Ein Dämon kehrt zurück – Seite 1

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Die gute Nachricht? Der klassische Antisemitismus - Ausgrenzung, Vertreibung, Vernichtung - ist verstummt in Europa. Juden sind Bürger geworden, ohne den Preis der Taufe entrichten zu müssen, die Heinrich Heine das "Entrée-Billet" in die Gesellschaft genannt hat. Deutschland hat die drittgrößte und schnellstwachsende jüdische Gemeinde Europas; ihr verstorbener Präsident Ignatz Bubis war ein Fixstern des öffentlichen Lebens. Die schlechte Nachricht: Das Monstrum ist wieder erwacht, wiewohl in zwiefach neuer Gestalt.

Hier in Europa, nach Hitler? Unmöglich! Nicht ganz. Vergangene Woche hat sich eine EU-Konferenz mit der scheinbar ausgerotteten Krankheit beschäftigt, im April wird sich der "Weltsaal" des Auswärtigen Amtes mit Vertretern aus den 55 Mitgliedsländern der OSZE füllen, um über "best practices" bei der Bekämpfung nachzusinnen. Wenn also zwei so bedächtigen Bürokratien der Gestank auffällt, kann es sich beim Neuen Antisemitismus nicht nur um Hirngespinste aufgeregter Funktionäre vom Jüdischen Weltkongress handeln.

Ritualmord und Verschwörung

Die eine Variante des Neo-Antisemitismus ist der Re-Import einer ganz alten. Lange schon vor dem Sechstagekrieg hat die arabische Welt die klassische europäische Version übernommen und zur "Leitkultur" ausgebaut. Ein Uralt-Motiv ist der Ritualmord, ein zweites die Weltverschwörung, ein drittes der Jude als das schiere Böse – alles jüngst in epischer wie ekelerregender Länge zu betrachten in einer syrischen TV-Serie namens Diaspora und einer ägyptischen namens Reiter ohne Pferd. Einen rascheren Zugang eröffnet das Middle East Research Institute (memri.org, memri.de), wo der tägliche Antisemitismus der gesteuerten Medien übersetzt wird. Im Vergleich zu diesem Lesestoff erscheint der Stürmer wie eine schlichte Mitglieder-Postille der SA.

Re-Import? Ein Blick nach Frankreich mit der größten islamischen Bevölkerung Europas zeigt das Problem in seinem ganzen erschreckenden Ausmaß. Bei den Tausenden von Vorfällen ging es nicht etwa um "Anti-Zionismus". Attackiert wurden Juden, ihre Schulen und Synagogen; schließlich riet der Oberrabbiner von Paris seinen Schäfchen, ihre Kippa unter einer Baseballmütze zu verstecken. Lange wagte es die Regierung nicht, das Offenkundige zu benennen: dass fast ausschließlich junge Muslime (wie auch anderswo in Europa) die Täter waren. Spät erst hat sie das Offenkundige gesagt: "Ein Angriff auf einen Juden ist ein Angriff auf die französische Republik."

Europa hat keine Probleme mit den Hohmanns und Möllemanns; der Tabubruch wird erkannt und geahndet. Europa aber tut sich zu Recht schwer damit, Opfer des Rassismus, wie die jungen beurs aus den Vorstädten, des Rassismus zu bezichtigen. Bloß: Wird Antisemitismus dadurch "besser", dass die Täter arm und chancenlos sind? Bekanntlich sind nach der Attacke auf das World Trade Center nicht Moscheen, sondern Synagogen niedergebrannt worden. Welche mörderische Logik treibt europäische Muslime dazu, jenen tausendfachen Mord mit Terror gegen jüdische Mitbürger zu begleiten?

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Die sozialtherapeutische Antwort auf diese Frage ist sicherlich wichtig. Die politische und moralische Antwort kann aber nur ein lautes "Nein!" sein: Hier, und keinen Schritt weiter, endet die Tolerierung der Intoleranz. Das "Nein" muss auch jenen Imamen und Mullahs gelten, die in den Moscheen von Berlin, Brüssel und Paris den Hass predigen (auch auf Christen). Und da der Hass am laufenden Video-Bande in Kairo, Damaskus und Riad produziert wird, muss das "Nein" auch an diese Adressen gehen – nicht im jüdischen, sondern im eigenen Interesse: Europa hat einen schrecklichen Preis für den Antisemitismus bezahlt; er darf auch nicht durch die Hintertür wiederkommen.

Die zweite Variante des Neo-Antisemitismus ist komplizierter und unbewusster; sie lässt sich einfacher als Vermutung denn als Gewissheit formulieren. Diese Version ist nicht identisch mit Israel-Kritik, läuft aber oft genug in deren Schatten mit. Der Unterschied? Wenn jemand sagt "Der Zaun schadet dem Friedensprozess und verschafft der Hamas neuen Zulauf", dann ist das weder Anti-Israelismus noch Antisemitismus; es könnte sogar richtig sein. Wenn aber einer den Israelis einen "Vernichtungsfeldzug" unterstellt oder sie mit dem probaten Nazi-Vergleich überzieht, dann trapst eine andere Nachtigall durch den Diskurs.

Cartoons bieten einen kürzeren Weg ins Unterbewusste als die Couch. Eine norwegische Zeitung zeigt Arafat in KZ-Kleidung hinter Stacheldraht; Scharon, in schwarzer SS-Montur, brüllt ihn (auf Deutsch) an: "Mütze ab!" Eine griechische zeigt zwei Israelis in Wehrmachtsuniform beim Abschlachten von Palästinensern. Sagt der eine: "Keine Schuldgefühle, Bruder. Wir waren nicht in Auschwitz, um zu leiden, sondern zu lernen." Die politisch absolut korrekte Libération greift in eine noch ältere Kloake. Da steht Scharon mit Hammer und Nägeln vor einem Kreuz, darunter: "Kein Weihnachten für Arafat, aber zu Ostern ist er willkommen." Das ist nicht Israel-Kritik, sondern Antisemitismus pur.

Historische Entschuldung

Dieser, so Joschka Fischer auf einer Tagung der Böll-Stiftung, "tritt oft in Gestalt von Israel-Kritik auf". Für ihn beginne Antisemitismus dort, wo es heiße: "Man wird doch mal wieder sagen dürfen…" Er hat Recht. Eine solche Floskel ist verlogen, weil Israel-Kritik die Mehrzahl der europäischen Medien durchzieht, und sie ist infam, weil sie "den Juden" – klassischer Topos – die unsichtbare Macht unterstellt, Meinungen nach Belieben manipulieren oder unterdrücken zu können. Ein Drittel der Deutschen, fast die Hälfte der Belgier und Franzosen und fast zwei Drittel der Spanier wähnen zum Beispiel, dass die Juden "zu viel Macht" im Wirtschaftsleben hätten.

Schließlich lassen derlei Sprüche auch ahnen, dass es nicht immer nur um Israel geht, um Okkupation, Landnahme und Unterdückung, so brutal und töricht diese Politik auch sein mag. Hier geht es auch um historische Entschuldung und Wiedergewinnung von moralischem Selbstwertgefühl. Der Holocaust war zwar ein deutsches Verbrechen, aber abgesehen von Dänemark und vielen heldischen Einzelaktionen, hat Europa seine jüdischen Bürger nicht gerade mit Zähnen und Klauen verteidigt. Da ist es gut für die Seele, die Nachfahren der Opfer als Täter zu zeichnen und so die moralische Last etwas "gerechter" zu verteilen.

Europa hat derlei Entschuldung im Jahre 59 n.H. nicht nötig. Seine Post-Holocaust-Identität ist fest verankert in Liberalismus und Toleranz, im Anti-Rassismus und im "Nie wieder!". Es darf und soll die israelische Politik kritisieren, muss sich aber bewusst sein (oder noch machen), wo die Grenze zwischen Kritik und Dämonisierung, zwischen moralischem Anspruch und Selbstentlastung verläuft. Der moralische Zeigefinger sollte spätestens dort eingezogen werden, wo die Delegitimierung des Staates Israel beginnt.

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Die Grenzen sind verschwommen, und deshalb war es richtig, dass sich die EU und die OSZE endlich des quälenden Themas bemächtigt haben. Denn "Anti-Ismus" in jedweder Form ist nur vordergründig ein Problem für die Opfer. In Wahrheit ist "Anti-Ismus" immer ein Krisenzeichen für die gesamte Gesellschaft.

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