Was ist da oben bloß los? Langes Land, nördlich dunkel, kaum bewohnt, und plötzlich kommt eine ungewöhnliche Platte nach der anderen aus Städten, die Bergen oder Tromsó heißen. Das ging vor zehn Jahren los mit Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble, die mittelalterliche Chorwerke mit Saxofon-Improvisationen aktualisierten und als Officium großen Erfolg hatten.

Dann kam Nils Petter Molvaer, der seine unterkühlte Trompete aus einem Fjord zog und auf die elektronische Heizdecke legte: Solid Ether.

Und dann kamen Sidsel Endresen und Bugge Wesseltoft, Frauenstimme an Männercomputer, sie sang "Truth is a relative thing, always adjustable to reality, and little is just so, just so", und die Liebenden in den Metropolen weinten vor Untröstlichkeit. Es kamen zwei junge Männer mit Gitarre, die Kings Of Convenience, die mal eben den Folksong neu erfanden mit einem Album, das sie Quiet Is The New Loud nannten und das seither aus der norwegischen Klanglandschaft ragt wie der Galdhópiggen aus dem Jotunheimen-Gebirge.

Schließlich Erlend Oye, Röyksopp, The Low Frequency In Stereo... Es höret nimmer auf. Was ist bloß los da oben?

Hinfahren und nachschauen müsste man. Aber man kommt ja gar nicht aus dem eigenen Wohnzimmer heraus, denn da ist schon wieder netter Besuch: Kim Hiorthóy aus Oslo, der seine jüngste Veröffentlichung mitgebracht hat, Melke, "Milch" (bei Smalltown Supersound/Zomba). Kleine, unaufgeregte Klaviermelodien fließen da und zirkulieren im Computer, bis sie, xylofongestützt, rhythmisch locken, frohlocken. Kinderlieder! Mit Schlagzeug, wie durch Tücher getrommelt, das ihnen feinsten Schwung verleiht. Mit Flötentönen, Gitarrenweben. Mit Stimmchen, die flüstern: "Nu kommer Cathrine inn, hon lutar sig mot dörrposten."

Kathrin kommt rein - und irgendwas ist mit dem Türpfosten. Diese Musik erscheint so licht und leicht wie ein skandinavisches Möbelhaus - Hiorthóy stellt Mikrofone vor die Betten und Fußmatten, er belauscht den Anrufbeantworter und auch die Vögel und den Regen draußen, und wohin er hört, alles klingt so lieblich und zart.

Man möchte nach Norwegen fahren, sofort, man möchte hinter Oslo nachsehen, an Ort und Stelle das Rätsel lösen. Tromsó , wir kommen! Aber man schafft es nicht aus dem eigenen Faltsofa hoch. Man wird zum König seiner Bequemlichkeit und lässt Milch fließen und, wenn's so weiter geht, bald auch Honig.