Soeben züngelt eine Epochendebatte durch die Theater und Feuilletons, die vom Ende der "dekonstruktivistischen" Ära raunt und die Reconquista der Traditionalisten dämmern sieht. Theaterschönheit, Werktreue und Schauspielertheater seien wieder im Kommen, Textzertrümmerung, Regieautoren und Video dagegen out.

Sucht man einen Kronzeugen gegen diese These, stößt man fast zwangsläufig auf Sebastian Nübling. Seit circa drei Jahren von Preisen (Nachwuchsregisseur 2002) und Ehrungen (Einladung zum Theatertreffen) verwöhnt und von unterschiedlichsten Intendanten begehrt, sind seine Ansichten für eine realistische Auffassung des deutschsprachigen Theaters hilfreich. Er sagt einerseits: "Die Dekonstruktion haben wir hinter uns. Meine Generation versucht eher wieder, einen Rahmen zu zeichnen." Auf der anderen Seite erklärt er ebenso bestimmt: "Sprünge und Störungen machen Theater erst interessant. Wenn mir jemand Eindeutigkeit liefert, fühle ich mich beschissen." Diese scheinbaren Gegensätze aus Abrundung und scharfen Kanten, aus denen Nübling auch seine Inszenierungen baut, verbinden sich in einem Satz, der Theater- wie Lebenserfahrung ausdrückt: "Realismus heißt Widersprüche aushalten."

Das Stück, mit dem Nübling vor drei Jahren über den Baseler Raum hinaus bekannt wurde, illustriert diese Haltung bereits deutlich. I Furiosi, nach dem Roman von Nanni Balestrini (inszeniert in Stuttgart), erzählte vom Hooliganismus ohne pädagogische Distanz zu den Motiven. Ultras des AC Mailand zelebrierten dort die Selbstheroisierung zum modernen Ritterheer mit Ehrenkodex und archaischem Zorn im Krieg um farbige Schals.

Die öffentliche Kontroverse um diese Inszenierung, die Gewalt nicht verdammt, nimmt Nübling als Erfolg: "Ich will den Zuschauer auf eine Seite locken, auf der er sich normalerweise nicht befindet. Dafür muss ich die moralische Klarzeichnung, die Täter-Opfer-Grenzen diffus halten." Der "böse" Hooligan verdient dieselbe Vieldeutigkeit wie Hamlet, Faust oder Don Karlos, den Nübling gerade an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat. Neben der Dynamik und Körperlichkeit, die sein Theater auszeichnen, sticht vor allem das Miss-trauen gegen die Gestaltung von Einzelschicksalen hervor. Seit seiner Zeit als Schauspieler in der freien Gruppe Mahagoni in den Achtzigern verfolgt er ein "chorisches Prinzip". Ein ganzes Arsenal von Figuren steht da oft auf der Bühne, Charaktere verdoppeln sich, Texte und Emotionen fließen durch Gruppen von Schauspielern. Er will die Strukturen offen legen, die die Figuren verbindet. "Diesen systematischen Gedanken würde ich durchaus als politisch bezeichnen." So werden die Ähnlichkeiten unter den Feinden meist stärker gezeichnet als deren Gegensätze. In seiner Baseler Romeo und Julia- Inszenierung oder bei der Adaption des Medea-Stoffes in Hannover, Mamma Medea, spiegeln sich Jason und Medea in allem Egoismus so facettenreich ineinander wie die Capulets und Montagues in ihrer egozentrischen Langeweile.

Auch in seinem Don Karlos steckt die Suche nach einem System. Das Team Nübling – seit 2000 bilden die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner und der Musiker Lars Wittershagen mit ihm eine gleichberechtigte Gang – stöberte dazu in der Geschichte des Masochismus. Sie entdeckten ein hysterisches Temperament bei den drei männlichen Hauptfiguren Karlos, Philipp und Posa sowie ein strafendes System drum herum, das sich von unscharfen Machtstrukturen zur Gewalt eingeladen fühlt. Im Verlauf der dreieinhalbstündigen Inszenierung verliert sich der Zusammenhang von Masochismus und Realpolitik zwar in konventionellen Stadttheatergesten, aber selbst wenn das Theater Nüblings nur döst, liefert es noch genügend schlechte Träume zur Anregung.

System und These – das ist bei Nübling nicht gleichbedeutend mit Abstraktion. Rührung, Komik und Erotik dürfen bei ihm sinnlich erlebt werden, Verführung und Verzauberung sind erlaubt. Zur Tragik gelangt man über Nebenwege, die andeuten, dass alles ganz anders ausgehen könnte.

Diese gelungene Mischung aus altmodischem Schauspiel und Attacken gegen die Oberfläche sichert Nübling eine Heimat zwischen den Theaterlagern. Das wurde zuletzt deutlich in seiner Inszenierung von Wilde – Der Mann mit den traurigen Augen des jungen Autors Händl Klaus, die in Graz und Hannover herauskam. Die Geschichte eines verwirrten Arztes, der in einer Familie zwischen fröhlichen Zwillingen und einer blutleeren Schwester verschwindet, verbindet das Mystische mit der Analyse – und wie nebenher zeigt die Inszenierung allerlei Menschheitsängste: Schüchternheit, Hypochondrie, Paranoia.

Mit solch mehrschichtiger Erzählweise bestätigt Nübling ein altes Gesetz: Das Interessante an der Kunst ist ihre Kraft zur Ambivalenz. Wer sie weckt, braucht sich vor Stildiskussionen nicht zu fürchten.