Der Mann im weißen Kittel setzt den Bunsenbrenner an. Eine blaue Stichflamme schießt empor, und der Gummiteddy im Reagenzglas ist hin. 20 Kinder und eine Ministerin strahlen. Das Chemiepraktikum in der Grundschule Frixheim ist so ganz nach dem Geschmack von Edelgard Bulmahn. Angehende Lehrer der Kölner Universität offenbaren Viertklässlern die Wunderwelt der Chemie. Und das in einer Ganztagsschule, die von ihrem Ministerium Geld bekommt.

Eine Mutter schwärmt von "deutlicher Leistungsverbesserung" durch die Hausaufgabenhilfe am Nachmittag. Der Bürgermeister nennt die Schule, mit Berliner Unterstützung entstanden, ein "kleines Paradies". Und der Kinderchor bringt seine Begeisterung über die verlängerte Schulzeit singend zum Ausdruck: "Ja die Ganztagsschule, das ist eine ganz coole."

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, den Pionierländern für Ganztagsschulen, bekommt die Bildungsministerin, was sie im fernen Berlin so dringend brauchte: Zuspruch und Erfolgsbeweise. Wenn das doch bloß ihre Kritiker sehen könnten, all die Nörgler in der eigenen Partei, die Lästerer aus der Opposition, die Miesepeter aus dem Feuilleton, für die sie längst zu einer Art Gottseibeiuns der deutschen Bildungspolitik geworden ist.

Mit allen über Kreuz

Edelgard Bulmahn hat, vorsichtig ausgedrückt, nicht mehr viele Freunde. Die Professoren hat sie schon vor Jahren gegen sich aufgebracht, als sie den Hochschullehrern mehr Wettbewerb verschrieb. Konservative verärgert ihr Plan, die Habilitation abzuschaffen, Fortschrittliche ihr Widerstand gegen Studiengebühren. Die Kultusminister aus den CDU-Ländern reden nicht mehr mit ihr, weil sie sich in deren Terrain breit macht. Deren Kollegen von der SPD nehmen ihr die Idee mit dem Wettbewerb der Eliteunis übel, auch, weil sie mal wieder nicht über den Plan informiert waren. Wo man sich auch umhört, der Name Bulmahn provoziert Stöhnen, Augenrollen, schnaubendes Lachen.

Dabei gibt es keine bessere Zeit für eine Bundesbildungsministerin. Ob Pisa-Untersuchung oder Diskussionen über die Qualität der deutschen Hochschulen: Niemals in den vergangenen 20 Jahren beschäftigte sich die Nation so sehr mit Bildung. Doch statt mit Kompetenz zu glänzen, die Reform mit langem Atem von Berlin zu steuern, provoziert Bulmahn einen Streit nach dem anderen mit den Ländern, setzt auf Marketingparolen ("Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten") und hetzt von Termin zu Termin, um PR in eigener Sache zu betreiben.

Sie scheint es nötig zu haben. Noch bescheinigt ihr Kanzler Schröder öffentlich "sehr gute Arbeit". Doch wenn die kommenden Wahlen für die SPD zur Katastrophe werden und der Druck, die Regierung umzubauen, wächst, zählt sie zu den ersten Kandidaten für einen Personenwechsel. Wie konnte es so weit kommen? Wie schafft es die wohl kundigste, fleißigste und mutigste Bildungs- und Forschungsministerin, die Deutschland seit langem hatte, zugleich die unbeliebteste zu sein?

Selbst ihre ärgsten Kritiker sprechen Edelgard Bulmahn nicht die Sachkenntnis ab. Seit 1987 sitzt sie im Bundestagsausschuss für Bildung und Wissenschaft, war später dessen Vorsitzende: Es gibt wenige Politiker, die sich in den Verzweigungen der deutschen Forschungslandschaft so gut auskennen wie die Studienrätin für Englisch und Politik aus Hannover. "Sie ist die erste Bildungspolitikerin, die ich wieder ernst nehme", sagt einer, der seit Jahren an der Spitze einer der großen Bildungsorganisationen sitzt. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, weil seine Organisation viel Geld aus Berlin bekommt und er ebenso viel Giftiges über die Ministerin loswerden möchte.