Von einer Präsidentenkür kann man wirklich nicht sprechen. Was in den vergangenen Monaten und in dieser Woche unternommen und unterlassen wurde, um einen Kandidaten für das Schlosss Bellevue zu finden, gleicht einer Mischung aus Rugby und chinesischer Oper. So brutal wie das eine, so artifiziell wie das andere.

Reden wir zunächst über die Brutalität in der Politik. Natürlich liegt sie in der Natur des Politischen, denn nirgends sonst gerät die Macht so schnell zum Selbstzweck. In der Politik will man Macht erwerben, um noch mehr Macht zu bekommen, man will an die Macht, um an der Macht zu bleiben. Ja, aber die Inhalte, das Land! Darum dreht es sich auch, gewiss, jedoch nicht in erster Linie. Es lässt sich auch so sagen: Je weniger Inhalte, desto härter die Kämpfe. Die Verletzungen, die Politiker einander zufügen, werden nicht unbedingt tiefer, wenn es um die schiere Macht geht, sie werden nur sinnloser und schmerzen darum umso mehr.

Brutalität aus Labilität

Natürlich ist die Politik schon immer brutal gewesen, und auch beim Streit um das Amt des Bundespräsidenten gehört das Hauen und Stechen von jeher dazu. Nur speiste sich die Brutalität in der Politik früher aus harten ideologischen Gegensätzen und aus den überscharfen Konturen der Spitzenpolitiker. Adenauer gegen Schumacher, Brandt gegen Kiesinger, Wehner gegen Brandt, Strauß gegen Kohl, das war Schwert auf Schild. Und tat es auch weh, so hatte es doch Format und Sinn. Was wir heute erleben, ist Brutalität aus Labilität, Untat aus Nichtstun, es fließt giftige Milch.

Monatelang wurde Wolfgang Schäuble durch die Presse gezogen, Namen im Dutzend wurden mit hineingeworfen – und wozu? Damit man am Ende, in dieser Woche der Entscheidung, wieder da ankommt, wo man am Anfang schon war: bei der Schwäche Guido Westerwelles. Der FDP-Chef hat immer wieder vertagt, so lange, bis er zum für ihn schlechtmöglichsten Zeitpunkt doch entscheiden musste – mit 2,8 Prozent unter den Schuhen und mit einer FDP, die rücksichtslos gegen ihn intrigierte.

Die Folge seines Zögerns war, dass er die Nominierung eines liberalen Kandidaten nicht mehr ernsthaft fordern konnte. Auf der anderen Seite musste er sich extrascharf gegenüber der Union profilieren, weil er sich in Hamburg so unwürdig rangeschmissen hat. Ergo musste Westerwelles ganze Profilierung darauf zielen, den Kandidaten Schäuble zu verhindern, den man unter Liberalen in den langen Monaten des destruktiven Herumwartens zur illiberalen Erscheinung stilisiert hatte. Chinesische Oper.

Die starke und nach der Hamburg-Wahl noch einmal gestärkte Angela Merkel, die mit Wolfgang Schäuble den einzigen wirklich großkalibrigen Kandidaten vorzuweisen hatte, machte ihre Strategie ganz und gar vom labilen FDP-Chef abhängig. Ihr Argument: Sie braucht die Stimmen der FDP. Die Folge: Niemand weiß, ob Westerwelle überhaupt in der Lage ist, seine Stimmen beizubringen. Um welcher Inhalte willen also dieser Taktizismus? Welcher höhere Zweck deckt die niederen Motive?