So, wie man vom Beruf des Mordkommissars zu wissen glaubt, dass er sich nicht ausüben lässt, ohne dass einem mehrmals am Tag der Satz entfährt: "Da ist was faul", so weiß man von Marketingstrategen, dass sie bei geschäftlichen Treffen, die sie Meetings nennen, sehr oft Dinge sagen wie: "Wir müssen das Auto richtig positionieren."

Damit meinen sie keinesfalls, das Auto korrekt einzuparken. Sie wollen, dass das Auto in die Marktlücke passt. Man kann sich die Italiener, die den Lancia Ypsilon positioniert haben, gar nicht kreativ genug vorstellen. Denn ihnen ist das Kunststück gelungen, ein glamouröses Frauenauto zu erfinden, das nur so tut, als sei es es glamourös und für Frauen – in Wirklichkeit gefällt es gerade Männern.

Kaum ein Auto ist so streng als Damenfahrzeug vermarktet worden wie der Ypsilon. Die Marketingstrategen gaben Doris Schröder-Köpf einen Lancia für eine ihrer Bücherreisen. Sie ließen Anni Friesinger auf dem Eis gegen ihn antreten und gingen mit ihm auf die so genannte "Sex in the City Fashion Party Tour", die Tour zu jener Fernsehserie, die besonders Frauen in urbanen Gebieten vor den Bildschirm lockt. Die Sportgymnastin Magdalena Brzeska, die Tennisspielerin Scarlett Werner beriefen die Marktstrategen zu "Patinnen" des Ypsilon (ein Titel, der bisher wohltätigen Zwecken, Fernsehwetten und Kindtaufen vorbehalten war). Sie entwarfen 555 Möglichkeiten, sich den Ypsilon zurechtzuschminken, passend zur Lieblingshandtasche. Und sie schufen eine Internet-Seite, auf der sie nicht etwa die Vorzüge der Vorderradaufhängung oder der Ventilanordnung des Autos anpreisen, sondern jene Orte in München, Berlin und sogar Stuttgart, wo Frauen am besten einkaufen können.

Hier kommt nun die Genialität der Lancia-Planer ins Spiel. Denn ihr neuer Flitzer heißt bei aller Damenhaftigkeit nicht nur nach jenem Ypsilon-Chromosom, das den kleinen Unterschied ausmacht. Mit der Werbeanspielung auf grenzenlos anspruchsvolle Konsumlust werden vielmehr gerade die Männer besonders angelockt.

Sorgfältig haben die Lancia-Leute beobachtet, was sich in den Großstädten Europas tut, und dabei bemerkt, dass der Mann dort seine Freizeit keineswegs mehr ausschließlich damit verbringt, Freunde beim Dosenbier zum Fußballgucken zu treffen. Er hat Spaß gefunden an ausgiebigen Shoppingtouren und interessiert sich brennend für Pflegelotions, Pullover und Hosen aus feinem Tuch, die er "Anziehsachen" nennt. Zu einem Edelgeschöpf ist der Mann geworden, das mehr als sieben Paar Socken besitzt, die jünger als fünf Jahre alt sind. Er ruht sich nicht mehr aus auf der Gewissheit, irgendwie gut auszusehen, sondern jagt vom Top-Stylisten zur Wellness-Farm. Er will haben, was vormals allein den Trägerinnen des Chromosomensatzes XX überlassen war: Die Kleider, die Accessoires, die ganze Palette. Auch ihr kleines Luxusauto.

Als wollte der Lancia Ypsilon seine sexuelle Offenheit unterstreichen, ragen Tacho und Drehzahlmesser kugelrund nicht wie üblich direkt vor dem Fahrer aus dem Armaturenbrett, sondern rechts davon aus dessen Mitte. Alles verwischt, nicht nur die Grenzen der Geschlechter, sondern auch, fast noch revolutionärer, jene zwischen Fahrer und Beifahrer.

Von einem Fahrzeug, das in den Prospekten stets in erlesener Umgebung abgebildet ist, hatte man sich erhofft, dass es auch die eigenen Tage im Glanze strahlen lassen würde. Irgendwie hatte man darauf spekuliert, dass ein Auto aus purem Gold auf einen wartet. Stattdessen wartete ein Ei. Ein Taubenei. Zwar ist dieses Ei vor allem von vorn wirklich hübsch anzusehen; es grüßt mit dem breiten Kühlergrill, den es von seinen Ahnen geerbt hat. Aber es schaut nur freundlich, nicht glamourös, jedenfalls nicht in der taubenblauen Variante.

Die Diva unterscheidet sich von der Schönen durch Allüren. Divenhaft war der bisexuelle Ypsilon aber nur, wenn er morgens losfuhr. In Italien entwickelt, konnte er sich schwer mit den Berliner Minustemperaturen anfreunden. Er ruckelte und zickte herum, und einmal, als es gar ein wenig schneite, sah er fast beleidigt aus. Der Ton beim Anfahren klang geradezu vorwurfsvoll. Ihm ging es wie der Freundin aus Padua, die, ohne Daunenjacke und Mütze angereist, sich alles andere als wohl fühlte auf Berlins Bürgersteigen, aber dennoch ihre freundliche Miene nicht aufgeben wollte.