"Der Kanzler öffnet den Mund und beginnt seine Rede. Schnell schlüpft ein schlangenartiges Wesen heraus und springt auf die Hand der Oppositionsführerin, die gerade beginnt, Erwiderungen in ihre Rede einzuarbeiten"

Eben noch hatte mich diese weiche, filigrane Hülle umgeben, in die man schlüpft, wenn man besonders gut schläft: ein fein gewebtes Gespinst, das Licht fern hält, aber Träume zum Leuchten bringt, so, als lade sich dieser Kokon beim Schlafen elektrisch auf. Die Nacht war ein heiteres Bildersausen, ein blitzendes Traumspektakel, das mich erheitert hatte. Nun dämmerte es bereits, und die Zwischenzeit zog auf, in der man nicht mehr richtig schläft, aber auch noch nicht wach ist. Eine gute Zeit für jene Träume, die einem manchmal so ganz anders, weil realitätsnäher erscheinen als die unterbewussten, vielgestaltigen Eskapaden in tiefer Nacht. Am frühen Morgen scheinen andere Traumkünstler für Bilder, Töne und Bewegungen am Werk zu sein. Ihre Werke taugen als Stimmungseinstieg für den neuen Tag.

Wenn man Glück hat, begegnen einem diese Morgenbilder später noch einmal – als Begleiter ungezügelter Gedanken zu der hübschen Frage: "Was wäre, wenn?"

Diese Frage ist an Komplexität nicht zu überbieten. Sie reicht vom Einfachen ins Komplizierte, vom Entstehen bis ins Vergängliche. Voraussetzung für diese Frage ist die Ahnung, etwas nicht zu haben, nicht zu können oder nicht zu sein.

In Anbetracht der vielen Menschen, die mich umgeben, möchte ich beispielsweise die Gabe haben, die Energien zu sehen, die jeden von morgens bis in die Nacht hinein begleiten. Ich habe einen Traum. Ich kann diese Kräfte sehen – und bin zunächst erstaunt.

Welche Farben sie haben! Wie sie sich drehen und auf- und niederschwirren! Wie dicht sie einem am Kopf sitzen, auf den Schultern hocken, an den Hosen hängen und auf den Füßen balancieren!

Ich drängle mich durch den Strom von Menschen, die mir auf Einkaufsstraßen entgegenkommen. Um sie herum viele Geizgeister, gefärbt in Violett; Wesenheiten, geformt wie Saugrüssel grimmiger Windhosen. Sie zerren an den Menschen, schlüpfen in Augen und Ohren und kommen aus den Handtaschen wieder heraus. Ihre Stimmen pfeifen schrill wie der Wind, wenn er durch Ritzen geht. Sie sind beweglich und schnell. Giftig gelb leuchten andere Geister dazwischen, die des Neides und der Häme. Sie haben fast menschliche Züge, wenn nicht ihre Glubschaugen wären, die sich drehen können wie die Augen der Tsetsefliege. Wenn da nicht auch die Energien des Maßes wären, die sanften Geister der Klugheit und des Wissens, käme man sich vor wie auf einem Müllplatz der Gefühle.

Getrieben von Neugier, fahre ich zum Flugplatz und nehme eine Maschine nach Berlin. Ich steige ein, Politiker zu besuchen, zu sehen, welche Geister sie bedrängen, unterstützen oder fördern. Ab Reihe 1 erstarre ich. Ein grandioses, ein entsetzliches Bild. 28 Reihen, voll besetzt mit 160 Passagieren, die umschwirrt werden von Tausenden von Kampfenergien: Kriegs- und Heldengeister, Geld- und Machtgeister, Unterdrückungs- und Streitgeister. Am intensivsten allerdings leuchtet ein Geist, der wie festgeschweißt am linken Revers der Männer und oberhalb der linken Brust der Frauen sitzt: der Kleingeist. Er leuchtet gallegrün.