Die Vergangenheit ist überfüllt. Etwa 106 Milliarden Menschen (plus/minus ein paar Milliarden äffischer Übergangswesen) haben auf der Erde schon ihr Leben verloren. Diesen Toten stehen nur sechs Milliarden lebender Menschen gegenüber. Die Toten verhalten sich zu den Lebenden wie Bewohner einer gigantischen Vierten oder Fünften Welt, Eingeborene einer aufgegebenen Zeitkolonie, zu ein paar ahnungslos glücklichen Zeitmillionären.

Was treibt uns, die noch Lebenden, dazu, die armen Toten gedanklich zu besuchen? Trauer? Nachgetragenes Mitgefühl? Der Philosoph Odo Marquard hat eine ernüchternde Erklärung. In unserer rastlos sich wandelnden Welt, so Marquard, sei der Mensch in der Lage eines Kindes, das verzweifelt versuche, Zusammenhänge zu begreifen. Allein in der Beschäftigung mit der Vergangenheit könne der "unerwachsene Mensch" so etwas wie Ersatzerwachsensein erlangen. Ebenfalls sachlich sieht Ortega y Gasset die Situation: "Warum ist es niemandem eingefallen, daß wir mit jedem Tun eine Zukunft verwirklichen? Selbst wenn wir damit beschäftigt sind, uns zu erinnern. Wir ,tun Erinnerung‘ in diesem Augenblick, um im nächsten etwas zu erreichen, und wäre es nur das Vergnügen, ein Vergangenes zu erwecken."