Das klassische Drama des Kraftwerkschutzes beginnt und endet mit Feuer und Rauch: Auf einem militärischen Versuchsgelände in New Mexico startet ein Phantom-Düsenjäger mit fauchendem Feuerschweif. Der ferngesteuerte Donnervogel tost über den Wüstensand und kracht ungebremst in eine mit Sensoren bestückte Betonwand. Die Phantom wird blitzartig pulverisiert, die knapp vier Meter dicke Mauer wankt nur bedächtig. Im Vergleich zum World Trade Center ist ein Atomkraftwerk für Terrorflieger sehr schwer zu treffen

Das war 1988, der Kalte Krieg war zu Ende und bin Ladens Terror weit weg. Heute kommt der Crash-Test zu neuen Ehren. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Salzgitter nutzt die Daten aus dem amerikanischen Feldversuch, um Flugzeugabstürze auf Kernkraftwerke zu simulieren. Im Auftrag der GRS stiegen Probanden in einen Flugsimulator der Technischen Universität Berlin und versuchten, bei Tempo 600 ein Kraftwerk zu treffen. Betonexperten berechneten die Folgen eines Aufpralls. Ergebnis des makabren Spiels: jeder zweite Versuch ein Treffer, mancher davon ein potenzieller Super-GAU. Mehrere deutsche Kernkraftwerke würden dem Kamikazeangriff mit einem Passagierflugzeug nicht standhalten, bilanzierte die GRS für das Bundesumweltministerium (BMU) in einer Geheimstudie, die Anfang 2003 auch den Reaktorbetreibern und Aufsichtsbehörden der Länder zuging.

Seither ist der Streit über den wirksamsten Schutz vor Terrorpiloten neu erfacht. Am Montag dieser Woche eskalierte er. Bundesumweltminister Jürgen Trittin kritisierte per Pressemitteilung die Schutzpläne von Landesministerien und Energieversorgern als unzureichend. Diese hatten unter anderem vorgeschlagen, Kernkraftwerke bei Terroralarm einzunebeln. Das schien Trittin nicht ausreichend. Damit ist die lange Suche nach einem gemeinsamen Antiterrorkonzept wieder gescheitert.

Die gesamte Debatte hat eine beklemmende Schieflage: Einerseits darf keiner der Beteiligten offen über die Bedrohungsszenarien sprechen – die GRS-Studie ist ja geheim. Terroristen sollen weder wissen, wo die Schwachstellen sind, noch, was ihnen bei einer Attacke blüht. Doch just das wird nun öffentlich diskutiert. So forderte Wolfram König, der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) – die Behörde untersteht Trittin –, vor zwei Wochen per Zeitungsinterview die Stilllegung von fünf Kernkraftwerken: Biblis A, Brunsbüttel, Isar1, Philippsburg 1 und Obrigheim. Prompt keilten die Umweltminister von Baden-Württemberg, Bayern und Hessen zurück. Königs Äußerungen seien ein Manöver der Bundesregierung, das "Ziel eines noch früheren Ausstiegs aus der Kernenergie durch die Hintertür zu erreichen".

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hatte zuvor eine (nicht ganz fehlerfreie) Zusammenfassung der GRS-Studie ins Internet gestellt. Daraus lassen sich eine gute und eine schlechte Nachricht destillieren. Die beruhigende: Wenn, wie im schlimmsten Szenario, ein voll getankter Jumbo-Jet mit hoher Geschwindigkeit frontal gegen die Betonhülle des Kernkraftwerks fliegt, halten sieben moderne Druckwasserreaktoren (Emsland, Neckarwestheim2, Isar2, Brokdorf, Philippsburg2, Grohnde, Grafenrheinfeld) dem Aufprall stand. Zum gleichen Ergebnis kommt eine vertrauliche Studie im Auftrag der Länder Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Diese sieben sichersten (von 18) Reaktoren dürfen laut Atomkonsens mehr als die Hälfte des genehmigten Stroms produzieren. Sie haben die längsten Laufzeiten, aber auch sie müssen in den nächsten 20 Jahren vom Netz.

Nun die schlechte Nachricht: Sie betrifft die fünf älteren Kernkraftwerke, die König auch nannte. Sie sollen in acht Jahren abgeschaltet sein, bis dahin dürfen sie noch rund ein Zehntel allen Atomstroms produzieren. Als Erstes wird Obrigheim 2005 stillgelegt. Derzeit aber könnten selbst kleinere Verkehrsflugzeuge wie der Airbus A320 bei geringer Geschwindigkeit ihr Reaktorgebäude zerstören und den Kühlkreislauf beschädigen. "Beherrschung fraglich", schreiben die Gutachter. Kritiker wie Klaus Traube rechnen in solchen Fällen gar mit einem Super-GAU.

Kenner der Szene meinen ("zitieren Sie mich nicht"), bei vernünftiger Verhandlung sei eine vorzeitige Schließung alter Meiler wie Obrigheim durchaus realistisch. So sei auch das alte KKW Stade überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet worden, die genehmigte Strommenge ging über auf moderne, größere Kernkraftwerke. Der Atomkonsens lässt solche Übertragungen zu.