Vielleicht war es eine jener Nächte, in denen die Leuchtkäfer ihre grünen Blitze aus den Büschen senden und die Umrisse der Palmen am Strand noch schwach zu erkennen sind, als Jan Cunny für immer im Dschungel verschwand. Er nahm das Geld mit, Steine und Holzbalken, die Gewehre und das Gold, und er ließ das zurück, was er im Namen des Königs verteidigt hatte: die Überreste der brandenburgisch-preußischen Seemacht. An der Küste Ghanas 300 Kilometer westlich von Accra, in Princess Town, erinnern die schimmelnden Gemäuer der Großfriedrichsburg an die kolonialen Träume.

Im Tro-Tro, dem Sammeltaxi Ghanas, rumpelt man, von der asphaltierten Küstenstraße kommend, die letzten Kilometer über ein staubiges, rostrotes, von leuchtend grünen Blättern, Sträuchern, Palmen flankiertes Pistenband. War Against Indiscipline sind die ersten Worte, die bei der Ankunft im Küstendorf Princess Town zu lesen sind, und gemeint ist nicht der Krieg gegen den moralischen Verfall, sondern der landesweite Appell, Dorf und Strand sauber zu halten. Heftig bläst der sandige, trockene Harmattan über den Golf von Guinea und färbt den Himmel grau. Die Palmen biegen sich. Eine Gruppe Geier hüpft zwischen den Fischerbooten am sichelförmigen Strand. 1000 Einwohner hat das Dorf vielleicht. Die Häuser sind verwittert, ihre Wellblechdächer auch. Es gibt eine Schule, fünf Kirchen, und früher, so erzählen die Einheimischen, arbeiteten deutsche Krankenschwestern im Dorf und wohnten in der Großfriedrichsburg.

Vom Taxistand führt ein steiler Trampelpfad zur Anhöhe, auf der die Festung steht. Seit zwölf Jahren ist Joseph Mensah Hausmeister und vermutet sofort, dass sein Besucher aus Deutschland kommt. Denn vorwiegend Deutsche kommen zu der kurfürstlichen Burg, an deren massivem Mauerwerk sich die Blätter mannshoher Kochbananenstauden drängen.

Major von der Groeben rammte 1683 unweit vom Kap der drei Spitzen die brandenburgische Fahne in den Sand und ließ auf einem Hügel die Großfriedrichsburg aus brandenburgischen Ziegeln erbauen. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte seine Mannen um den halben Globus geschickt, weil seine Staatskasse leer war, der Überseehandel aber lukrativ und die Aufteilung Westafrikas in vollem Gange. Portugiesen, Holländer, Dänen, Briten, Franzosen, selbst die Schweden errichteten Befestigungen an der Goldküste, schlossen Verträge und richteten die Kanonen aufs Meer, um sich gegenseitig auf Distanz zu halten. Über 60 Stützpunkte wurden erbaut. Heute gehören die modrigen Anlagen zum Weltkulturerbe.

Das herrschaftliche Gouverneurshaus der Großfriedrichsburg, das man über einen fürstlichen Treppenaufgang betritt, erweckt trotz bröckelnder Mauern und einer zerfallenen Hofanlage die vage Vorstellung einer aristokratischen Sommerresidenz, deren Bewohner vom sonntäglichen Ausflugsritt nicht mehr zurückkehrten. Aber die eingelassenen Kasematten und Verliese erzählen eine andere Geschichte. Mit einer zum Teil geliehenen Flotte von 34 Schiffen stieg Friedrich Wilhelm in den transatlantischen Dreieckshandel zwischen Afrika, Amerika und Europa ein. Elfenbein, Straußenfedern, Gummi und Gold wurden nach Europa gebracht – und Sklaven für die Baumwollplantagen nach Amerika. Doch den erhofften großen Gewinn machte der Kurfürst nicht. Die Konkurrenz war zu mächtig. Die völlig unrentable Brandenburgisch-Africanische-Amerikanische Compagnie wurde aufgelöst und die afrikanischen Besitzungen – klitzekleine Punkte an den Küsten – 1717 vom sparsamen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. für "7200 Dukaten und 12 Mohren" an die Niederlande verkauft. Die Übernahme der Großfriedrichsburg ließ allerdings auf sich warten. Jan Cunny, der schwarze Dorfhäuptling und Mittelsmann der Preußen, dem der Schutz der Festung übertragen wurde, hielt sich an den Eid, die Burg nur an preußische Gesandte zu übergeben. Von ihrem Verkauf wusste er nichts. Sieben Jahre lang widerstand er den Angriffen der Holländer und sorgte mit Dumpingpreisen im Gold- und Sklavenhandel für Unmut an der Küste.

Von den schätzungsweise mehr als 20 Millionen Afrikanern wurden vermutlich 20000 von der Großfriedrichsburg nach Amerika verschifft. Vor ihrer Abfahrt waren sie in der Festung kaserniert. Die Verliese im Untergeschoss sind nichts als nackte Zellen, ein steinerner Sarg, in dessen pestilenter Luft Frauen und Männer siechten. Selbst das Rauschen der Brandung erstickt im feuchten Gemäuer.

Dunkle Wolkenfetzen ziehen über die Bastion, an einer Wäscheleine flattern Handtücher, wie Fahnen im Wind. Ein junges deutsches Ehepaar sitzt neben rostigen Kanonenkugeln und schaut in den bleiernen Himmel. Freunde hatten ihnen den Tipp gegeben, auf der Burg zu überwintern. Vor einiger Zeit ließ die Regierung Ghanas ein paar Festungsanlagen renovieren und zu Postämtern, Gefängnissen, Museen und Unterkünften umbauen. Längst faulen die Holzböden, sind alle Wasserhähne abmontiert. Zum Duschen holt sich der Gast das Wasser aus der Zisterne. Außer fünf spartanischen Zimmern gibt es nichts auf der Großfriedrichsburg. Wer einen Schluck Limonade oder ein Omelett will, muss die zwei Minuten zu den Garküchen ins Dorf gehen. Holger und seine Frau haben Aldi-Wurst, Saftpresse und Kochgeschirr mitgebracht. Man muss das verstehen. Es ist schwer, sich loszureißen von dem Ausblick auf das Meer und die Brandung, die an den Rändern der wuchernden Küstenvegetation anschäumt. Seit Wochen sitzen sie schon und gucken und pressen Orangensaft.

Heute früh kann man ohnehin weder Reis noch Fisch auftreiben oder Fufu, eine zu Knödeln geformte Mischung aus Yams und Maniok. Alle Garküchen sind geschlossen. Am Tag des Herrn wird in den Kirchen gebetet und gefeiert. Taxis fahren vor, Kinder sind wie kleine Bankettbesucher herausgeputzt. Vor dem Portal warten Fotografen darauf, die Familie fürs Album abzulichten. In den Kirchen der Methodisten, Adventisten, Baptisten und Evangelisten liest, je nach Gemeinde, der Reverend bedächtig aus der Bibel oder hält mit dem Mikrofon in der Hand eine leidenschaftliche Rede gegen den Sündenpfuhl, bis er, schweißgebadet vom Hin-und-her-Laufen, den Zuhörern ein Halleluja zuruft. Immer wieder setzt die Band ein. Stattliche Frauen singen und klatschen in die Hände, im Rhythmus wippt die Gemeinde. "Beten", sagt Baptist-Reverend Moses Antwi, "ist auch immer Tanzen und Singen."