Das Streichholz zwischen Clyde Barrows Zähnen, das bei Bonnies Anblick steil nach oben schwenkt, weckt falsche Hoffnungen. Clyde ist impotent, aber voller Träume und Liebe. Es sind Details, die der Filmkritiker Peter W. Jansen immer wieder als Fährten legt, den Hörer hinter sich herlockt, ihm die Vorliebe des Regisseurs Arthur Penn für kurze Einstellungen erklärt und Bonnie und Clyde als "Krieg gegen die Verhältnisse, um Identität zu finden" interpretiert. "Ich billige nicht, was sie tun", sagt Arthur Penn über das Gangsterpärchen, "aber ich verurteile sie auch nicht." Dann hört man das Maschinengewehrgewitter, eine Frauenstimme beschreibt die Bilder wie für Blinde, wir sind in einem Hörbuch, das vom Film spricht.

Zunächst erscheint Jansens Projekt, 100 Klassiker der Filmgeschichte als Hör-Features vorzustellen, etwas anachronistisch. In Zeiten von Video und DVD mit ihren Surplus-Szenen, Interviews, dem Making-of und klugen Kommentaren wirkt es wie ein medialer Rückfall und erinnert an jene Prä-Video-Tage, als Filmwahnsinnige die Tonspuren vom Fernsehgerät abzapften, um die geliebten Filme mit geschlossenen Augen sehen zu können. Doch bald entwickelt die Verschränkung von Analyse, Beschreibung und O-Ton einen Sog, der nicht nur die Augen öffnet, sondern gerade durch das Fehlen der Bilder die Bilder zurückbringt.

Zwei Filme sind jeweils auf einer CD zusammengefasst, fünf Doppelpacks sind jetzt erschienen, die restlichen 45 CDs veröffentlicht der Bertz Verlag in Berlin, Spezialist für kluge Filmbücher, sukzessive in den nächsten Jahren. Man mag es kaum erwarten. Einer nach dem anderen, jeder Film nach seiner Art. Bei Der eiskalte Engel von Jean-Pierre Melville mit Alain Delon stellt Peter W. Jansen die Symbiose Regisseur-Schauspieler ins Zentrum, bei Apocalypse Now die Entstehungsgeschichte, bei Martin Scorceses Taxi Driver die Psychologie des schwarzen Engels. Ständig variiert er die Perspektive, und doch hat man stets das Gefühl, in der Beschränkung auf Sprache und Ton alles gesehen zu haben.

Die jeweils halbstündigen Features, die vom SWR in den neunziger Jahren produziert und gesendet wurden, konfrontieren auch die Originalstimmen mit den deutschen Synchronsprechern, und nicht immer fällt der Vergleich zugunsten von Belmondo, Beatty oder de Niro aus. Seltsam hoch und leicht hysterisch klingt da vieles im Original, was im Deutschen sonor und bauchmächtig daherkommt, jahrzehntelange Gewöhnung hat die Fälschung zum Original gemacht. Leider hatte man sich aber auch an die Sünden der Übersetzungen gewöhnt. Als etwa die schwarze Nachtclubsängerin – fälschlicherweise – Alain Delon nicht als Mörder identifiziert und deutsch bekennt: "Ich habe nur die Wahrheit gesagt", bleibt sie im Französischen mysteriös: "Es war das wenigste, was ich tun konnte." Wie auch jener dramatische Schlussmonolog frei erfunden ist, der dem Kommissar einen langen Epilog über der Leiche des einsamen Delon-Samurai in den Mund legt und metaphernschwer über den Tiger im Dschungel fabelt, während der Inspektor im französischen Original seinem Assistenten mit einem schlichten Nein antwortet und dafür die Bilder Melvilles sprechen lässt.

Es ist jene Mischung aus bildgenauer Erzählung und kritischer Anmerkung ("nur im Kino vermittelt sich diese Wirkung, im Fernsehen sieht es nach verwackelter Kamera aus"), die Jansens Kino so verführerisch macht. Manchmal gibt er der Faszination des Filmes nach, wie der saugenden Musik von Bernard Herrmann für Taxi Driver; wenn nötig, folgt er der "Finsternis des menschlichen Herzens" und entwickelt die "Philosophie des Grauens", indem er den Monolog von Walter E. Kurtz alias Marlon Brando ungeschnitten wiedergibt; oder er lässt die hohe Stimme Belmondos in Jean-Luc Godards Außer Atem ausführlich der schönen Jean Seberg widersprechen, als höre er nur zu, als sei es das erste Mal. Er versuche, alles so zu sehen, als sei es das erste Mal, sagt Jean-Luc Godard, auch beim zweiten Mal, da sei es eben "das erste Mal, das man zum zweiten Mal sieht". Und er fährt fort in seiner Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos, dass man machen müsse, "was man will, aus dem, was man hat". Also, darf man folgern, liegt die Stärke dieser Hör-Features in der Beschränkung, im Fehlen der Bilder, in ihrer wunderbaren Armut.