Cornet hätte sich zu helfen gewusst", schreibt Karl Kraus einmal an Sidonie Nádherny von Borutin, die sowohl mit ihm wie mit Rainer Maria Rilke befreundet ist. Kraus erträgt es nicht, wie die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke überall rezitiert und zweckentfremdet wird. Die Soldaten des Ersten Weltkriegs stürmen mit ihr im Sturmgepäck über die Schlachtfelder; die Ästheten in den Salons setzen sich an den Flügel und richten sich einen Tonsatz auf eine Dichtung ein, die, von heute aus betrachtet, manche komische Seite offenbart: "Es ruft ihn ein Baum. / Ruft, wie wund. Trab, trab" (in der Erstfassung). Rilke konnte Musik nicht ausstehen – aber er war nie Cornet und kann deshalb nur gequält die Augen schließen, als der ungarische Komponist Casimir von Pászthory (1886 bis 1966) der Weise einen melodramatisch-harmonischen Liederkranz windet. Nebenbei: Siebzig Jahre später deutet Siegfried Matthus den Cornet an der Dresdner Oper als Widerständler, Ruth Berghaus inszeniert (man kann sich seine Interpreten eben nicht aussuchen). Pászthory jedenfalls ist kurz en vogue und schnell passé, lehrt Cello in Wien, komponiert weiterhin alles Mögliche, darunter, mitten im Zweiten Weltkrieg und wiederum in andachtsvoller Haltung, eine Oper über den spätgotischen Würzburger Künstler und Bürgermeister Tilman Riemenschneider. Das Libretto schnitzt Pászthorys Gattin Dora grob zurecht. Gefeilt wird nicht. Zehn Jahre nach der Fertigstellung kommt es 1952 zu einem konzertanten Abend in Wien (immerhin mit Hilde Güden); 1959 folgt eine szenische Uraufführung in Basel (erstaunlicherweise mit Montserrat Caballé).

Ganze 45 Jahre später ist die Oper buchstäblich aus dem Nichts wieder da und geht als Beitrag zum 1300-jährigen Stadtjubiläum über die Bühne. In Würzburg. Wo sonst, könnte man fragen. Und: Warum nicht? Aber auch: Wieso eigentlich? Tilman Riemenschneider ist ein kreuzbraves Stück, in dem handwerklich angestrengt die Welt von gestern manchmal stotternd, manchmal überflüssig durchdekliniert wird. Es wagnert und pfitznert und strausst zwar ein bisschen, aber immer sehr in Maßen, ganz gemächlich, häufig in vier Vierteln, selten in dissonanter Zuspitzung – senile Musik, irgendwie mutlos. Zudem sucht das Libretto nur am Rande nach dem wirklich Revolutionären in Riemenschneider, der ja, diesbezüglich ein zweiter Cornet, von den Nazis bis zur DDR-Propaganda von fast jedem vereinnahmt wurde im vergangenen Jahrhundert. Stattdessen rückt eine historisch nie stattgehabte Liebesgeschichte zwischen dem Meister und Maria in den Mittelpunkt. Diese Quasi-Soap erlaubt der Inszenierung in Würzburg (Georg Rootering), sich eine optische Rückversicherungsmetaphorik aufzubauen. Im Hintergrund der Bühne laufen alte Schwarzweißfilme mit der Ansicht des Würzburger Marienportals, und wenn ihr sonst neben vielem Grundsoliden nichts Rechtes einfällt, zoomt die Regie sich einfach die fast nackten Brüste der Riemenschneiderschen Eva heran. Auch die Sänger, Orchester und Chor (unter Evan Christ) mühen sich nach Kräften. Aber es ist ziemlich umsonst.

Pászthorys Tilman Riemenschneider stand in Würzburg schon einmal fast auf dem Spielplan zur Eröffnung des Mainfrankentheaters 1966. Man ging dann aber lieber auf Nummer Sicher und spielte Wagners Meistersinger. Dass der Musikdramaturg Felix Eckerle die alte Idee wieder ausgrub, hatte zum einen damit zu tun, dass in Würzburg das Theater permanent von der Schließung bedroht ist und ein – wie auch immer – Identität stiftender Stoff womöglich Freunde in der Not schafft. Zum anderen war schlicht kein Geld da für eine Auftragskomposition. Dass Pászthory, obwohl nicht auf den einschlägigen Listen der Reichsmusikkammer zu finden, für kurze Zeit in der NSDAP gewesen sein soll, wussten die Würzburger. Sie forschten nach, wo sie was zum Forschen fanden. Das Stück selbst bietet (jedenfalls in der aufgeführten Fassung) keinerlei Anhaltspunkte für faschistisches Gedankengut, es endet sogar in einer Art Friedensfeier, während der man die reine Menschlichkeit hochleben lässt. Dennoch gab es lokale Aufregung, weil unter anderem dem Generalmusikdirektor Daniel Klajner unterstellt wurde, er distanziere sich von der Produktion, was nicht stimmt. Klajner debütiert demnächst an der Scala und hat überdies an seinem Stammhaus mehr als genug und Besseres zu tun. Demnächst dirigiert er in Würzburg Idomeneo. Mozart ist meistens die beste Wahl.