"Lieber habe ich keinen Job als keine Kinder", ereifert sich Katie, die Mutter zweier Buben von sechs und neun Jahren, die zusammen mit ihrem Mann in Boston einen Catering-Service betreibt. Die Kleinkindphase war schwer, mit wenig Zeit und wenig Geld. Katie klagt aber nicht, schon gar nicht über die Kosten und Mühen der Brutpflege. Stattdessen denkt sie über ein drittes Kind nach: "Heute wäre ich eine ziemlich gelassene Mutter."

"Mit Kindern", sagt Bill Murray versonnen in dem Film Lost in Translation, "ist dein Leben nie wieder wie zuvor. Sie sind die höchste Freude, die dir je begegnen wird." Während bei uns die Diskussion um Kosten und Verzicht kreist, scheint in Amerika das Glück, das Kinder ihren Eltern bescheren, in der Wahrnehmung zu überwiegen.

Wer wissen will, warum Amerikaner mehr Kinder haben als Deutsche, Italiener und – ja auch – Franzosen, muss vorweg all jene Faktoren aufzählen, die kein Soziologe, kein Ökonom je quantifizieren oder korrelieren könnte. Nennen wir ihre Summe "Kinderfreundlichkeit". Die beginnt im Lokal an der Ecke, wo das Personal mit der Speisekarte einen Kinderstuhl, Malpapier und Buntstifte an den Tisch bringt. Die größeren Buchläden offerieren riesige Kinderabteilungen mit eigenem Gestühl und Vorleseprogramm. Kindermuseen gibt es in jeder größeren Stadt, Kinderprogramme in allen Museen. Kaum ein Motel, das nicht mit Rutsche und Planschbecken aufwartete.

Kinderlärm wird toleriert. Anders als wir verstecken Amerikaner ihre Kinder nicht. Dass Kanzler Kohl Söhne hatte, erfuhr man erst, als einer bei einem Unfall schwer verletzt wurde und der andere eine Türkin heiratete. US-Senatorinnen hingegen halten Stillzeiten ein und Abende für die Familie frei. Herta Däubler-Gmelin ist zwar zweifache Mutter, doch mit Kindern hat man sie kaum je gesehen. Ihre Mutter und ihr Ehemann zogen den Nachwuchs groß, sie blieb in der Hauptstadt. Unsere Großpolitikerinnen, Angela Merkel vorweg, haben keine Kinder; auch unser Kanzler hat keine, jedenfalls keine eigenen. Dito die Justiz-, Verbraucherschutz- und Bildungsministerin.

Hat das alles damit zu tun, dass "der Staat" zu wenig für die Familie tut, wie die ewige deutsche Klage lautet? Im Vergleich zu Deutschland ist der amerikanische Staat so geizig wie Onkel Dagobert, wenn es um Kinder-Betreuung und Mutterschutz geht. Freilich philosophieren Amerikaner nicht über die Last des Nachwuchses: Fehlt es an öffentlichen Kindergärten, organisieren Eltern vielfältigen Ersatz, richten die Unternehmen – ob Anwaltskanzlei oder Versicherungskonzern – Krippen und Betreuungsmöglichkeiten in der Firma ein. Von einem Jahr Freistellung mit garantiertem Rückkehrrecht können Amerikanerinnen nicht einmal träumen. Warum haben sie trotzdem mehr Kinder als wir?

Die Geburtenrate der Amerikaner wird mit 2,07 in der gesamten OECD nur von Mexiko mit 2,57 übertroffen – Deutschland liegt mit 1,39 abgeschlagen auf dem 23. Platz. Weniger kinderlieb stehen nur noch die Mittelmeerländer und ehemaligen Ostblockstaaten da. Warum? Die wohlfeile Antwort, die auf die Vermehrungslust der Hispanics und all der anderen dunkelhäutigen Einwanderer in den USA verweist, greift zu kurz. Zwar ist die Geburtenrate der Frauen aus Mexiko und Mittelamerika mit 3,2 weit höher als die der weißen Amerikanerinnen, Asiatinnen (2,0) oder schwarzen Frauen (2,1). Aber auch die Geburtenrate der weißen Amerikanerinnen liegt mit 1,9 über der aller Europäerinnen – mit der Ausnahme von Island (1,99).

Die hohe Fruchtbarkeit der hispanischen Frauen als der größten Minderheit in den USA ist also nur die Schlagsahne auf dem Kuchen, der "Ersetzungsrate" heißt (2,1 Kinder pro Frau gleich konstante Bevölkerungszahl). Mithin ist Ethnie nur ein Faktor, einer von vielen. Der wichtigste ist Bildung. In der gesamten Welt gilt: Je höher die Bildung der Frauen, desto niedriger die Geburtenrate. In den Entwicklungsländern sorgt allein die Alphabetisierung der Frauen für einen drastischen Abfall der Gebärfreudigkeit. In der entwickelten Welt herrscht eine ähnlich enge Korrelation: Je höher der Anteil an gut ausgebildeten Frauen, desto stärker der Rückgang der Geburtenrate.

Nun ist der Anteil der berufstätigen Frauen an der Bevölkerung in den USA (47 Prozent) etwas höher als in Europa (43 Prozent), der Prozentsatz akademischer Abschlüsse auch, und doch ist die Geburtenrate hier sehr viel höher als in Europa. Liegt das am Ende also doch an der Zeugungslust von Hispanics und Schwarzen mit ihrem statistisch niedrigeren Bildungsgrad? So einfach ist die Sache nicht: Die Fertilität gut ausgebildeter hispanischer Frauen sinkt automatisch auf das Niveau ihrer weißen Schwestern. Und schwarze Frauen mit Universitätsabschluss fallen gar hinter hispanische und weiße College-Absolventinnen zurück. Unter den Frauen mit einem Bachelor haben die weißen Frauen sogar die höchste Fertilität und die schwarzen die niedrigste.