Eine rot-weiße Kette am Ende eines Feldwegs, der sich durch Gestrüpp, Oliven- und Apfelsinenbäume windet. Dahinter ein verwinkeltes weißes Haus, von dem man nicht weiß, ob es noch nicht fertig oder schon baufällig ist.

Hierher, eine halbe Autostunde von Faro entfernt, hat sich Otto Mühl mit seinen letzten Getreuen zurückgezogen, 12 Erwachsene, 14 Kinder, das jüngste vier Jahre alt. Ärmliche Verhältnisse, im Zentrum: das Atelier unterm Dach, die Bühne der großen Mühl-Show. Der Star trägt Latzhose, einst die Uniform der Kommune.

DIE ZEIT: Was soll einmal in den Geschichtsbüchern über Sie stehen?

Otto Mühl: Dass ich ein extremer Mensch war. Und deshalb auch angegriffen wurde. Ich möchte vieles ändern, weil ich glaube, dass es dann besser wird. Die Zweierbeziehung zum Beispiel halte ich für vorbei, das ist eine richtige Knechtschaft, insbesondere für die Frau.

ZEIT: Ihre historische Bedeutung liegt in der Bekämpfung der Zweierbeziehung?

Mühl: Im Sozialen, das ich ändern möchte. Ich hab ja auch meine Eltern erlebt, wie sie die Ehe geführt haben. Ich war froh, mit elf Jahren aus dem Haus zu kommen. Vater und Mutter haben sich da abgerauft, wie in jeder Ehe. Mein Vater hat Freundinnen gehabt, das is später aussikemma. Meine Mutter hat es nicht gewusst, aber geahnt, ein furchtbarer Zustand. Das haben sogar die Kinder gespürt.

ZEIT: Haben Ihre Eltern Ihre künstlerischen Ambitionen unterstützt?

Mühl: Vor allem mein Vater. Er war sehr künstlerisch. Er hat Plakate gemalt für die Theateraufführungen. Ich hab dann auch gemalt, so wurde ich Künstler. Ich hab Rabattmarken gesammelt und bekam einen Malkasten dafür. Ich hab Zeichenunterricht gegeben für Gleichaltrige.

ZEIT: Wie alt waren Sie da?

Mühl: Sechs Jahre. Ich hab schon fast eine kleine Kommune gehabt, Puppenspiele und Theaterstücke entworfen, Eintritt: ein Groschen. Als ich mal krank war, hab ich meine Bilder zur Straße raus ins Fenster gehängt - meine erste Ausstellung.

ZEIT: Sie mussten in den Krieg. Hat da Ihr Plan, Künstler zu werden, Schaden genommen?

Mühl: Nein. Vom Krieg hab ich profitiert. Weil ich überlebt habe. Diese irren Erlebnisse an der Westfront haben mich weitergebracht. Es war grauenhaft. Im Aktionismus ist es durchgekommen. Ich hab ja Hinrichtungen dargestellt.

ZEIT: Haben Sie welche erlebt?

Mühl: Nicht direkt. Das Material, der Schnee ... Plötzlich ist es wärmer geworden, alles so ein Morast. Da liegen wie in Aspik deutsche Soldaten zerquetscht. Hat irre ausgeschaut. Solche Sachen habe ich gerne verwendet in den Materialaktionen. Aspik. Vermengung von allem.

ZEIT: Was ist Ihnen wichtiger: Ihre Kunst oder Ihr Lebensexperiment in der Kommune?

Mühl: Es hängt zusammen. Ich hätte es ohne Kunst gar nicht machen können. Ich hab Kurse abgehalten und auch psychologisch unterrichtet. Ich hatte eine Lehranalyse hinter mir und hab dann eine eigene Form erfunden, die Aktionsanalyse. Ich bin nicht gesessen wie Freud, der den lieben Gott gespielt hat hinter einem Paravent und die verunglückten Menschen geformt hat. In der Kommune waren anfangs lauter Psychopathen. Keiner wollte arbeiten gehen, weil dann vielleicht seine Freundin mit einem anderen schläft. Da hab ich gesagt: Jetzt werd ich Sprechstunden halten. Das war ein Versuchsballon, halb ironisch, halb ernst gemeint. Ich hab eine normale Traumdeutung gemacht, das hat sich dann gesteigert bis zur Selbstdarstellung mit Gesang, Bewegung, Tanz.