Wer den erschreckenden Zusammenhang von Lebenslust, Sex, Aids und Tod erkennen will, muss an diesen Ort fahren: Salvador da Bahia in Brasilien. Nicht nur zum Karneval, aber am besten dann. Nach Salvador, und nicht zum Karneval von Rio de Janeiro. Dort geben die Sambaschulen ihre perfekten Shows ab, choreografiert und durchkomponiert bis zum letzten Hüftschwung, bunt, laut und aufregend, aber doch eher Bühnenspektakel und Millionengeschäft. Der Karneval von Salvador da Bahia ist ein echter Straßenkarneval, bei dem jeder mitmachen kann. Der größte der Welt. Sechs Tage und Nächte der Ekstase. Ein Fest des Vergessens, des Sichgehenlassens, der öffentlichen Massenkopulation.

"Bahia: major explosão de alegria" – so werben grelle Plakate auch in den anderen Karnevalshochburgen Brasiliens, "Bahia, die größte Explosion der Lust". In der ehemaligen Kolonialhauptstadt der Portugiesen an der Baía de Todos os Santos, der "Bucht der Allerheiligen", beginnt diese Explosion am Donnerstagabend vor Aschermittwoch. Der Bürgermeister übergibt den Stadtschlüssel an den dicken Rei Momo, den Karnevalskönig. Dann strömen anderthalb Millionen Menschen durch die Straßen – bis zum Morgen. Niemand scheint mehr zu schlafen. Schon bald am nächsten Vormittag beginnt der Reigen aufs Neue. Und Sonnabend wieder. Und Sonntag. Auch Montag. Am fetten Dienstag sowieso. Selbst am Aschermittwoch wird noch weitergefeiert.

19 Kilometer Straße werden für den Hauptzug entlang der Uferpromenade und durch die Innenstadt abgesperrt. Ein zweiter Zug wälzt sich durch die engen Gassen des Altstadtviertels Pelourinho. Nur wenige Menschen kommen kostümiert. Dazu ist es zu heiß. Dazu fehlt das Geld. Deswegen fallen die Blocos de Trio mit jeweils einigen tausend Mitgliedern besonders auf. Auf den ersten Blick scheinen sie den Karneval zu dominieren, wegen der gleichförmigen Uniformen, die sie tragen. Die Blocos de Trio sind die Vereine der hellhäutigen weißen Oberschicht. Viel größer, aber nicht so homogen, sind die Blocos Afros, die Blocks der Schwarzen, der dunkelhäutigen armen Unterschicht. Die Nachfahren der Sklaven bilden die große Mehrheit in Bahia. In der Millionenstadt Salvador sind neun von zehn Menschen farbig. Ihre Idole sind Nelson Mandela, Malcom X und Bob Marley. Ihre Musik schafft den Rhythmus des Karnevals: Samba-Reggae, eine Mischung brasilianischer und karibischer Stile, wobei der Samba nichts anderes ist als eine Kreuzung portugiesischer Fados mit westafrikanischem Bänkelsang.

Die Sambas von Salvador sind oft durch und durch politisch, thematisieren den scharfen, immer nahe an der Grenze zum Gewaltausbruch schwelenden Konflikt zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich, zwischen Sklavenhütte und Herrenhaus. 1997 wählte Olodum, die berühmteste Band von Salvador, ihren Samba-Reggae "Mundo Cão, Hundewelt, zum Leitmotiv für den Karneval in der Stadt, die sie "Roma Negra" nennen, das schwarze Rom. Das Lied, bis heute populär und aktuell, ist ein verzweifelter Aufschrei gegen die Oberschicht: "Die Hänge rutschen / Alles stürzt ein / Langsam stirbt das Volk / Niemand kümmert’s / … / Du bezahlst die Steuern / Sie essen alles auf / Was für ein Land ist das / … / Ein Land der Hunde."

Vor dem Mercado Modelo, dem Alten Zollhaus in der Unterstadt von Salvador, verkauft der steinalte Meistersänger José João dos Santos einige Texte der 300 von ihm komponierten Lieder. Eines heißt Camisinhas para Todos – Präservative für alle. Es ist ein Aufklärungslied, dessen trauriger Text der allgemeinen Sorglosigkeit Hohn spricht. Er beginnt mit der bezeichnenderweise untertreibenden Zeile "Aids ist eine Belästigung" und endet mit der düsteren und treffenden Voraussage "Die Armen werden leiden".

Die meisten Karnevalsgruppen von Salvador halten es mit der westafrikanischen religiösen Tradition des Candomblé. Deren Götter, die Orixás, wurden, da die Kulte in der Sklaverei und lange danach verboten waren, von den Afrikanern in die katholischen Riten hineingeschmuggelt. Die Nachfahren der Sklaven huldigen nur zum Schein den Heiligen der katholischen Kirche. In Wirklichkeit haben sie jedem von diesen einen ihrer Orixás zugeordnet. Aber anders als die Heiligen geben die Orixás keine Moral vor. Sie kennen keine Sünde, nur gute Kräfte und böse Kräfte. Liebe und Lust sind gute Kräfte. Sex ist eine gute Kraft. Und oraler oder analer Sex ist für die Anhänger des Candomblé nicht einmal Sex, nur Spaß, wiewohl auch eine gute Kraft. Aids ist eine böse Kraft. Aber keine Strafe für sündiges Verhalten.

Der Karneval von Salvador da Bahia erlebt in diesen Tagen wieder eine seiner Explosionen der Lust, sechs Tage und Nächte Sinnesfreuden und Leichtsinn. Aufgepeitscht werden Blocos und die vielen einfach nur so Mitgerissenen, die, wenn sie überhaupt einen Sinn im Leben sehen, dann in der amoralischen Triebhaftigkeit des Candomblé, durch die Musik aus den Trios Elétricos. Die Trios sind die Umzugswagen, fahrbare Bühnen, auf Sattelschleppern mit Umkleidekabinen und Bars, ausgestattet mit 100000 Watt starken Anlagen. Allein die schiere Schallkraft der überdimensionalen Boxen versetzt die Masse in Zuckungen. Was im Rheinland die Süßigkeiten, sind hier die camisin has. Jeder der Wagen führt Eimer voller Präservative mit sich. Es regnet Kondome zum Karneval.

Nur mit Mühe kann die Polizei den Menschenfluss im vorgeschriebenen Bett halten. Wenn er zu weit über die Ufer, also von den Avenuen in die Seitenstraßen, von den Promenaden zu den Zuschauertribünen strömt, prügeln die Polizisten wild, aber doch nach einem gewissen Muster drauflos, nach einem rassistischen Muster: Je dunkler die Haut, desto schlimmer die Stockschläge.