Ein erstes empirisches Indiz ist die Feindseligkeit des modernen Staates gegen tradierte Religionen, die der Demokratie mit ihrem Wahrheitsanspruch in die Quere kommen. Im Kern ist seine Argumentation eher verfassungs- und staatsrechtlich. Sie zeigt, wie skrupulös die Überlegungen sind, die hinter den frechen Aphorismen stehen. Sein zentraler Gedanke ist die merkwürdige Bereitschaft der Bürger, Mehrheitsentscheidungen auch über Grundwerte und Gewissensfragen zu akzeptieren. Das wäre, wenn es einen nichtmenschlichen Gott gäbe, an dessen Gebot der Bürger glaubte, gänzlich unverständlich. Wahrhaft göttliche Gebote müssten jedem irdischen Dafürhalten entzogen sein. Auch die unerträgliche Einschränkung der individuellen Freiheit, die im Mehrheitsprinzip liegt, ist nur akzeptabel, wenn der Bürger annimmt, dass in der Mehrheitsmeinung eine höhere, quasigöttliche Vernunft zu Geltung kommt. Aber warum sollte diese Vernunft bei der Mehrheit liegen? Das eben, sagt Dávila, ist der mystische Glaubenskern der Demokratie, an dem sich ihr pseudoreligiöser Charakter erkennen lässt.

Die Freiheit der Bestechung

Dass außerdem alle Formen der Sozialpolitik, die auf Gleichheit und Gerechtigkeit gehen, eine gottgleiche Einsicht ins Gute annehmen müssen, versteht sich dagegen fast von selbst; jedenfalls wenn man sich auf Dávilas Denkweise eingelassen hat, die auf geradezu bestürzende Weise allen politischen Intuitionen der Gegenwart zuwiderläuft. Vor allem beklagt er den Verlust der Freiheit im modernen Staat, "der durch staatliche Integration die von der liberalen und demokratischen Mentalität zerstörte soziale Integration ersetzen will". Am Ende ist die Polizei "die einzige soziale Struktur in der klassenlosen Gesellschaft", und: "Der Amtsmissbrauch und die Bestechung sind in demokratischen Zeiten die letzten Schutzräume der Freiheit."

Man sieht: Mit diesem Philosophen lässt sich kein Staat machen. Seine Kritik an dem versteckt Diktatorischen der Demokratie hat eine anarchistische Pointe. Man muss aber seinen rebellischen Katholizismus nicht im entferntesten teilen, um mit Erschrecken die Wahrheit mancher Diagnosen wahrzunehmen. Scharf ist sein Blick für die Ausweglosigkeit emanzipatorischer Diskurse ("Die Feministen sind lächerlich; die Anti-Feministen sind vulgär"), für die Instrumentalisierung der Kultur ("Es ist an der Zeit, die Kultur in Verruf zu bringen, damit es sich nicht mehr lohnt, sie im Dienste der Politik oder der Industrie zu erniedrigen"), besonders scharf ist seine Einsicht in den demokratisch legitimierten Terror des Massengeschmacks ("Vulgäre Zerstreuung und vulgäre Beschäftigung sind die einzigen, für die man sich nicht zu entschuldigen braucht").

Die Größe von Nicolás Gómez Dávila besteht nicht darin, dass er irgendeinen Ausweg oder eine Vision für die Zukunft anbietet – alle radikalen Lösungen sind ihm ein Graus; darum liebt er auch das Fragment und verabscheut das System. Seine Größe besteht in der Wucht, mit der er Gewissheiten und Hoffnungen dort erschüttert, wo jeder Zweifel längst erloschen oder verpönt ist. Gómez Dávila ist, so weit man blicken kann, der einzige zeitgenössische Denker, der tatsächlich noch existierende Tabus angreift. Zu diesen gehört an vorderster Stelle die Demokratie, ohne Frage. Er ist aber kein Revolutionär, er will sie nicht ersetzen; er ist ein Reaktionär, das heißt, er will unseren Argwohn schüren. Man könnte es auch mit einem Wort sagen, das er verabscheut hätte: Er will den mündigen Bürger.