Die Erfolgsgeschichte begann mit einer Niederlage. Als die Deutschen im Frühjahr 1940 Frankreich überrannt hatten, kapitulierte Marshall Pétain am 17. Juni mit einer historischen Radioansprache: "Trop peu d’enfants, trop peu d’armes, trop peu d’alliés: voilà notre défaite" – "Zu wenig Kinder, zu wenig Waffen, zu wenig Verbündete: Wir sind besiegt." Da stand Frankreich am Tiefpunkt einer 150 Jahre währenden Talfahrt: Die noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts bevölkerungsstärkste Nation Europas war zum geburtenschwächsten Land der Erde abgesunken.

Der Geburtenknick war eine Fortschrittsfolge. Alphabetisierung, Individualisierung und Geburtenrückgang, so lehrt die Demografie, sind die untrennbaren Faktoren jener so genannten Transformationskrisen, die das revolutionäre Frankreich 1789 lange vor seinen Nachbarn erlebte.

Bereits 1920 reagierte der französische Premierminister Clémenceau auf diese Krise mit einem Alarmruf: "Frankreich ist verloren, weil es bald keine Franzosen mehr gibt." Doch alle Versuche der Zwischenkriegszeit, die Nachwuchsförderung zur Staatsaufgabe zu machen, misslangen; erst der Schock von 1940 weckte die Widerstandskräfte. Dann kam Charles deGaulles Aufruf vom März 1945 "Frankreich braucht zwölf Millionen Babys", den die Franzosen bis 1960 tatsächlich in die Tat umgesetzt hatten – unterstützt von einem beispiellosen Ausbau der Familienhilfe und Kinderbetreuung.

Im schmucklosen Amtszimmer von Familienminister Christian Jacob, 43, wird man an Frankreichs verflossene Größe erinnert. Vor seinem Fenster ragen Napoleons Invalidendom und École militaire auf, die wichtigsten Reminiszenzen an Frankreichs einstige Führerschaft in Kopfstärke und Schlagkraft. Doch der konservative Familienminister, Vater von zwei Kindern, verfolgt viel bodenständigere Staatsziele: "Kinder sind nicht nur ein persönlicher Glücksfall, sondern auch ein wirtschaftlicher Gewinn und ein Wachstumsimpuls." Und er beharrt darauf, dass Französinnen ein Privileg behalten, das sie von vielen Frauen in Europa und den USA unterscheidet – "die Gewissheit, Beruf und Familie vereinen zu können".

Das Besondere an der französischen Familienpolitik ist nicht die europäische Spitzenquote von 1,9Kindern pro Frau. Es ist auch nicht der dreiprozentige Anteil der Familientransfers am Bruttosozialprodukt, auf den es die Bundesrepublik ebenfalls bringt. Bemerkenswert ist vor allem, dass 80 Prozent der Französinnen mit zwei Kindern ihrem Beruf nachgehen – in Deutschland sind es nur knapp 60 Prozent. Und es fällt auf, dass der Kinderwunsch mit zunehmender Bildung und gehobener Berufsposition nicht wie üblich sinkt, sondern steigt.

Keine Familienkasse und kein republikanischer Mutterorden kann so motivieren wie das, was die Soziologin Jeanne Fagnani, 61, dem Beruf zuschreibt: "Bezahlte Arbeit ist konstitutiv für die Identität der französischen Mütter." Die Direktorin am staatlichen Forschungsinstitut CNRS und Mutter von zwei erwachsenen Kindern arbeitet derzeit am Familienbericht der deutschen Regierung mit. In europäischen Vergleichsstudien hat sie festgestellt, dass es heute vor allem berufstätige Frauen sind, die Kinder bekommen, während in Ländern mit niedriger Frauenerwerbstätigkeit auch die Fruchtbarkeit gering ist. "In Frankreich", erklärt Fagnani, "sind Kinder nicht Privatsache, sondern Teil des öffentlichen Lebens, und Familienförderung gilt als Gemeinschaftsaufgabe."

Aber wie sehen solche Gemeinschaftsaufgaben im Einzelfall aus? Da ist zum Beispiel Clara Gaymard, 44, erzkatholisch und stockkonservativ, die eigentlich die Idealbesetzung für die traditionelle Mutterrolle mit Kindern, Küche und Kirche abgäbe. Stattdessen leitet sie, die Frau des französischen Landwirtschaftsministers, die Agentur für internationale Investitionen, die Frankreich in aller Welt als Wirtschaftsstandort vertritt. Die gertenschlanke Mutter von acht Kindern im Alter von sechs bis siebzehn Jahren gibt auf die Frage, wie sie Beruf und Familie vereine, schnippisch zurück: "Warum fragen Sie nicht meinen Mann, wie er das schafft?" Gleich nach ihrem ENA-Eliteabschluss 1986 bekam sie mit 26 ihr erstes Kind: "Seitdem bin ich auf den Geschmack gekommen." Als Hauptgrund für ihren Kinderreichtum führt sie an, dass sie sich nie zwischen Beruf und Familie entscheiden musste.

Eine Französin kann heute sicher sein, dass weder Heirat noch Geburt sie aus der Bahn werfen. "Die Betreuung ist bei uns so hervorragend, dass sich keine Frau mehr für ihre Kinder opfern muss." Clara Gaymard schwärmt von der Wahlfreiheit und Flexibilität zwischen häuslicher und Fremdbetreuung. So hat fast jedes dritte Kind einen Platz in der crèche, die Mehrzahl wird von einer der 500000 professionellen Kinderfrauen betreut, und vom dritten Lebensjahr an bis zum Abitur gibt es Ganztagsschulen. Trotzdem legt Clara Gaymard bis heute Wert darauf, dass ihre Kinder das Mittagessen zu Hause einnehmen. Ihre geräumige Wohnung im Landwirtschaftsministerium unterhält sie mit zwei Haushilfen. Anstelle eines innigen Sonderverhältnisses zu jedem Kind bevorzugt sie die Selbstorganisation der Kinder: "Diese Idolatrie, dieser rosarote Kitschkult um das Kind, ist den Franzosen fremd."