Vor knapp zwei Jahren. Ein Gespräch mit Roland Berger in Münchens Arabellastraße. Rasch war von den Vor- und Nachteilen die Rede, die es mit sich bringt, eine öffentliche Figur zu sein.

Der Mann, der als einziger europäischer Unternehmensberater in der amerikanisch dominierten Branche ganz vorn mitmischt, und zwar weltweit, sagte damals ahnungsvoll: "Es besteht die Gefahr, in den Augen mancher etwas zu bekannt zu werden." Weniger diplomatisch formuliert: zur Reizfigur zu werden.

Roland Berger ist zwei Jahre später zur Reizfigur geworden.

Äußerlich ist in seinem Büro alles beim Alten geblieben. An den Wänden Werke der vor zwölf Jahren verstorbenen Amerikanerin Joan Mitchell und des zeitgenössischen Italieners Enzo Cucchi. Im Raum eine Skulptur des Amerikaners John Angus Chamberlain, bunt emaillierter Technikschrott. Freundlich-skurrile Stücke sind das, Zeugen aus einer Welt, die heute ferner scheint denn je.

Ansonsten ist das mäßig große Büro beinahe lieblos eingerichtet, ohne jede Prätention, keine Rede von Protz. Der Schreibtisch – leer. Symbol der hauseigenen clean desk policy. Alle Akten sind verschwunden. Und, als wollte er die Symbolik ironisch auf die Spitze treiben, mit ihnen der Hausherr. Eine Grippe hat ihn erwischt. Zu reden ist mit ihm nur via Soundstation, eine Art Interferenztelefon. Seine sonore, ruhige Stimme ist grippal aufgeraut. Der Verdacht auf eine diplomatische Krankheit entfällt.

Zu dem, was da in den vergangenen Tagen an Verdächtigungen und Schmähungen, wie er’s offenbar empfindet, auf ihn eingeprasselt ist, mag Berger sich konkret nicht äußern. Selbst vorsichtige Kommentare zieht er später zurück. Es ist, als wolle er untertauchen, jedenfalls aber jeglicher Versuchung widerstehen, die Diskussion noch anzuheizen. Gar in Richtung Politik. Die Beratung, zumal die der öffentlichen Hand, ist ein verschwiegenes Geschäft. Und hat sich nicht da, wo die Dinge an den Tag gekommen sind – in Sachen Bundesagentur für Arbeit –, herausgestellt, dass alles seine Ordnung hatte?

"Die Frage ist", so sagt Berger, "warum so relativ irrelevante Themen wie die Beratung im öffentlichen Bereich plötzlich eine solche Bedeutung bekommen?" Irrelevant, das ist quantitativ zu verstehen; dieses Geschäft bringt nur sechs oder sieben Prozent seiner Honorarumsätze. Zu den qualitativen Vorwürfen, er arbeite mit Seilschaften, produziere Gefälligkeitsgutachten, betreibe Unsinniges mit Steuergeldern, äußert er sich im Gespräch nicht.

Er rätselt, warum die Wucht der publikumswirksamen Beschuldigungen gerade ihn trifft. Denn "tatsächlich erhält Roland Berger weniger öffentliche Aufträge als andere große Berater". McKinsey zum Beispiel? Das Wort kommt nicht über seine Lippen. Er muss halt damit leben: "Politik und Wirtschaft werden in den Medien nun einmal zunehmend personalisiert." Die öffentliche Figur, Reizfigur.

Dafür aber, dass die Berater auch insgesamt ins Gerede gekommen sind, hat er eine gleichsam soziologisch-modische Interpretation: "Nach den Analysten und Investmentbankern sind jetzt offenbar die Berater an der Reihe."

Nur schwer ist mit Roland Berger in diesen Tagen über Politik zu reden. Dass die Affäre zumindest auch auf politischer Bühne tobt, ist wahrlich nicht zu übersehen. Dennoch will er da keinesfalls mitspielen. Auffällig ist, dass viele Angriffe aus der CDU kommen, während die Berliner Regierung fein beiseite steht. Berger sagt dazu nur: "Man schlägt den Sack und meint den Esel." Welcher Sack, das ist klar, der Esel trabt im Reiche der Vermutung.

Jedermann weiß, dass Roland Berger auch Gerhard Schröder beraten hat oder berät. Und dass er ein besonderes Verhältnis hat zu Edmund Stoiber, kann und will Berger nicht bestreiten; politische Gespräche, private Einladungen. Nur, diese scheinbar widersprüchlichen Kenntnisse haben, anders als vor zwei Jahren, heute keine Konjunktur.

Die Politik wiederum spricht nicht froh davon, sagt Berger, "dass ein Deutscher in einem amerikanisch beherrschten Zukunftsmarkt, der immerhin allein in Deutschland 100000 Arbeitsplätze geschaffen hat, eine führende Rolle spielt". Auch dieser Gedanke hat gerade so gar keine Konjunktur.

Als tröstlich empfindet er in dieser Situation allein, dass auch seine Kunden durchschauen, dass hier ein politisches Spiel gespielt werde; dass der Regierung eins ausgewischt werden solle. Was ihm natürlich grundsätzlich als legitim erscheint.

Dächten die Kunden anders, die aus dem nicht-öffentlichen Bereich, hätte Roland Berger viel zu verlieren. 1937 ist er in Berlin geboren, hat 1956 am humanistischen Gymnasium in Nürnberg Abitur gemacht, 1962 den Diplomkaufmann an der Ludwig-Maximilians-Universität in München; im selben Jahr ging er als Berater, später als Partner zur Boston Consulting Group in Boston und Mailand; fünf Jahre später, 1967, legte er den Nukleus der heutigen Roland Berger Strategy Consultants, deren Aufsichtsrat er seit 2002 führt. Die Gesellschaft gehört mit einem Honorarumsatz von mehr als einer halben Milliarde Euro zu den weltweit führenden Management-Beratungsgesellschaften; ein Drittel der Erlöse stammt aus dem Ausland. In Deutschland und Europa rangiert Berger hinter McKinsey auf Platz zwei, in der Welt auf Platz sechs.

Hierzulande berät Berger nahezu alles, was Rang und Namen hat, von Daimler/Chrysler bis zur Telekom. Man hat den Chef zum Lehrbeauftragten und Honorarprofessor gemacht. Er sitzt in ungezählten Beiräten, Aufsichtsräten und Gesellschaften wie Stiftungen ökonomischer, kultureller und akademischer Ausrichtung. Als Gesprächspartner und Publizist hat er den weitgehend gelungenen Versuch unternommen, omnipräsent zu sein.

Kein Zweifel: Roland Berger ist eine öffentliche Figur. Und das ist keineswegs eine historische Notiz. Er hat auf Bundes- und Landesebene in allen nur denkbaren Zukunftskommissionen gesessen. Niemand hat ihm das verübelt oder ihm finanzielle Interessen unterstellt für die ehrenamtliche Arbeit.

Auch das hat sich plötzlich verändert. Er habe, so wird ihm vorgeworfen, die jüngsten Reformkommissionen nur beehrt, um abzusahnen. Als Beispiel dient die Hartz-Kommission, mit den anfänglich inkriminierten, mittlerweile jedoch vom Hautgout weitgehend befreiten Aufträgen für die Bundesagentur für Arbeit und ihren dann doch wohl aus anderen Gründen entlassenen Chef Florian Gerster.

Wer ein wenig genauer hinschaut, sieht, wie gewöhnlich, besser. Nicht immer bringt Anwesenheit Aufträge, bleibt Abwesenheit folgenlos. So endete die Mitarbeit in der Rürup-Kommission ohne finanziellen Niederschlag. Und von der Bundeswehr gab es viel Geld, obwohl Berger der Weizsäcker-Kommission fern geblieben war.

All das hat für Roland Berger die Konsequenz: "Wir werden uns jedenfalls bis auf weiteres aus der Diskussion um die Politikberatung heraushalten."

Die öffentliche Figur tritt ab. Bis auf weiteres jedenfalls.