In einem Essay hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger einmal seine Verwunderung darüber ausgedrückt, dass es in Deutschland als eine Kardinaltugend gilt, stets „konsequent“ zu sein. Kaum ein anderer Satz hat die Deutschen so beeindruckt wie Martin Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Viel später in der deutschen Geschichte hat die Glorifizierung des unbedingten Ausharrens aus Prinzip, notfalls auch auf längst verlorenem Posten, zu katastrophalen Konsequenzen geführt.

Enzensberger hielt mit einem „Lob der Inkonsequenz“ dagegen und hatte damit, wie so oft, einen Nerv getroffen. Dass es immer auch anders geht, ist nämlich eine Grundprämisse jeder demokratischen Kultur. Nur wer in der Lage ist, einzusehen, dass eine Haltung, die zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig sein mag, in einer anderen Situation falsch sein kann, ist in einer Demokratie politikfähig. Das gleiche gilt auch für den Umgang der Bürger untereinander im Alltag einer offenen Gesellschaft. Mut zur Inkonsequenz zu fassen, gehörte zu den großen Lernaufgaben, die die deutsche Nachkriegsgesellschaft auf ihrem Weg aus der apokalyptischen Diktatur in die zivile Normalität der pluralistischen Demokratie bewältigen musste.

Gerhard Schröder ist eigentlich der Letzte, dem man das erklären muss. In vieler Hinsicht könnte man ihn, auf seine gesamte bisherige Regierungszeit bezogen, geradezu als Musterschüler der Enzensbergerschen Inkonsequenzlehre betrachten. In der Frage des Irak-Krieges aber sehen wir den Kanzler in einer ganz ungewohnten Rolle: der des legitimen Erben unseres standhaften Wittenberger Reformators. Ein einziges Mal in seiner Amtszeit ist Schröder stur bei einer einmal eingenommenen Position geblieben, koste es die transatlantischen Beziehungen, was es wolle, und just das wird ihm von den Deutschen, die ihm ansonsten nicht mehr allzu wohl gesonnen sind, nachhaltig honoriert. Davon scheint er zumindest fest überzeugt zu sein.

Und so steht Schröder nun in Washington und kann immer noch nicht anders. Nie und unter keinen Umständen würden deutsche Soldaten irakischen Boden betreten, hatte er versprochen, und dieses Versprechen hütet er jetzt wie eine eiserne Reserve seiner Glaubwürdigkeit. Doch aus der großen Geste des David, der dem US-Goliath furchtlos die Stirn bietet, ist längst ein eher kleinlautes Beteuerungsritual geworden. Nichts und niemandem mehr will Schröder im Wege stehen, auch nicht der Nato, wenn sie beschließen sollte, Truppen in den Irak zu entsenden – nur selbst Militär schicken, nein, da bleibt er bei, das kommt nicht in Frage.

Der Kanzler dürfte natürlich ganz genau wissen, dass er diese Versicherung so nicht wird einhalten können. Wenn nicht offen, so doch nur mühselig camoufliert, wird sich die Bundeswehr an einem möglichen UN-mandatierten Nato-Einsatz beteiligen müssen. Es darf halt nur nicht so aussehen, als sei Schröder inkonsequent. Doch in dem Maße, wie das „Ohne uns“-Dogma zu einer hohlen Beteuerung um ihrer selbst willen schrumpft, kommt der Schröderschen Haltung nicht nur die Rationalität, sondern unversehens auch die Konsequenz abhanden.

Es ist sinnlos, noch darüber rechten zu wollen, ob Schröders Haltung vor einem Jahr richtig war. Heute jedenfalls wirkt eine deutsche Außenpolitik, die sich immer noch primär daran ausrichtet, ob sie gegenüber dem Großen Bruder in Übersee das Gesicht wahren kann, wie von geradezu kindischem Trotz geleitet. Es ist höchste Zeit, die Lage im Irak selbst zum Maßstab der Beurteilung zu nehmen, welches Handeln den eigenen Interessen am zuträglichsten ist. Die Entwicklung des Irak befindet sich in einem entscheidenden Stadium. Alle westlichen Demokratien müssen ein vitales Interesse daran haben, das ihnen Mögliche beizusteuern, um die Weichen in die richtige Richtung zu stellen. Das muss nicht zwangsläufig mit einer Truppenentsendung einher gehen, aber prinzipiell ausschließen darf und kann man selbstverständlich auch das nicht.

Das Beunruhigende an Schröders Trotzhaltung ist, dass er sich offenbar vom Druck der deutschen Öffentlichkeit – vor allem aber von der eigenen Parteibasis – genötigt sieht, an seinem cetero censeo festzuhalten, auch wenn es faktisch immer weniger wert ist. Immer noch leisten sich zu viele Deutsche den Luxus, nicht wahrhaben zu wollen, was im Irak tatsächlich vor sich geht und welche riesigen Chancen sich dort neben den bekannten Risiken auftun. Lieber wartet man darauf, dass sich die eigenen schwarzmalerischen Prophezeiungen von Chaos und Untergang doch noch erfüllen, als dass man irgendetwas unternehmen würde, was so aussehen könnte, als ob man dem verhassten, bösen, blöden George W. Bush Genugtuung oder gar Wahlhilfe verschafft.