L a tolérance, la tolérance, il y a des maisons pour cela!" – antwortete der katholisch rechtgläubige Dichter Paul Claudel auf die Frage, was er denn von der Toleranz halte: Dafür gebe es ja wohl eigene Häuser. Wer Freudenhäuser im achtbaren Französisch als Toleranzinstitute ebenso distanziert umschreibt wie aus dem Gesichtsfeld der ehrenwerten Gesellschaft verbannt, spricht in dieser Herablassung zugleich eine Abwertung aus: cela, das da, was man in Freudenhäusern treibt, kann eben nur so lange toleriert werden, wie es an den Rändern der anständigen, rechtschaffenen und rechtgläubigen Gesellschaft verbleibt. Wollten nämlich die Desmoiselles aus besagten Häusern eines schönen Sonntags beim Kirchgang die Monsieurs Bürgermeister oder Landarzt oder Richter vor versammelter Gemeinde vertraulich grüßen, so würde die Situation sofort unerträglich. Da möchte es wohl Mord und Totschlag geben, ehe im Provinzstädtchen Ruhe und Ehre wieder einkehren.

Nicht von solchen Konflikten handelt die philosophische Habilitationsschrift Rainer Forsts, sondern vom "Toleranzdiskurs" überhaupt. Cela, dasjenige, was da toleriert, ertragen, erduldet werden soll, ist stets etwas Negatives. Es geht um Handlungen, Meinungen oder Haltungen von Individuen oder Gruppen, welche "man" ablehnt. Jedenfalls wird die Mehrheitsgesellschaft der Kirchgänger am Sonntag sie öffentlich abweisen. Doch es gibt Gründe, welche diese Ablehnung, nicht nur bei Freudenhäusern, aufheben können. Warum sonst ertrüge die Mehrheit oder die Obrigkeit freiwillig Mitbürger, die einem sittenloses Leben frönen, einem ketzerischen Gottesdienst nachgehen oder politisch gefährliche Meinungen verbreiten? Und im Verhältnis solcher Ablehnungs- und Akzeptanzgründe werden dann je nach Toleranzauffassung die Grenzen der Toleranz festgelegt.

Rainer Forst versucht einen doppelten Zugriff auf die klassische Frage nach dem Verhältnis zwischen staatlicher Duldung und religiösem Konflikt. Philosophisch verknüpft er den Toleranzgedanken mit der Entstehung einer von der Religion unabhängigen Moral. Politisch und ideenhistorisch verknüpft Forst den Streit um die Toleranz zu Recht mit den diversen Versuchen, einen Ausgang aus den Konfessionskriegen nach der Reformation zu finden. Seit sich die politische Macht auf die eine oder andere Weise von der Richtlinienkompetenz umfassender religiöser Weltbilder emanzipiert hat, hat die Toleranzfrage den modernen Staat in der Tat nicht mehr losgelassen. Auch dort nicht, wo sie in modernen Nationalstaaten mit "zivilen" oder politischen Religionen nur in indirekt religiöser Form auftrat.

Toleranz aus Respekt ist schwieriger als Herablassung

Noch 1762 hielt es der Kirchenvater der republikanischen Moderne für unmöglich, in einem Gemeinwesen "mit Menschen in Frieden zu leben, die man für verdammt hält; denn sie zu lieben hieße, Gott zu hassen, welcher sie straft". Also muss nach Jean-Jacques Rousseau der demokratische Gemeinwille eine auf wenige erzieherische Dogmen vom allmächtigen und wohlwollenden höchsten Wesen reduzierte Staatsreligion einführen. Die versperrt allen falschen Gottheiten die Altäre und allen freiheitsfeindlichen Götzendienern die Öffentlichkeit.

Diese patriotische Medizin ist unter den aktuellen Toleranzdiskursen durchaus noch im Angebot: Schon der Blick über den Rhein entdeckt in der französischen laïcité, jenem Vernunft- und Wissenschaftsglauben der Einen und Unteilbaren Republik, welche alle Insignien christlicher wie muslimischer oder jüdischer Glaubenswahrheit aus der öffentlichen Schule verbannen will, mehr als nur Spuren Rousseauscher Radikalität.

Aber sollen wir denn tatsächlich Menschen mit dem falschen Glauben oder mit unfreien Sitten auf demselben öffentlichen Platz dulden wie die anständigen Kirchgänger und emanzipierten Zeitgenossen? Auch im aktuellen Kulturkampf um den hijab einer deutschen Lehrerin scheint diese klassische Frage keinesfalls gelöst. Heute wollen Bischöfe beider großen christlichen Konfessionen im Verein mit Frauenrechtlerinnen und etlichen Landesregierungen staatlichen Erzieherinnen das sichtbare Zur-Schau-Tragen einer islamisch" motivierten weiblichen Zucht gesetzlich verbieten. Mehrheitskirchen und gender-mainstream folgen dem Erzdemokraten Rousseau, der sich konsequent weigerte, "zwischen der staatsbürgerlichen und der religiösen Intoleranz zu unterscheiden".

In der Tat – im historischen Rückblick tun sich demokratische Regime keineswegs leichter mit der Duldung des kulturell Fremden, des moralisch Falschen, des religiös Ketzerischen als politisch unfreie, aber religiös zuweilen "liberale" Imperien. Demokratische Nationalstaaten benötigen ja ein höheres Maß an normativer Identifikation ihrer Bürger mit der politischen Gemeinschaft als multinationale Reiche. Eine rechtgläubige oder aufgeklärte imperiale Elite kann diesen oder jenen ketzerischen Volksgruppen oder minderwertigen Glaubenslehren durchaus eine herablassende Duldung zuteil werden lassen.