Eigentlich mag man sie. Regisseure, die hemmungslos ihre Fantasie ausleben und Bilder zum Überschnappen bringen. Auch der junge Erfolgsregisseur Lars Büchel (Jetzt oder nie - Zeit ist Geld) hebt gerne ab. Für seinen neuen Film Erbsen auf halb 6 scheint er das Megafon des Regisseurs nun gegen ein Wundertütchen ausgetauscht zu haben, voll gestopft mit herrlichen Kunststücken und niedlichen Überraschungen. Da wäre die schöne alte Bimmelbahn, die im wunderbar gemächlichen Rhythmus über die Dörfer rollt.

Oder das Hutzelhaus der alten Wirtin mit unheimlichem Nippes und knirschender Treppe. Selten hat der Osten im Kino so verwunschen ausgesehen, im farbenprächtigen Folklore-Fummel präsentiert sich die Bevölkerung, während munter umherrennendes Viehzeug das Bild des unberührten Landstrichs abrundet.

So also stellen sich zwei Blinde Russland vor. Als versponnenes Märchenreich, in dessen Steppen Gefahren lauern und an dessen Ufern die große Liebe wartet.

Im zeitlos-tiefen Osteuropa will sich der nach einem Unfall erblindete Theaterregisseur Jacob (Hilmir Snaer Gudnason) von seiner todkranken Mutter verabschieden. Lilly (Fritzi Haberlandt), die noch nie sehen konnte, versucht, ihm die ersten Schritte in der Dunkelheit zu erleichtern. "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar" - Antoine de Saint-Exupérys in unzähligen Poesiealben zerleiertes Diktum wird von Lars Büchel mit dekorativer Penetranz in Szene gesetzt. Natürlich ahnen seine beiden Helden zunächst nichts von ihren Gefühlen füreinander. Noch sind sie zwei pittoreske Pünktchen auf einem supergelben Kornfeld, die sich annähern, um immer wieder aneinander vorbeizulaufen. Manchmal kann Kitsch ungemein gewalttätig sein.