Beirut

Das Internet-Café ist mit Sandsäcken verbarrikadiert, an den Wänden hängen Plastik-Kalaschnikows, und draußen flattern die Flaggen des Libanons und der Hisbollah im Wind. „Wir wollten eine passende militärische Atmosphäre schaffen“, erzählt Hassan Sidani, der Besitzer des Internet-Cafés in einem vorwiegend von Schiiten bewohnten Stadtteil von Beirut. Drinnen an den Computern zielen Jugendliche auf den Kopf von Israels Premierminister Ariel Scharon, jagen israelische Panzer in die Luft oder erobern gerade einen Außenposten der „israelischen Okkupationsarmee“ im Südlibanon. Sie spielen Special Force, das erste Computerkriegsspiel der libanesischen Partei und Guerilla-Organisation Hisbollah. „Ein gutes und wichtiges Spiel“, erklärt der 16-jährige Wissam stolz. „Endlich sind die Araber nicht mehr die dummen Verlierer, sondern die Sieger.“

Das Kriegsspiel der „Partei Gottes“ ist als eine Art digitales Denkmal gedacht, das an die Vertreibung der israelischen Besatzungsmacht aus dem Südlibanon im Jahr 2000 erinnert – den einzigen militärischen Triumph, der je von arabischer Seite über Israel errungen wurde und der die Hisbollah zu einer der populärsten politischen Gruppierungen im Libanon werden ließ. Special Force, im vergangenen Jahr veröffentlicht, ist damit ein weiterer Schachzug im ständig schwelenden Propagandakrieg mit Israel und den USA, die die Hisbollah lieber heute als morgen auf die Liste der Terrororganisationen setzen würden.

Das Spiel zeigt islamische Soldaten auf „Befreiungsmissionen“ und glorifiziert die „Widerstandsbewegung gegen Israel“. Damit versucht die Hisbollah, eine Medienlücke zu schließen. Was der Sender al-Dschasira im Nachrichtengeschäft ist, will die Guerilla-Organisation im Computer-Entertainment sein: eine arabische Gegenöffentlichkeit zur prowestlichen Dominanz.

Special Force ist nur der erste Schritt. Mit der Zeit wird die Bewegung größer und größer werden“, prophezeit Bilal Zeyn vom Internet-Büro der Hisbollah in einem Vorort von Beirut. „Ich setze auf das Schneeballsystem“, sagt der vollbärtige Enddreißiger. Hinter ihm hängt ein überlebensgroßes Porträt von Ajatollah Chomeini. „Was man in den meist amerikanischen Spielen geboten bekommt“, erklärt er weiter, „ist eine Demütigung für islamische und arabische Länder.“ Arabische Soldaten und Zivilisten taugten gewöhnlich nur als terroristisches Kanonenfutter, und der Held, der sie tötet, sei in der Regel Amerikaner. „In Special Force sind die Araber keine Terroristen, sondern Freiheitskämpfer.“

Mit dieser Umwertung der Werte kommt die Hisbollah einem großen Bedürfnis in der arabischen Welt nach. Gerade in Zeiten des „Kriegs gegen den Terror“ hat eine eigenständige arabische, antiwestliche Identität Hochkonjunktur. „Bekämpfe deinen Feind! Nimm Teil am großen Sieg!“, tönt ein Werbespot für Special Force im Hisbollah-eigenen TV-Sender al-Manar, der über Satellit zu empfangen ist und hohe Einschaltquoten im gesamten Nahen Osten hat.

Von Special Force, das die Computerabteilung der Hisbollah in zweijähriger Arbeit entwickelt hat, wurden bisher insgesamt rund 15000 Stück zu einem Preis von sieben Dollar verkauft – hauptsächlich nach Syrien, Iran, Kuwait und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Nach Europa und Australien gingen laut der Vertriebsgesellschaft Sunlight gerade mal 1200 Exemplare. Dennoch regt sich in der westlichen Welt der stärkste Protest gegen das Spiel. In Großbritannien wurde es von jüdischen Organisationen aufs schärfste verurteilt. „Es ist traurig“, sagte Neville Nagler, der Leiter des Board of Deputies of British Jews, „dass so viele Menschen in diesem Land dieses Spiel spielen.“ In Australien nannte es der Labour-Parlamentarier Michael Danby „entmenschlichend“. Es würde „junge Menschen dazu ermutigen, an Selbstmordattentaten und an Angriffen gegen Menschen aus dem Westen teilzunehmen“.