeit, die dieses Fest für den Muslim hat, wird von der säkularen wie auch der christlichen Öffentlichkeit in Deutschland nicht nachvollzogen. Allerdings weiß sie auch nicht viel darüber.

Der Koran schreibt vor: "So bete zu deinem Herrn und schächte (Opfertiere)." Jedem erwachsenen, mündigen und begüterten Muslim – ob Mann oder Frau – obliegt nach islamischer Lehre die Pflicht, einmal im Jahr ein unversehrtes Tier zu opfern, um damit Gott zu ehren und Bedürftige zu speisen. Vorbild für diese Handlung ist der Prophet Abraham, der bereit war, seinen Sohn Ismael – nicht Isaak wie in der christlichen und jüdischen Tradition – zu opfern. Durch die Sendung eines Opfertieres setzte Gott der Hingabebereitschaft Abrahams eine Grenze. Beim Opferfest nimmt jeder Muslim Maß an der Opferbereitschaft Abrahams und erfährt durch die Eingrenzung des Opfers auf das Opfertier die Barmherzigkeit Gottes in der eigenen Familie. So wird das Opferfest zum wichtigsten Familienfest der Muslime, die ihrer Freude über die Barmherzigkeit Gottes durch die Speisung bedürftiger Muslime mit einem Teil des geopferten Tieres Ausdruck verleihen.

Während beim Opferfest auch das Tier besonderen Reinheitsbedingungen zu entsprechen hat, wird für die alltägliche Halal-Schlachtung von dem Schlachter vor allem gefordert, wegen der Barmherzigkeit Gottes "dem Tier kein unnötiges Leid zuzufügen". Dieses religiöse Handlungsprinzip ist die Maxime des Schlachtvorgangs, der im Namen Gottes vollzogen wird. Unzweideutig fordert der Prophet Mohammed: "Gott hat für alles das Beste vorgeschrieben. Wenn ihr schlachtet, dann schlachtet auf die beste Weise und schärft das Messer und erspart dem Schlachttier unnötiges Leid." Mit einem scharfen Messer sollen beide Hauptschlagadern sowie Speise- und Luftröhre gleichzeitig mit einem einzigen sauberen Schnitt durchtrennt werden.

Die Person, die am Opferfest schlachtet, muss nach islamischen Vorschriften zwar kein ausgebildeter Metzger sein, aber dem tierschonenden Geist der Vorschriften ist zu entnehmen, dass nicht jeder, der ein Tier opfern will, dieses auch selbst töten soll. Wer darin nicht geübt ist, bezeugt sogar ein größeres Bewusstsein von der Barmherzigkeit Gottes, wenn er die Schlachtung des Opfertieres einem Fachmann überlässt. Dem Metzger empfehlen muslimische Rechtsgelehrte regelmäßige Pausen der Berufsausübung, um die Gefühle der Barmherzigkeit und der Achtung vor dem Leben zu pflegen. Ohne Unterbrechung viele Jahre lang zu schlachten, gilt als mekruh, als etwas, von dem streng abgeraten wird.