Er sollte der größte dieser Art in ganz Europa werden. Das jedenfalls kündigte das Unternehmen Accenture im März vergangenen Jahres an. Es war von der Bundesagentur für Arbeit auserkoren worden, das Herzstück aller Reformen zu betreuen: den virtuellen Arbeitsmarkt, kurz VAM genannt. Die gigantische Job-Datenbank im Internet sollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen nutzen. Die einen speisen ihre Stellenbeschreibung, die anderen ihre Bewerberprofile ein. Und alle finden per Mausklick zusammen.

Projektleiter Jürgen Koch hatte große Pläne. Schließlich galt der Netz-Auftritt im Dezember als Prestige-Projekt seines Chefs Florian Gester. Der aber wurde im Februar geschasst. Ende vergangener Woche musste auch Koch gehen. Eine "Risikoanalyse" habe ergeben, dass "Kosten und Funktionsfähigkeit überprüft und angepasst werden müssen", lautete die Erklärung. Dabei blieb es nicht. Die Altlast lässt nun auch das Vertrauen in die neue Spitze der Behörde schwinden. Deren amtierender Chef Frank-Jürgen Weise und sein Vorstandskollege Heinrich Alt stehen massiv unter Druck. Zu lange wurden Warnsignale ignoriert.

Schon gleich nach dem Start des virtuellen Arbeitsmarktes hatte es eine Flut von Protesten gegeben. Dem Ansturm war das System nicht gewachsen. Der Fehler wurde zwar schnell behoben. Dann aber kam grundsätzliche Kritik. Gemessen an den eigenen Ansprüchen, zeige es "gravierende Mängel in Konzeption und Umsetzung", kritisierte Gerhard Kenk von Crosswater Systems, einem internationalen Branchendienst, für den Kenk in Deutschland die riesige und unübersichtliche Szene der Jobbörsen sondiert. Rund 800 gibt es davon.

Beim Start des staatlichen Angebotes zeigte sich: Nur wenige Unternehmen kooperierten, Stellenangebote waren teilweise veraltet. Seitdem hat sich zwar einiges verbessert. Bis heute aber ist selbst der Volkswagenkonzern, dessen Personalvorstand Peter Hartz mit seinem Namen für die Arbeitsmarktreformen steht, auf der VAM-Plattform nicht präsent. Noch immer wird ein unausgereifter Abgleich von abgespeicherten Bewerbern mit den Stellenangeboten beklagt; zum Teil absurde Suchergebnisse ernten Lacherfolge. So etwa, wenn einem Astronomen eine Stelle als Fachmann für Systemgastronomie angeboten wird. Selbst die teure Technik lässt viele Wünsche offen: "Zugang oft nur mühsam, Ladezeit manchmal unerträglich, Navigation unübersichtlich", lauten die Kurzkommentare im Forum des Fachblatts Computerwoche.

Das ist Wasser auf die Mühlen der privaten Jobbörsen im Internet. Viele von ihnen fürchteten die staatliche Konkurrenz – und bekämpfen sie noch immer. Statt einer friedlichen Kooperation, so wie sie von Koch stets propagiert wurde, entstand nur feindliche Konfrontation. Offensichtlich unterschätzte Koch diesen Konflikt. Er sei zu arrogant an die Sache herangegangen, heißt es unisono. Inzwischen aber geht es um sehr viel mehr: schlechtes Management, Täuschung oder gar Korruption? Frank-Jürgen Weise wollte Ende vergangener Woche nichts mehr ausschließen. Er schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Wie war es zu der Kostenexplosion gekommen?

Bereits in ihrer Mitteilung vom März vergangenen Jahres hatte die IT-Beratungsfirma Accenture – ziemlich unpräzise – von einem Finanzvolumen von "über" 50 Millionen Euro berichtet. Seitdem nährten immer neue Spekulationen den Verdacht, dass diese Summe, gelinde ausgedrückt, nicht ausreichen wird. Projekte dieser Art, siehe Toll Collect, laufen leicht aus dem Ruder. Darauf soll es schon im August interne Hinweise gegeben haben. Dann, im Dezember, war offiziell von 77 Millionen Euro die Rede. Das jedenfalls antwortete die Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP. Noch immer schien niemand beunruhigt. Die Spitze der Bundesagentur wiegelte ab. Selbst Mitte Februar bestritt sie noch eine Kostenexplosion. Obwohl zu diesem Zeitpunkt klar war, dass insgesamt rund 100 Millionen Euro fällig werden. Inzwischen ist die Summe auf 165 Millionen Euro gestiegen, verteilt auf verschiedene Lieferanten und Dienstleister.

Sowohl Vorstand als auch Verwaltungsrat wollen – wieder einmal – von diesem Fiasko nichts gewusst haben. Angeblich sind einige Aufträge selbst an der zuständigen Vergabestelle vorbeigeschleust worden. Die Bundesagentur also ein Selbstbedienungsladen für Berater und Dienstleister aller Art? Wer kontrolliert den Verbleib von Millionenbeträgen in einer Behörde, deren 50-Milliarden-Budget sich aus Beiträgen und Steuergeldern speist?

Da gibt es neben den internen Vergabestellen noch Mitzeichnungsverpflichtungen, das Vieraugenprinzip oder die interne Revision, die den Dingen angeblich erst jetzt auf die Spur gekommen sein soll. Und den Bundesrechnungshof. Der hatte bereits im Herbst vergangenen Jahres Kochs Projekt im Visier. Doch dann stellte er es zurück, weil das kleine Kompetenzteam "an seine Kapazitätsgrenzen stieß", sagt ein Sprecher dieser Behörde. Vorgezogen wurde das "Prüfungsvorhaben Maut".