Die Nacht vom 8. auf den 9.Februar 1904 war in Port Arthur, Russlands mächtiger Flottenbasis am Gelben Meer, wolkenlos, ruhig und kalt. Und finster, da der Mond erst nach dem Morgengrauen aufging. Die Scheinwerfer des Schweren Kreuzers Pallada suchten den Horizont ab, und draußen auf See patrouillierten zwei Zerstörer in einem 30-Kilometer-Radius. Aber dies waren Routinemaßnahmen. Admiral Jewgenij I. Alexejew, Vizekönig und Oberkommandierender in Port Arthur, rechnete nicht mit einem Angriff. Die sieben Schlachtschiffe und sieben Kreuzer des Pazifischen Geschwaders lagen außerhalb des Hafens friedlich auf der Reede vor Anker.

Plötzlich, gegen Mitternacht, machten die Matrosen an Bord der Pallada einige Schiffe ohne Positionslichter aus: Es waren japanische Zerstörer, die in voller Fahrt auf das russische Geschwader zuliefen. Sie feuerten ihre Torpedos ab und verschwanden wieder in der Dunkelheit. Die Pallada wurde von einer heftigen Explosion erschüttert; ein Torpedo hatte backbord mittschiffs getroffen. Auch auf den Schlachtschiffen Retvisan und Zessarewitsch schlug jeweils ein Torpedo ein. Alle drei Schiffe liefen auf Grund, als sie versuchten, sich durch die enge Durchfahrt in den Hafen zu schleppen.

Im fernen Sankt Petersburg hatte Zar NikolausII. den Abend zusammen mit Zarina Alexandra und seiner Mutter, Kaiserinwitwe Marie Fjodorowna, in der Oper verbracht. Als er schließlich ins Winterpalais zurückkehrte, überbrachte ihm ein Kurier eine Meldung von Admiral Alexejew. "Und dies ohne eine Kriegserklärung!", schrieb der Zar indigniert in sein Tagebuch.

"Niemals war ein Krieg derart unpopulär",erinnerte sich später der französische Botschafter Maurice Bompard. "Die Leute verstanden weder seine Ursachen noch seine Ziele[…] Die Bevölkerung, die der Armee mehr als eine Million ihrer Söhne geben musste, fiel bald in eine tiefe Depression angesichts dieses unerklärlichen Krieges, umso mehr als der Zar nicht im Stande war, die Notwendigkeit dieser Opfer zu erklären."

Ein "kleiner siegreicher Krieg" soll die Revolution verhindern

Um die Entstehung des Krieges zu verstehen, empfiehlt es sich, einige Jahrzehnte zurückzugehen. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts lebte das Inselreich Japan fast völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Als einzige ausländische Macht durfte nur Holland eine kleine Handelsstation unterhalten: auf dem Inselchen Deshima vor Nagasaki. Doch dann erschien am 8. Juli 1853 der amerikanische Commodore Matthew G. Perry mit zwei Dampffregatten und zwei Schaluppen in der Bucht von Edo (Tokyo) und verlangte ultimativ den Abschluss eines Handelsvertrages. Die Japaner hatten Perrys Schiffsgeschützen nichts Entsprechendes entgegenzusetzen und gaben schließlich nach.

Die gewaltsame Öffnung stürzte das Land in eine tiefe Krise. 1868 konnte schließlich eine Gruppe reformerischer Samurai die Herrschaft des letzten Shoguns, des letzten Militärherrschers, stürzen und das Land auf den Weg in die Moderne bringen. Den unter der Shogun-Herrschaft marginalisierten Kaiser machten sie wieder zum alleinigen Staatsoberhaupt. Die Reformer schafften die Standesprivilegien ab, bauten eine zentralistische Verwaltung auf, nebst Steuersystem, schufen ein modernes Bank- und Handelswesen, führten die allgemeine Wehrpflicht ein und organisierten den Import westlicher Technologie. 1889 erhielt das Land schließlich eine Verfassung. Im Gegensatz zu Russland hatte Japan nun eine ordnungsgemäße Regierung, die sich den Haushalt und die Gesetze von einem Zweikammerparlament genehmigen lassen musste. Eine Gruppe "älterer Staatsmänner" (genro) stand der Regierung beratend zur Seite, in der Regel wurde Konsens gesucht. Kaiser Mutsuhito mischte sich im Gegensatz zu seinem russischen Kollegen nur selten direkt in die Regierungsgeschäfte, fungierte aber als eine Art oberster Schiedsrichter.

Das Bildungsniveau war beachtlich, um die Mitte des 19. Jahrhunderts übetraf die Alphabetisierungsrate Japans die Englands. Die Aneignung westlicher Technologie machte rasante Fortschritte. Allerdings übernahm Japans Elite bald auch die außenpolitischen Prinzipien der westlichen Mächte, und das hieß Imperialismus beziehungsweise Kolonialismus. "Verteidigung", schrieb der amerikanische Admiral Alfred T. Mahan, "bedeutet heutzutage nicht nur Verteidigung unseres Territoriums, sondern Verteidigung unserer gerechten nationalen Interessen, welche auch immer sie sein mögen, und wo auch immer sie sich befinden."