In diesen Tagen kommen in ganz Deutschland Schüler mit ihren Halbjahreszeugnissen nach Hause. Wie sollen Eltern mit schlechten Noten umgehen?

Sie sollten Ruhe bewahren und sich vor Augen halten, dass Schulnoten relativ sind. Noten erlauben kaum Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit, sondern geben nur den Rang einer Schülerin oder eines Schülers innerhalb einer Klasse wieder. So bekommt ein durchschnittlicher Schüler in einer Schulklasse mit hohem Leistungsniveau eher eine schlechte Note, während er in einer weniger leistungsstarken Klasse besser dasteht. Da sich Lehrer am klassenbezogenen Maßstab orientieren, erhalten Schüler mit vergleichbarer Leistung in verschiedenen Klassen oder Schulen höchst unterschiedliche Noten.

Ist wenigstens die Benotung innerhalb einer Klasse gerecht?

Im Großen und Ganzen ja, allerdings mit gewissen Verzerrungen, denn innerhalb eines Klassenverbandes werden bestimmte Gruppen bevorzugt: Mädchen erhalten mildere Zensuren als Jungen, Kinder aus besser gestellten Schichten ebenfalls. Bei gleicher Leistung und bei gleicher Intelligenz ist laut Iglu die Chance eines Kindes aus der sozialen Oberschicht mehr als zweieinhalbmal so groß, eine Übergangsempfehlung für das Gymnasium zu erhalten wie die eines Arbeiterkindes, die eines Kindes mit zwei deutschen Eltern eineinhalbmal so groß wie die eines Ausländerkindes. In kaum einem Land der Welt gibt es eine so starke Kopplung zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg wie in Deutschland.

Sollte man dann lieber ganz auf Schulnoten verzichten?

Ja. Deutschland gehört durch sein dreigliedriges Schulsystem international zu den Ländern mit der schärfsten Auslese. Schulnoten sollen diese Ausleseprozesse legitimieren, obwohl sie dazu gänzlich ungeeignet sind, denn der Zufall der Klassenzugehörigkeit - im doppelten Sinne, nämlich zur Schulklasse und zu einer sozialen Klasse - entscheidet über die Notengebung.

Die Schulnote eröffnet oder versperrt beispielsweise den Zugang zum Gymnasium oder zu einem Studienplatz bei NC-Fächern.