Nichts ist verlockender und zugleich schwieriger, als gewachsene, komplexe Systeme durch einfache zu ersetzen. Wem gefällt nicht die Absicht, die hoch komplizierten deutschen Steuerregeln auf eine Hand voll plausibler Vorschriften zu reduzieren? So entstünde ein transparentes, verständliches und deshalb gerechteres System, argumentieren die Verfechter der Einfachsteuer-Modelle. Doch was einfach scheint, ist zugleich kompliziert, weil es die ökonomische und soziale Wirklichkeit schematisiert. Für die Besteuerung der Einkommen heißt das: Vereinfachung liegt nicht zwangsläufig im Interesse des Staates und seiner Bürger.

Gut ein halbes Dutzend Vorschläge für eine radikale Reform des Steuerrechts sind in der Diskussion. CDU, CSU und FDP haben ihre Konzepte vorgelegt; dazu prominente Steuerrechtler, allen voran der Ex-verfassungsrichter Paul Kirchhof. Sie schlagen ausnahmslos einfache Tarife und eine klare Basis der Besteuerung vor. Zweierlei haben sie zudem gemeinsam: Die Einnahmen des Staates würden auf allen Ebenen erheblich sinken, und die Entlastung wäre für hohe Einkommen beträchtlich umfangreicher als für niedrige. Vergangene Woche entzauberten die Finanzminister der 16 Bundesländer den Mythos von der schnellen Vereinfachung. Nach ihrem einmütigen Urteil taugt keines der vorliegenden Modelle für eine Umsetzung.

Auf den ersten Blick ist das ein überraschendes Votum, denn der Ruf nach Steuervereinfachung gehört hierzulande seit Jahrzehnten zu jeder Grundsatzdebatte über das Steuersystem. Es ist unbestritten, dass selbst die Fachleute im Paragrafendschungel kaum mehr durchblicken und dass die orientierungslosen Durchschnittsbürger vor allem den Eindruck haben, dass der Fiskus sie ausnimmt. Ein transparentes und verständliches Steuersystem würde die Akzeptanz bei den Steuerzahlern erheblich verbessern – und auch deren Rechtssicherheit erhöhen.

Doch die Finanzminister haben aus gutem Grund darauf verwiesen, dass diese hehren Ziele nicht um den Preis sinkender Staatseinnahmen angestrebt werden dürfen. Schon heute ist die deutsche Steuerquote mit fast 22 Prozent auf einem historischen Tiefstand, Hans Eichels Steuerreform hat die Belastung der Einkommen spürbar reduziert. Zusammen mit der schlechten Konjunktur führt das zu einem gewaltigen Defizit der öffentlichen Haushalte. Jeder spürt die Folgen der leeren Kassen: Vielerorts fehlt das Geld für eigentlich selbstverständliche öffentliche Investitionen. Kindergärten, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Verkehrswege – überall wird an der Substanz gespart.

Zu Recht verlangen die Bürger nach solchen öffentlichen Gütern, doch dann müssen sie dem Staat auch die Mittel seiner Politik zugestehen. Kredite hat Eichel schon genug aufgenommen. Ganz abgesehen davon, dass Brüssel die üppige Schuldenmacherei nicht duldet und Deutschland deswegen immer wieder an den Pranger stellt: Steuervereinfachung auf Pump, das kann niemand ernsthaft wollen.

Ärgerlich ist zudem, dass die zumindest in Kauf genommenen Mindereinnahmen vor allem aus einer geringeren Besteuerung der hohen Einkommen resultieren. Sie würden nach allen vorliegenden Modellen dank niedriger Steuersätze bevorzugt entlastet. Natürlich fördert das nicht die Akzeptanz einer Steuerreform beim Durchschnittsbürger. Vor allem aber besteht kein Bedarf für eine derartige Entlastung am oberen Ende. Der Spitzensatz der Einkommensteuer wird von 2005 an bei nur noch 42 Prozent liegen – und damit im internationalen Vergleich niedrig.

Aber wäre es nicht wenigstens verdienstvoll, im Zuge einer systematischen Vereinfachung Steuervergünstigungen abzuschaffen? Richtig – wenn es konsequent geschieht, das heißt, wenn solche Vorteile kein sinnvolles politisches Ziel fördern. Für die Steuerbefreiung von Übungsleiterpauschalen und Zuschlägen für Sonntags- und Nachtarbeit, für Eigenheimzulage oder die Absetzbarkeit des häuslichen Arbeitszimmers gibt es sicher keine andere Begründung als den finanziellen Vorteil der Nutznießer. Aber wenn der Staat seinen Bürgern predigt, sie müssten künftig selber fürs Alter sorgen, dann sind Sparerfreibetrag oder Begünstigung bestimmter Anlageformen ein angemessenes politisches Instrument. Warum sollen Spenden nicht abzugsfähig sein, wenn sie gemeinnützigen Zielen dienen, die den Staat entlasten? Auch die Frage der Gewinnermittlung in Unternehmen ist so sensibel, dass sich nicht einmal der juristisch besonders versierte Professor Kirchhof bisher klar dazu äußert.

Bleibt am Ende gar nichts von der Vision, die etwa 180 Paragrafen des Einkommensteuergesetzes mitsamt dem anhängenden Wust von Verordnungen und Verwaltungsvorschriften auf ein Minimum zusammenzustreichen und die Steuererklärung auf dem berühmten Bierdeckel zu erledigen?