Kourou. Einsam und zerbrechlich steht Rosetta in der Mitte des Reinraums. Ihre Sonnensegel sind eingeklappt, die Öffnungen für Kameras und Messgeräte mit roten Deckeln staubdicht verschlossen. Nur eine Satellitenschüssel und die Spinnenbeinchen des Landegeräts ragen heraus. Der Rest der Raumsonde ist dick in schwarze Thermofolie gehüllt. Kühl und trocken ist es im Innern der strahlend weiß gestrichenen Halle, während ein schwüler Tropenguss auf das Blechdach prasselt. Ein letztes Mal umkreist Claude Berner die startbereite Sonde. "Es fällt schwer, sich von Rosetta zu verabschieden", sagt der französische Ingenieur, der für die Koordination ihrer wissenschaftlichen Experimente verantwortlich ist. "Aber ich bin auch froh, dass es endlich losgeht."

Am kommenden Donnerstag soll die Reise der Sonde beginnen. An deren Ende, im Jahr 2014, wird sie – hoffentlich – sanft ein kleines Labor auf dem Kometen Churyumov-Gerasimenko absetzen. Ob die heikle Mission gelingt? Eigentlich sollte Rosetta schon vor 13 Monaten zu diesem Rendezvous starten. Doch dann wurde der Start im letzten Moment abgeblasen, weil es Zweifel an der Zuverlässigkeit der Trägerrakete Ariane gab. Damit war der Komet Wirtanen, zu dem die Expedition führen sollte, nicht mehr zu erreichen. Rosetta kam zurück in die klimatisierte Halle auf dem Gelände des europäischen Raumfahrtzentrums im südamerikanischen Kourou. Auch Berner und seine Kollegen mussten in Französisch-Guayana bleiben. Denn ihr Fluggerät konnte nicht einfach eingemottet werden. Als die europäische Raumfahrtagentur Esa nach langen Berechnungen ein neues Ziel festlegte und Churyumov-Gerasimenko anpeilte, musste Rosetta dafür fit gemacht werden.

Viele Millionen Kometenkerne kreisen vermutlich jenseits des Pluto um die Sonne. Doch nur wenn einer von ihnen ins Innere unseres Sonnensystems gerät, erwärmt er sich und erscheint als Schweifstern am Himmel. "Woraus ein Komet und sein Schweif genau bestehen, wissen wir nicht, sonst müssten wir ja nicht hinfliegen", erläutert John Ellwood, Rosetta- Projektmanager bei der Esa, das Expeditionsziel. Der Komet Churyumov-Gerasimenko, der 1969 von zwei russischen Astronomen entdeckt wurde, ist etwa fünf mal drei Kilometer groß und ähnelt der Form eines eisigen Rugbyballs. Bilder des Hubble- Weltraumteleskops lassen vermuten, dass "Chury", wie die Wissenschaftler ihr neues Ziel zärtlich nennen, sich in rund zwölf Stunden einmal um die eigene Achse dreht. Dort zu landen ist vermutlich ungleich schwieriger als etwa auf dem Mars. "Wir wissen nicht einmal, ob sich die Kometenoberfläche eher wie ein weicher Schneeball oder wie eine verharschte Skipiste anfühlt", sagt Ellwood. Vor dem Landeversuch soll Rosetta den Kometen deshalb zwei Monate lang in einem Abstand zwischen 200 und 25 Kilometern umkreisen und nach einem geeigneten Standplatz Ausschau halten.

Dann gilt es, das Problem der Anziehungskraft zu lösen. Zwar wird das auf der Erde rund 100 Kilogramm schwere Rosetta- Landegerät auf dem Kometen nur noch ein paar Gramm wiegen – doch das ist noch immer deutlich mehr als auf dem viermal kleineren Wirtanen. Also mussten die drei Beine zusätzlich gedämpft werden, damit sie das in Schritttempo geplante Aufsetzmanöver überstehen. Andererseits ist Churys Schwerkraft so gering, dass das Landegerät nicht auf dem Kometen stehen bleiben, sondern wie ein Ball abprallen würde. Daher soll es sich nach der Landung sofort mit Eisschrauben in die Kometenoberfläche bohren und zugleich eine Harpune mit Widerhaken abfeuern, die für zusätzlichen Halt sorgt. Danach werden Kameras, Spektrometer und andere Messgeräte die mineralische und chemische Zusammensetzung der Oberfläche untersuchen. Die Wissenschaftler erwarten eine Mischung aus Staub und Eis. Sie bezeichnen solche Kometen auch gern als "dreckige Schneebälle".

Rosetta ist nicht die erste Mission zu einem Kometen. Verschwommene Bilder eines unförmigen, pockennarbigen Klotzes hatte die europäische Giotto- Sonde 1986 bei ihrem Vorbeiflug am Kometen Halley geliefert. Und noch bevor Rosetta ihr Ziel erreicht, wird die Nasa neue Erkenntnisse präsentieren. Am 2. Januar ist die Stardust- Sonde durch den Schweif des Kometen Wild 2 geflogen und hat auf ihrer klebrig beschichteten Außenhaut viele tausend Partikel eingefangen. Im Januar 2006 soll Stardust sie zur Analyse auf der Erde absetzen. Außerdem startet im kommenden Dezember ein rabiates amerikanisches Gegenstück zur zarten Rosetta- Mission. Die Sonde Deep Impact wird eine 370 Kilo schwere Kupferkugel in die Flugbahn des Kometen Tempel1 schießen und die Folgen des Zusammenpralls beobachten. Ein Krater "bis zur Größe eines Fußballstadions und der Tiefe eines 14-stöckigen Hochhauses" werde dabei gerissen, kündigt die Nasa an. So könne man einen Blick ins Kometeninnere werfen und die Bedeutung einer Kollision mit der Erde abschätzen.

"Das ist ein ganz anderer Ansatz", sagt Esa-Mann John Ellwood, "wir werden uns so langsam nähern, dass wir sicher nicht zerstören, was wir untersuchen wollen." Dennoch hat er großes Interesse an den Nasa-Erkenntnissen. "Wir sind weltweit ein kleiner Club von Kometenforschern, da tauscht man natürlich aus, was man weiß." Schließlich enthalten die Schweifsterne womöglich auch die Erklärung für manches irdische Geheimnis. Im Unterschied zur Erde, die Erosion, tektonischen Kräften und der Sonnenstrahlung ausgesetzt ist, verbringen Kometen die längste Zeit ihres Lebens fern der Sonne in extremer Kälte und Ruhe. Als eine Art kosmisches Archiv könnten sie also noch Urmaterie in sich tragen, aus der Sterne und Planeten vor über 4,5 Milliarden Jahren entstanden sind. Einige Theorien gehen sogar davon aus, dass Kometeneinschläge auf der Erde nicht nur zum Aussterben der Dinosaurier beigetragen, sondern schon viel früher Wasser und die ersten Bausteine des Lebens auf die Erde gebracht haben.

Nach dem Absetzen des Minilabors soll die Rosetta- Sonde Churyumov-Gerasimenko noch ein Jahr lang auf seinem Flug in Richtung Sonne begleiten. Wenn die Temperatur dabei langsam ansteigt, wird Gas entweichen, Staub von der Kometenoberfläche mitreißen und den typischen, bis zu 100 Millionen Kilometer langen Schweif ausbilden. Auch für dessen Analyse hat Rosetta Experimente an Bord. Damit die Sonde beim Weg durch den Schweif nicht ins Trudeln kommt, musste eine spezielle Navigationssoftware entworfen werden. Mit deren Hilfe orientiert sich Rosetta an Sternbildern. Das System soll aber auch funktionieren, wenn ihm angestrahlte Staubpartikel bis zu 1000 falsche Sterne vorgaukeln.

Ob all das klappt, wird sich erst in elf Jahren zeigen, nach über fünf Milliarden zurückgelegten Kilometern. Die Ariane-5-Rakete wird Rosetta auf eine Geschwindigkeit von 40000 Kilometern pro Stunde beschleunigen – nach einem komplizierten Flugmanöver. Dazu gehört ein eineinhalbstündiger Freiflug im so genannten barbecue mode, bei dem die in Bremen gebaute Ariane-Oberstufe rotiert, um nicht einseitig von der Sonne überhitzt zu werden. Den restlichen Schwung muss sich die Sonde unterwegs holen, wenn sie dreimal das Gravitationsfeld der Erde und einmal das des Mars passiert. Da die verschlungene Bahn näher an der Sonne vorbeiführt als auf der ursprünglich geplanten Route zum Kometen Wirtanen, musste auch Rosettas Temperaturhaushalt neu berechnet werden. An ihrer schwarzen Außenhaut kleben nun einige silbern glitzernde Streifen. Sie sollen die zusätzliche Wärmemenge reflektieren und so die empfindliche Bordelektronik vor Überhitzung schützen.