Unzertrennlich, bis der nächste Mann kommt? Freundschaften überdauern häufig andere Liebesbeziehungen

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Wie man in Deutschland schläft und träumt

Bei der Trauerfeier war es Theo, der die Ansprache hielt. Im Friedhofscafé, wo Verwandte, Nachbarn und Freunde noch beisammensaßen, erhob sich der 84-Jährige und erinnerte mit seiner vertraut knarzigen Stimme an biografische Wendungen eines zu Ende gegangenen Lebens. Eher lakonisch als tieftraurig, wie manche ältere Menschen dem Tod gegenübertreten (aber der vitale Theo blickte auch sonst so auf die Dinge), sprach er über gemeinsame Erlebnisse und jene Eigenschaften, die alle an Herbert respektiert und geliebt hatten. Seine Güte, seine vom Krieg geprägte melancholische Skepsis, seine Neugierde, die Großzügigkeit, den Humor.

So treffend waren Theos Sätze. Es kannte ja auch niemand, nicht mal die Ehefrau, den Verstorbenen so lange wie er. Der beste Freund. 74 Jahre lang hatten sich die Männer begleitet. Fast das ganze Leben. Eine Verbindung, die dem deutschen Ideal von der "wahren" Freundschaft sehr nahe kam – und zugleich ganz ungewöhnlich war.

Denn von Anfang an sprach wenig dafür, dass sich ausgerechnet diese beiden gut verstehen sollten: Während Theo, ein unlustiger Schüler, schon als Kind eher auf Opposition geschaltet hatte, fiel ihm Herbert in der Schule zunächst als Braver auf. Einer, dem alles zuflog. Dessen Eltern, Besitzer eines "Fabrikskens", galten in der sauerländischen Kleinstadt zudem als "was Besseres" – Theo wuchs in einer zu äußerster Sparsamkeit gezwungenen Postbeamtenfamilie auf.

Doch weil beide besonders intelligent waren, dafür beim Turnen umso mehr versagten, fingen sie an, sich zu mögen. Immer öfter zog Theo nachmittags die steile Straße hinauf in das bürgerliche Gründerzeithaus. Eine gemeinsame Radfahrt an die Mosel schweißte sie endgültig zusammen. "Das war kein Entschluss, Freunde zu werden. Das wuchs einfach", sagt Theo.

Nach dem Krieg, der sie ein ganzes Jahrzehnt lang auseinander gerissen hatte, sollten sie nie wieder in der gleichen Stadt leben. Und auch sonst schien ihre Entwicklung sie zu trennen: Herbert übernahm traditionsverpflichtet Vaters Firma und wurde Funktionär im Verband der Maschinenbauer – Theo, der soziale Richter, stritt in Bonn gegen die Benachteiligung der Arbeiterklasse. Herbert war Familien- und Gemeinschaftsmensch – Theo blieb trotz Frau und Kindern ein intellektueller Einzelgänger, dessen Passion seinen kritischen Aufsätzen und Büchern galt. Herbert wählte FDP, Theo die Sozialdemokraten. "Zum Glück", lacht er, "hat Herberts Frau wenigstens dafür gesorgt, dass er nicht auch noch Schützenkönig wurde."

Verschiedener konnte man kaum sein. Trotzdem blieb ihre Freundschaft von allen die engste. Alle vier Wochen gingen sie gemeinsam wandern und fuhren jeden Winter ein paar Tage in den Schnee. Manchmal mit Skatbrüdern, immer ohne Frauen. Beim Laufen war endlos Zeit für Gespräche. Über die Irrtümer der Nazizeit, die Ostpolitik, die jeweilige Wirtschaftslage.

Wie gelingt solche Nähe auf Distanz? Bei Männern zunächst über die Gegenstände. "Ich wollte wissen, wie ein Unternehmer über alles denkt", sagt Theo. Und Herbert genoss eine geistige Auseinandersetzung, die ihm unter Technikern fehlte. Immer schwang ein leiser Stolz mit, wenn er von "meinem roten Freund" sprach. Denn sie diskutierten viel, aber stritten nie. "Er war gefühlsmäßig tolerant", sagt Theo, "ich war es rational."

Männer zeigen keine Gefühle, das war auch zwischen diesen Vertretern ihrer Generation unumstritten. Das dennoch warmherzige Interesse füreinander, auf dem ihre Freundschaft gründete, habe, so Theo, keiner so treffend wie einst Michel de Montaigne erklärt: "…weil er er war, weil ich ich war." Als Herbert in den letzten Jahren immer schwächer wurde, war Theos Telefonnummer die letzte, die er noch wählte.

"Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt"

Schon immer hatte Freundschaft in Deutschland einen hohen Stellenwert. Was macht glücklich? Mit wem teilt man Interessen? Auf wen kann man bauen? In solchen Umfragen schneiden die Freunde gut ab. Wenn auch nicht als "Schönstes" auf der Welt wie im Gassenhauer, erobern sie doch den zweiten Platz, gleich nach dem Ehepartner.

Wie die Partnerschaft ist auch die Freundschaft elementar, identitätsprägend, eine Beziehung auf Dauer, zumindest mit Perspektive. Mit einem besonderen Freund kann es viele Gemeinsamkeiten geben, doch ohne Absolutheitsanspruch lebt oder probiert man zugleich mit weiteren Gefährten andere Seiten aus: Mit Elisabeth gilt es die Klimakatastrophe zu bekämpfen, mit Inge die sportliche Trägheit, mit Jürgen den tierischen Ernst. Freundschaft gibt Halt und die Gewissheit, dass man liebenswert ist.

Doch das alles leistete sie lange, ohne groß Thema zu sein. "Nachträglich war das mit Herbert ein großes Glück", sagt der zurückgebliebene Theo, "damals hat man es als völlig selbstverständlich gesehen." Während Medien jeden Höhenflug, Leid und Verrat im dramenträchtigen Liebesverhältnis zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern bis zum Voyeurismus inszenieren, als Klatsch, Ratgeber, Psychodrama, blieb die Freundschaft die unhinterfragte, aber irgendwie unspektakuläre und für das Gelingen des großen Ganzen scheinbar nebensächliche ewige Zweite. "Es ist wohl typisch", stellt Theo fest, "dass sie, obwohl genauso wichtig, im großen emotionalen Klumpatsch von Liebe und Familie untergeht."

Erst seit Anfang der neunziger Jahre, als Ulrich Beck und seine Lebensgefährtin Elisabeth Beck-Gernsheim in der "vollmobilen Single-Gesellschaft" den "zur Wahlfreiheit verdammten Inszenator des eigenen Lebenslaufs" entdeckten und auch andere Soziologen vor der drohenden Einsamkeit aus stabilen Beziehungen gesprengter Nomaden warnten, haben Freunde Konjunktur auch in einer breiten Öffentlichkeit.