Früh am Morgen hat es auf dem Possen geschneit. Der Hügel, 440 Meter hoch, liegt südlich von Sondershausen im Thüringer Harz. Wildschweine grunzen im Gehege, Hirsche fressen von Spaziergängern hingeworfene Kastanien, die Bären schlafen – der richtige Ort für ein Vereinstreffen. Fünfzig Menschen aus der Republik haben sich zum sportlich-festlichen Wettstreit eingefunden. Das 3. Wintertreffen des Trabantclubs Sondershausen hat Trabi-Freunde aus Sachsen, Thüringen und Franken angelockt.

Im weiteren Tagesverlauf wird es darum gehen, Zylinderköpfe zu stapeln, Bälle durch rostige Metallfassungen von Scheinwerferlampen zu schießen und aus einem Kanister exakt zwei Liter Ersatzflüssigkeit in einen Blechtank zu schütten. Auch der diesjährige Meister im Anlasserstemmen will ermittelt sein. Die Königsdisziplin aber ist im himmelblauen Vereinsvehikel zu bewältigen. Am Heck des Wettkampftrabis – 600 Kubikzentimeter, Baujahr 1962 – klebt das internationale Landeskennzeichen der DDR. Im Zweitakter mit Handschaltung gilt es, vier Schwierigkeiten zu meistern: die Strecke von 50 Metern in exakt 15 Sekunden zurücklegen; der Länge nach über ein schmales, langes Holzbrettchen rollen; zentimetergenau vorwärts einparken; zentimetergenau rückwärts einparken. Jetzt gurgelt der Anlasser. Ein Röcheln, dann ein Röhren. Eine ölig blaue Wolke steigt in die morgendliche Luft. Sie will sagen: Los geht’s!

Trifft der Deutsche einen Deutschen, ist fast mit Sicherheit ein Verein dabei. Bereits wenn der Deutsche in den Spiegel schaut, beträgt die Wahrscheinlichkeit 60 Prozent, dass das Gegenüber Mitglied eines Vereins ist. 574359 eingetragene Vereine (e.V.) zählte 2003 das Register, 29658 mehr als 2001 – ein jährliches Wachstum von 2,8 Prozent. Wäre unsere Wirtschaft nur auch so produktiv! Es gibt für alles Vereine und Vereine für alles, den sprichwörtlichen Kaninchenzüchter-Verein ebenso wie den Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V., den Eine Welt e. V., den Dritte Welt e. V., den Phantastische Welten e. V. Zum Gründen reichen drei Personen. Sinkt die Zahl unter drei, wird einem e. V. "die Rechtsfähigkeit entzogen", sagt das Recht. Auf über 14 Millionen Kraftfahrer hat es seit 1903 der ADAC gebracht. Der Allgemeine Deutsche Automobilclub e. V. ist der größte Verein im Land. Was nicht verwundert. Denn macht ein Interesse das Wesen einer Nation aus (Kleingärtnern, Kegeln, Karneval), gründen sich dazu bevorzugt Vereine. Und das typischste Artefakt Deutschlands ist zweifellos das Auto.

So lässt sich das Verbindende und Unterschiedliche am deutschen Vereinsleben am allerbesten am Objekt Auto studieren. Nirgendwo bricht sich deutsche Wirklichkeit vielfältiger als in den Vereinen rund ums Auto. Neben dem Marktführer ADAC gibt es markenfixierte Vereinigungen wie den OPEL-Gäng Pirmasens e. V., typenorientierte Grüppchen wie den Corvette Club NRW, aggregatsbezogene (Adler-Motor-Veteranen-Club e.V.) und funktionsspezialisierte Autovereine (Taxiverband Deutschland e. V.). Natürlich gibt es neben den Männer- die reinen Frauenvereine wie den Deutschen Damen Automobilclub (DDAC). Die Gegenbewegung formiert sich in Vereinen wie autofrei leben! e. V. und Autofreies Wohnen e. V. Und wer unter die Räder geraten ist, organisiert sich im Unfallopfer-Netz e. V.

Normalerweise findet Vereinsleben vorwiegend abends statt – außer es stehen besondere Anlässe an. Der jährliche Wettkampftag des Trabantclubs Sondershausen ist ein solcher. Doch warum muss man sich dazu im Winter treffen, im Schnee? "Im Sommer sind schon an jedem Wochenende überall Trabi-Treffen. Da kommst du als Veranstalter in den Markt nicht rein", sagt Sven, Vorstandsmitglied des Trabantclubs. Er zwängt sich auf den Beifahrersitz des Wettkampftrabis. Dort erklärt er dem unsicheren Neuling das verehrte Vereinsobjekt. Da ist die Handschaltung. Hier der Rückwärtsgang. Kupplung ist wie überall. Vorsicht: Keine Bremsverstärkung! "Fahr mal zum Üben rückwärts bis zum Start!" Denn auch der Reporter darf am Wettkampf teilnehmen. Dem Sieger winkt ein 15 Zentimeter hoher lächelnder Kunststoffschneemann mit Weihnachtsbaum, roter Mütze und Glocke.

Während auf dem Possen die Trabi-Freunde um Punkte kämpfen, sammelt sich am Nachmittag der Landesclub Berlin des Deutschen Damen Automobilclubs e. V. im Grunewald. Einmal im Monat treffen sich die DDAC-Damen im Wintergarten eines Tennisclubs zur Trockenrallye am grünen Tisch. Die vor dem Clubheim geparkten Limousinen sind zwar stattliche Vehikel. Aber im Winter macht es keinen Spaß, damit über kalte und dunkle Landstraßen zu rollen. Zur großen Frühjahrsrallye im Mai und zu den kleinen Rennen an Sommerabenden treten die Damen natürlich im Automobil an. Jetzt aber liegen Straßenkarte, Buntstifte und die Lupe mit Licht auf dem Tisch bereit.

Vereinsmeierei als Akt der Freiheit