In der Hamburger Kampnagel-Fabrik ist die Wehrmachtausstellung zum allerletzten Mal zu sehen. In ihrer korrigierten Fassung wirkt sie seriöser und ein bisschen langweiliger. Unverändert scheinen bei Gelegenheit manche ihrer Besucher. Der Geist von Pflicht und Gehorsam, der vielleicht aus den Dokumenten in die Köpfe der Betrachter fährt, ist der alte.

Es geschah am ersten Sonntag dieses Monats: Ein elegant gekleideter Herr hatte die Ermahnung, seinen Mantel bitte abzugeben, mit dem Hinweis beantwortet, er sei erkältet. Es war ein leichter Mantel, offen, eher ein Umhang. Auch trugen einige der etwa 80 Mitglieder einer Gruppe, die einer Führung lauschten, ebenfalls Mäntel.

Wenig später traten zwei kohlrabenschwarz gekleidete Gestalten – Tonfall und Physiognomien hatten sie mit technischer Perfektion aus den Exponaten gestohlen – mitten in den Geschichtsunterricht und verwandelten ihn in deutsche Gegenwartskunde: "Sie kommen sofort hier raus", sagte einer von ihnen. "Wieso?" – "Sie müssen den Mantel ausziehen." – "Warum?" – "Aus Sicherheit."

Der Besucher sagte: "Ich bin erkältet." Ein schwarz Gekleideter sagte: "Kommen Sie wieder, wenn Sie gesund sind." Dann zog sich die schwarze Truppe zurück und rief nach Verstärkung. Die Entsatztruppe kam aus der Reserve der Hamburger Polizei. Drei Mann, bewaffnet. Ein kurzer Blick der Beamten auf die Bilder an den Wänden erledigte den pädagogischen Auftrag der Wehrmachtausstellung.

"Wir müssen Sie mit Gewalt entfernen, wenn Sie Ihren Mantel nicht ausziehen. Das ist die Vorschrift." Der Blick des Bedrängten fiel auf die Bilder an der Wand. Lauter Denkmäler des Gehorsams. Er weigerte sich. Erst der Mantel, und dann? Es wurde deutlich, dass ihm die Hamburger Kleiderordnung nicht einleuchtete. Wusste er nicht, dass der Hamburger Verleger und Wehrpflichtige Heinrich Maria Ledig-Rowohlt 1943 eine Haftstrafe absitzen musste, weil er statt zackig zu grüßen sein Wehrmachtskäppi höflich lüftete? Er wusste es nicht.

"Es gibt", sagte der erste Polizist, "keine Ausnahme." Ein klassisches Beckett-Zitat. Und der Zweite sagte: "Kommen Sie mit!" Jetzt war klar: Diesen Dialog hatten sie aus dem Hamburger Schauspielhaus gestohlen. Dort hatte gerade Warten auf Godot eine bejubelte Premiere erlebt. Auch das wusste der Mantelträger nicht. Vielmehr wies er störrisch auf die Exponate und sagte: "Aber es war doch dieser Geist der Unduldsamkeit…", doch weiter kam er nicht. Denn der dritte Polizist fuhr ihm ins Wort: "Das müssen Sie mir mit meinem jüdischen Nachnamen nicht sagen." Er heiße Rosenberg.

Da drehte sich ein älterer Besucher der Ausstellung um und rief laut: "Bitte Ruhe, hier!" Der Mantelträger aber, so stellte sich heraus, war ein Brite, der nun in aller Würde mit Mantel den deutschen Geschichtsraum verließ und ankündigte, das nächste Flugzeug nach England zu nehmen. Man hätte es ihm ansehen können. Wir Deutschen tragen die Mäntel geschlossen. Wozu sind die Knöpfe da?