Mit Wirtschaftsthemen ist es manchmal wie mit Big Macs oder Snowboards. Irgendwann fangen die Amerikaner damit an, und wenig später kommen sie auch in Deutschland in Mode. So war es mit den Steuersenkungen, mit denen US-Präsident George W. Bush in den vergangenen Jahren nicht nur die amerikanische Wirtschaft ankurbelte, sondern auch die deutsche Debatte über den Abgabenstaat. So wird es vermutlich auch mit der neuen Angst vor der Globalisierung sein.

Im beginnenden Kampf um das Weiße Haus spricht derzeit halb Amerika sorgenvoll über die vielen schönen Jobs, die irgendwohin nach Asien verschwinden. Angesichts von EU-Osterweiterung und indisch-chinesischem Wirtschaftswunder ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis die Deutschen lauthals ähnliche Fragen stellen: Schadet es uns, wenn plötzlich Arbeiter im polnischen Starachowice die Produkte herstellen, die eben noch im bayerischen Penzberg vom Band liefen? Ist es schlecht für Deutschland, wenn auf einmal Experten in Südindien die Software und Finanzanalysen erstellen, für die bis vor kurzem noch hiesiges Know-how nötig schien?

Nein, antworten Globalisierungsfans und verweisen dabei gern auf David Ricardo. Der britische Wissenschaftler entwickelte schon vor knapp 200 Jahren den Lehrsatz von den komparativen Kostenvorteilen. Der besagt, etwas vereinfacht, Folgendes: Egal, ob Hosen, Lastwagen oder Computerprogramme – wenn sich ein Produkt im Ausland billiger herstellen lässt als in Deutschland, dann ist es für die Deutschen günstiger, dieses Produkt von dort zu importieren, als es weiterhin teuer selbst herzustellen. Klingt ja auch logisch.

Beim gemeinen Volk stößt solcherlei kühle Erkenntnis allerdings oft auf Unverständnis – so wie zuletzt in Amerika, wo Bushs Wirtschafts-Berater Gregory Mankiw mit der entsprechenden Äußerung wilden Protest auf sich zog. Wütend riefen die Leute: Wir pfeifen auf billige Autos und billige Software aus dem Ausland, wenn wir keinen Job mehr haben! Dahinter verbirgt sich ein ernst zu nehmender Gedanke: Der ökonomische Nutzen der Globalisierung kommt womöglich nicht allen gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen zugute. Womöglich muss man da doch ein wenig differenzieren.

Muss man tatsächlich, wenn man sich die ökonomischen Theorien ansieht, die auf Ricardos Lehrsatz folgten. Vor rund 70 Jahren ersannen die Wirtschaftswissenschaftler Eli Heckscher und Bertil Ohlin ein Modell, das ihre Kollegen Wolfgang Stolper und Paul Samuelson später weiterentwickelten. Demnach erhöht das Outsourcing nach Osteuropa oder Asien zwar den durchschnittlichen Wohlstand in Deutschland, aber nicht alle profitieren davon gleichermaßen. Im Gegenteil, jene Angestellten, deren Job auch Polen oder Chinesen erledigen können, müssen niedrigere Löhne in Kauf nehmen, oder sie verlieren sogar ihren Arbeitsplatz. Manager und Wissensarbeiter, die nicht zu ersetzen sind, können dagegen noch einen Zuschlag erwarten.

Demnach kann die Globalisierung in den Industrieländern nicht nur größeren Wohlstand generieren, sondern auch größere Ungleichheit.

So weit die Theorie. Dutzende von Ökonomen haben in den vergangenen Jahrzehnten herauszufinden versucht, ob die Wirklichkeit der Wissenschaft folgt. Die Antwort fällt nicht leicht. Zwar hat die Ungleichheit in den meisten Industrieländern, auch in Deutschland, seit Anfang der neunziger Jahre zugenommen, aber es ist schwer zu beweisen, dass dies an der vermehrten Einfuhr von Billigprodukten aus Entwicklungs- und Schwellenländern liegt. Die Steuer- und Sozialpolitik, der technische Fortschritt, der ganze Berufszweige überflüssig machte, oder die Zuwanderung von Arbeitern, die sich mit Niedriglöhnen zufrieden geben, dürften ebenfalls eine Rolle gespielt haben.