Warum nimmt man sich für die Abendunterhaltungen die dürftigsten Bockbierfeste zum Vorbild? Warum verwendet man für die Konzerte eine Bums-Musik, die selbst abgehärtete Sterndampfer zum Kentern brächte? Warum lässt man neckische Rezitatorinnen ihren Altweibersommer austoben? Weil das dem Publikum gefällt?", ereiferte sich ein Medienkritiker 1932 in Carl von Ossietzkys Weltbühne, und dennoch klingt es, als hätte er gestern abend die schwere Dosis von zwei Karneval-Übertragungen samt Stefanie Hertel und Costa Cordalis bei seinem Abgang aus dem RTL-Dschungel-Camp zu sich genommen. Ein Dreivierteljahrhundert ist vergangen, und die Fragen, die an Radio und Fernsehen gestellt werden, sind noch immer die gleichen.

Die Debatte über den Qualitätsverfall in den Medien gleicht einem Anfallsleiden. Sie wiederholt sich alle Jahre und verschwindet so plötzlich, wie sie gekommen ist, denn die Öffentlichkeit gibt sich mit therapeutischen Antworten zufrieden, die meist nichts ändern, weil sie ohne gründliche Diagnose gegeben werden. Dabei ist Qualität in den elektronischen Medien ebenso messbar wie die Qualität einer Wochenzeitung oder eines Konzerts.

Während in jedem halbwegs ernsthaft agierenden Unternehmen erst einmal entschieden wird, welche Produkte man anbieten, welchen Bedarf man wecken oder befriedigen und welche Kunden man ansprechen will, jonglieren in der Gebührendebatte viele schon mit der zweiten Stelle hinter dem Komma, ohne wirklich zu wissen, was eigentlich berechnet und produziert werden soll. Die Ministerpräsidenten ahnen, dass 61 Radios zu viel sind, die KEF errechnet mit indexgestützten Prüfverfahren eine Rundfunkgebührenempfehlung und bekennt dennoch, dass ihr herkulisches Werk einer Struktur gelte, die sie so gar nicht mehr wolle. Zugleich üben sich die Politiker im dialektischen Seilsprung: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bekäme seine Gebühr, damit er nicht nach der Quote schielen muss, versichern sie mit treuherzigem Augenaufschlag, um dann gleich hinzuzufügen, aber wenn die Quote sinke, müsse man sich fragen, ob die Gebühr noch gerechtfertigt sei.

Gegen diese Kakophonie von Wünschen und guten Ratschlägen kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur bestehen, wenn er sich selbst Qualitätsstandards setzt, die ihn klar von anderen Medienangeboten unterscheiden. In der Schweiz und in Großbritannien hat man sich längst von rein kameralistischen Rechnungsmethoden verabschiedet und bewertet Sender und Sendungen mit speziellen Kennziffern für ihre Qualität und ihr handwerkliches Können. Die Zahl der Erstausstrahlungen und Eigenproduktionen fließt in die Bewertungskataloge ebenso ein wie die Vielfalt der Genres in der Hauptsendezeit.

Auch für die Intensität der regionalen Berichterstattung und für den Mut zum Experiment werden besondere Kennzifferwerte vergeben. Die Freiheit von werblichem Einfluss, die Einhaltung mitteleuropäischer Anstandsregeln, Respekt vor der Privatsphäre und der Nutzwert der Sendungen geht ebenfalls in die Ratings ein. So subjektiv einzelne Urteile dabei ausfallen mögen, sind die Bewertungen durch internes wie externes Monitoring in der Summe objektivierbar, und sie werden auch schon in Deutschland erprobt. Solche Kriterien schützen die Macher vor einem programmfernen Controlling, das lediglich Minutenpreise vergleicht, sie in Bezug zu Marktanteilen setzt und wenig quotenstarke Sendungen in die Randlagen des Programms verschiebt und damit auch den Kulturredakteur der Verpflichtung enthebt, seine Sendung so attraktiv zu gestalten, dass jenseits einer treuen Zuschauerschaft neue Fangruppen einschalten.

Wer nur Kosten vergleicht und nicht zugleich Qualitätskriterien zugrunde legt, kann sich vor Erstaunen nicht fassen, wenn der Minutenpreis für ein Klassikprogramm beim Bayerischen Rundfunk mit eigenen Weltklasse-Orchestern und Wortproduktionen bei 177 Euro pro Minute liegt, während das bitterarme Radio Bremen für das Einschieben von Klassik-CDs in den Schlitz mit 5 Euro Programmkosten pro Minute auskommt. Was die KEF als "erhebliche und schwer nachvollziehbare Streuung" definiert, ist in Wahrheit ein zwar erheblicher, aber klar nachvollziehbarer Qualitätsunterschied wie der zwischen Philharmonie und Musicbox. Auch jeder quotenträchtige Dampf-Talk mit politischen Dauerrednern samt ihren Friseuren ist allemal kostengünstiger als eine gut recherchierte Hintergrundreportage. Anspruchsvolle Informations- und Kulturproduktionen haben einen anderen Preis als Wiederholungsfernsehen oder das auf 300 Radiokanälen nur von Verkehrshinweisen und Werbespots unterbrochene und von Moderatoren-Persönlichkeiten wie "Dörti Dani" oder "Maddog – die Morgenlatte" apportierte Dudeldumm des reinen Geräuschradios.

Unser Weltbühne- Kritiker von 1932 kannte die Hörer. Er kannte den "Schlächtermeister Pachulkski, der zürnend im Funkhaus anläutet", warum man ihn für seine Gebühr "schon wieder mit der verfluchten Kammermusik und literarischen Vorträgen langweile". Im Hinterzimmer begegnet den Medienpolitikern der Wähler Pachulkski, der für sein Geld derbe volkskundliche Sendungen wie Kölner und Mainzer Karneval zu konsumieren verlangt. Auch Familie Pachulkski verdient beste Ware. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind in der Pflicht, in allen Genres klare Standards zu setzen, das heißt, auch für Serien und Unterhaltungssendungen gibt es positive Kennziffern für eigenproduziertes und eigenentwickeltes Programm, null Punkte für das Abkupfern von Stoffen und Formaten, mit denen schon andere auf Nummer sicher gegangen sind.

Qualität ist die Abkehr vom ewig Gleichen und auch die Pflicht zur Provokation. Insoweit war Harald Schmidt auf Sat.1 im Grunde öffentlich-rechtlich. Qualität ist das nachdrückliche und nachhakende Fernsehgespräch. Maischberger auf n-tv entspricht solchen Qualitätsmaßstäben mehr als viele menschelnde Quasselrunden. Auch in Informationsprogrammen hat das Selbstproduzierte und Selbstrecherchierte Vorrang vor der Resteverwertung. So genannte Content-Radios, die das schon dreimal Gesendete noch ein viertes Mal neu formatieren, gehören als Audio-on-Demand-Angebote ins Internet und dürfen nicht wertvolle Frequenzkapazität verstopfen.