Die Hoffnungsträger der Republik sind in Wirklichkeit eine hoffnungslose Brut. Sie sind zwischen 25 und 35 Jahre alt – und sie verweigern sich der Reproduktion. Eine ganze Generation potenzieller Eltern zieht es vor zu surfen, zu feiern und zu snowboarden, statt auch nur einmal darüber nachzudenken, wer ihnen in vierzig Jahren die Schnabeltasse ans Pflegebett bringen soll. In ihrer sozialpolitischen Verantwortungslosigkeit vergessen sie, ihre Fondsmanager gelegentlich zu fragen, wozu die Riester-Rente da ist. Kurzum: Die neoliberale, gefühlskalte Generation Schmidt-Show ist zum Kinderkriegen zu faul und egoistisch. So weit das Klischee.

Die Wahrheit ist noch schlimmer. Weite Teile der fortpflanzungsreifen Mittelschicht sind beruflich ungesichert, kontaktarm und, in den Worten Hamburger und Leipziger Sexualwissenschaftler, "sexuell unterversorgt". Junge Rechtsanwälte, Betriebswirte und Wirtschaftsinformatiker arbeiten nebenbei im Call-Center oder im Fitnessstudio, um über die Runden zu kommen (im vergangenen Jahr stieg die Zahl der arbeitslosen Jungakademiker um 24 Prozent). Abends traben sie in ihre Single-Wohnungen (11,4Prozent aller 25- bis 44-Jährigen leben allein), gehen ins Internet und versuchen verzweifelt, einen Partner herbeizugoogeln (die Dating-Dienste im Netz rechnen bis 2007 mit einer Verfünffachung ihrer Umsätze). Meist surfen sie ohne Erfolg. Einsam am PC: "Singles produzieren lediglich fünf Prozent aller Geschlechtsverkehre", behauptet eine Studie der Universitäten Hamburg und Leipzig. Und mag man die komische Zahl auch bezweifeln – fest steht, dass sich in ihr kein moderner Hedonismus abzeichnet, sondern eher ein Leben in Selbstisolation.

Wer ohne Partner oder Kinder lebt, tut dies im seltensten Falle aus Rücksichtslosigkeit. Schuld an der Paarungszurückhaltung sind vielmehr kollektive Entwicklungen: überlange Ausbildungszeiten, allgegenwärtige Flexibilitätserwartungen, die Wirtschaftsflaute. Und die Frauenbewegung. Doch, das passt zusammen.

Die große Liebe: Eine magische Zeit – aber ohne Zukunft

Beginnen wir mit der Studiendauer und, weil sie dazugehören, den Erwartungen an die Flexibilität junger Menschen. Annika Völker (Name geändert) ist 30. Im Mai, kurz nach dem zweiten juristischen Staatsexamen, hat sie eine Stelle in der Geschäftsführung eines Kölner Unternehmens gefunden. Bis dorthin war es ein harter Weg, sowohl durch die Ausbildung wie auch durchs Privatleben. Wenn Annika Völker heute auf die Geschichte ihrer Beziehungen zurückblickt, entdeckt sie ein eindeutiges Schema. Bei jedem Ausbildungs- oder Berufsschritt hat sie einen Partner hinter sich gelassen.

Studiert hat Annika Völker in Trier. Um den Lebenslauf interessanter zu machen, ging sie zunächst als Au-pair-Mädchen nach Italien, später für ein Auslandssemester nach Rom. Sie absolvierte ein Praktikum in der deutschen Botschaft in Paris und sammelte Berufserfahrung bei einer Internet-Firma in Luxemburg.

In Italien traf sie ihre große Liebe. Sie muss tief durchatmen, bevor sie davon erzählt.

"Es war eine magische Zeit. Er hatte gerade angefangen, als Investmentbanker zu arbeiten, ich war mitten im Studium. Irgendwann musste ich zurück nach Deutschland, und die Frage war: Was machen wir jetzt? Er wusste, dass er kaum Zeit haben würde, wenn er sich im Job etablieren wollte. Und ich hatte kein Geld, um dauernd nach Mailand zu fliegen." Die beiden entscheiden, sich zu trennen, ihre Beziehung auf Eis zu legen, um sich irgendwann wieder zu treffen.