Seit einiger Zeit flirten Jazz und Electronica miteinander; inzwischen ist das keine unverbindliche Affäre mehr. Es sind einige quicklebendige Platten zur Welt gekommen – und andere sind unterwegs. So ist dies der Moment, einmal nachzufragen, was dieser Verbindung so lange entgegenstand und was nun aus ihr erwächst.

Jazz war der Elektronikszene über Jahre ein Quell interessanter Samples, die – aus ihrem Zusammenhang gelöst und geloopt – zur Vergnüglichkeit technoider Tanzmusiken beitrugen. Ansonsten galt Jazz als spießiges Männerding, nach den Regeln des Handwerks ausgeführt, von Meistern veredelt für ein Publikum, das weiß, wann es zu klatschen hat.

Über das "Gesoloe" im Jazz spottet die Elektronikszene. Über all dieses Berühmte-Stars-zeigen-ihre-Singularität und dieses Wer-kann-am-längsten-beim-Sax… Was Generationen von Jazzfreunden begeisterte, empfindet ein jugendliches Publikum heute als angestrengtes Gedudel.

Tatsächlich scheinen sich mit House und Techno ästhetische Kategorien verschoben zu haben. Hier der namhafte Jazzer mit Blues, Schweiß und Tränen – dort der im Dunkel schwarzer Scheiben agierende DJ, der mit Computern umzugehen weiß und seine Mixturen unter ständig neuen Pseudonymen hervorbringt.

Fehler statt Improvisation

Der Jazz versus die Elektronik? Die geschlechtsbestimmenden Artikel führen insofern in die Irre, als hier nicht ein männlicher gegen einen weiblichen Ansatz steht. Die stilbildenden Elektronikmusiker mögen im Schnitt jünger sein als die Jazzer, aber prozentual mehr Frauen sind kaum unter ihnen. Dass Brigitte Kurse für DJanes annonciert, ist eher Ausdruck eines Mangels und Indiz dafür, dass die Volkshochschule jetzt den Plattenteller erreicht hat.

Der Idealtypus am Computer ist nach wie vor der Nerd, ein Mann, bei dem es fürs Eigentliche nicht reichte und der sich mit einer Hornbrille bewehrt, um wenigstens die Zeichen der Echtzeit auf dem Schirm entziffern zu können. Jenseits seiner ausgestellten Behinderung ist er nicht weniger virtuos als der Jazzmusiker – bloß dass er kein Instrument spielen kann.

In dieser Vergröberung sind Jazz und Electronica deutlich geschieden. Aber sie haben, wo sie gut sind, auch viel gemein: die Lust aufs Experiment, die Suche nach neuen Klängen, das Infragestellen des Üblichen. Was dem Jazz die Improvisation ist, sind der Elektronik die (teils bewusst erzeugten) Fehler im Programm.

Bei so viel Übereinstimmung mussten nur noch die wechselseitigen Vorurteile überwunden werden: Elektronik sei nicht authentisch und auf der Bühne langweilig, Jazz sei arrogant, kopflastig und historisch überfrachtet.

Nun wird das Beste beider Seiten in ein Drittes überführt, das eJazz heißen könnte oder jElectronica. Wer Jazz liebt, kann sich am Klang von Kontrabässen wärmen, an zu Herzen gehenden Bläsersätzen, an organischer Perkussion – in einem elektronisch formulierten Ambiente, dessen Schichtungsästhetik ganz und gar jetztzeitig ist. Wer Electronica liebt, dem erscheint das Wischen des Besens auf der Snare Drum als weißes Rauschen, dem erschließt die Kraft der Repetition den fremden harmonischen Kontext: zu Blue Notes durch Blue Loops.

Schon im vergangenen Jahr erschienen zwei Platten, die das Genre ins Licht rückten: Goodbye Swingtime des House-Produzenten Matthew Herbert als Versuch eines Big-Band-Sampling (bei accidental records). Und dann Observing Systems (bei morr music) , für dessen schaltkreisbasierten Hippiejazz das zehnköpfige Tied & Tickled Trio aus Weilheim auf seiner Deutschlandtour jetzt im Januar gefeiert wurde.

Und nun gibt es mehr… Da wäre zunächst das Chicago Underground Trio mit Slon . Das soeben (auf Thrill Jockey) erschienene Album strotzt vor Temperament, ausgetobt an dem der Trompete verwandten Kornett, Bass und Schlagzeug sowie zwei Computern. "Ich halte uns nicht für eine Jazzband", sagt Kontrabassist Noel Kupersmith, 32. "Wir sind näher am Punkrock als am Jazz." Als sei das noch nicht widersprüchlich genug, nennt er als einen prägenden Einfluss Autechre, jene englische Electronica-Formation, die das Artifizielle zu immer neuen Höhen führt und in ihrer Abstraktion (nicht im Klangbild) dem Freejazz verwandt ist.

"Wenn Jazz und Electronica jetzt ein Trend sind, könnte ich nicht einmal sagen, dass ich davon wüsste", insistiert Kupersmith. Allerdings habe er sich auch schon gefragt, warum die neue Platte ein so großes Interesse auslöst. Im einen Moment subtil geräuschig, schwelgt sie im nächsten im 1960er Bop von Don Cherry und Ornette Coleman. Verschiedene Zeiten kommen wie unter einem Brennglas zusammen – und alles passt.

Woher diese Intensität? "Vor unserer Europatournee letzten April lebten wir auf drei verschiedenen Kontinenten und hatten keine Gelegenheit zu proben", erzählt Kupersmith. "So hat jeder von uns für sich Ideen, Strukturen und Songs vorbereitet. Unterwegs im Zug haben wir sie dann ausgearbeitet und Nacht für Nacht ausprobiert." Wenn das kein Jazzleben ist!

Das Album folgte im Herbst: eingespielt, gemixt und geschnitten an je einem Tag. Jetzt ist es da – ein kraftvolles Statement, gewidmet "all jenen, die ihr Leben durch den U.S. Imperialismus verloren haben".

Politisch kommen auch der Schlagzeuger Martin Brandlmayr und der Cellist Nicholas Bussmann daher, die ihr in Berlin und Wien lokalisiertes Duo Kapital Band 1 nennen. Ihrem Ende Januar erschienenen Debüt (erhältlich über www.kapitalband1.com) gaben sie den Titel 2 CD, was mehr ist als Ironie. Denn die eine CD des Doppelalbums ist eine CD-ROM, hübsch gestaltet, aber leer… "Man kann sie zerkratzen und auf dem Plattenspieler abspielen", erklären die Musiker. "Oder zur anderen CD singen, das aufnehmen und uns zurückschicken."

Ob die locker skizzierten Klanglandschaften für Karaoke taugen, bleibt abzuwarten. "Ich möchte die Grenzen zwischen Elektronik und akustischem Instrumentarium verschwimmen lassen", sagt Brandlmayr. Ihn interessieren die Mikrostrukturen von akustischen Klängen, ihre elektronische Manipulation.

Kapital Band 1 widmet sich somit materialistischen Fragen. Brandlmayr: "Wir wollen nicht jazzig klingen. Wir wollen Extrakte von Jazz, Funk, Techno, Metal, Psychedelic und Rock ’n’ Roll in einen komplett anderen Kontext stellen." Als Einflüsse nennt er Autrechre, Miles Davis, Györgi Ligeti, Sonic Youth, John Cage, Johann Sebastian Bach, Depeche Mode, Bootsy Collins, Giant Sand, und da fielen ihm noch mehr ein!

Kolorit durchs Vibrafon

Weniger umfassend lässt es Trapist angehen, ein Trio aus Wien, auch mit Brandlmayr. Ballroom ist ein eigenwilliger Titel für das übernächste Woche auf Thrill Jockey erscheinende Album, denn tanzbar ist die Musik nun gerade nicht. Die Stücke sind atmosphärisch, langsam und ausgreifend, Elektronisches und Nichtelektronisches aufs Sorgsamste verknüpfend. Vibrafon und Pedal-Steel-Gitarre verleihen ihr ein spezifisches Kolorit.

Auch Gitarrist Martin Siewert, 31, sträubt sich gegen Jazz-Assoziationen, die das Trio auslöst, weil es einen Kontrabass hat und Schlagzeug mit dem Besen spielt: "Ich könnte mir vorstellen, dass wir von einem richtigen Jazzpublikum eher als folky oder krautrockig wahrgenommen werden."

Siewert nennt als Einflüsse die guten alten Can aus Köln und The Necks, ein australisches Pianotrio, das Strukturen elektronischer Musik wie repetitive Muster und lange Bögen akustisch verarbeitet.

Apropos australisches Pianotrio: Zeitgemäß virtuell ist die Kooperation zwischen Triosk aus Sydney und dem Berliner Elektroniker Jan Jelinek, die sich nur einmal kurz begegnet sind. Die Australier fragten Jelinek nach einem Gastspiel um Erlaubnis, Samples seiner Stücke für ihre Musik zu verwenden. Jelinek sagte ja. Dann wurde, ohne dass der eine und die drei je zusammen im Studio gewesen wären, eine kontinentübergreifende Platte daraus. Der Titel des Albums (bei www.scape-music.de) erinnert daran: 1+3+1.

Am Anfang standen Samples von Jelinek, dazu spielte das Trio, die Files gingen per Internet an Jelinek, der an ihnen feilte. Was am Ende herauskam, hat keinen Ort mehr und weist doch in eine Richtung: nach vorne.