London

Für die BBC ist es nur ein schwacher Trost, dass die Regierung Blair dem Schlamassel des Irak-Krieges einfach nicht zu entrinnen vermag. Denn der Sender steckt selbst mittendrin. Sein Ruf ist angeschlagen, die Zukunft ungewiss. Alles, so scheint es, steht zur Disposition: die Unabhängigkeit der BBC, das Recht, sich selbst zu verwalten, die Finanzierung durch Gebühren, vielleicht gar das öffentlich-rechtliche Prinzip selbst. Die Feinde des Senders wittern Morgenluft. Das Verdikt des Lordrichters Hutton, der die Affäre um vermeintlich aufgebauschte Geheimdienstdossiers über Saddam Husseins Waffen untersuchte, ist für sie ein Geschenk des Himmels. "Miserablen" Journalismus, "defektes" redaktionelles Management und das Versagen der Führungsspitze bescheinigte Hutton der BBC.

Kommerzielle Rivalen, die seit Jahren über den "Imperialismus" der BBC jammern, gieren nun, gebeutelt von Werbeeinbrüchen, nach einem Anteil am Gebührenkuchen. Politiker beider großer Parteien, lange schon verärgert über den selbstherrlichen Public Broadcaster, signalisierten, nun sei die Zeit der Abrechnung gekommen. Die Konservativen, der "notorischen Linkslastigkeit" der BBC überdrüssig, bestellten ein Gutachten, wie sich der Abschied von den Gebühren bewerkstelligen lasse. Viele Vorwürfe wurden auch früher schon erhoben gegen die BBC. Neu sind Intensität und der kumulative Effekt. Selbst die Tiraden der Kulturkritiker, die sich über das dumbing down, die Verflachung, der BBC-Programme empören, erreichen eine neue Qualität.

Die BBC, weltweit bewundert und oft, zumeist schlecht, kopiert, wird mit der größten Herausforderung ihrer 83-jährigen Geschichte konfrontiert. Auf dem Spiel steht weit mehr als nur ein Rundfunksender. Die Briten verloren ihr Empire, aber sie besitzen mit der BBC eine nationale Institution mit global reach, mit ungewöhnlicher internationaler Ausstrahlung, darin auf verblüffende Art der britischen Monarchie ähnlich. Im Reich der BBC gehe "die Sonne nie unter", schrieb bewundernd das amerikanische Magazin Time.

Mächtigster Medienkonzern

Überraschen kann solch ein Urteil freilich nur den, der sich in den Jahren des unaufhaltsamen Vormarsches des Privatfernsehens daran gewöhnte, öffentlich-rechtliche Sender automatisch für eine bedrohte Spezies im Mediendschungel zu halten, schwächlich, allemal schutzbedürftig, weil bedroht von internationalen Medien-Tycoons und kontrollwütigen Politikern.

Dabei gingen öffentlich-rechtliche Anstalten aus der Medien- und Technologiekrise in Wahrheit eher gestärkt hervor. Allemal gilt das für die BBC. Gegen die kommerzielle Konkurrenz des britischen Privatsenders ITV (1,5 Milliarden Euro Werbeeinnahmen im Jahr) ist sie mit ihrem 4,8-Milliarden-Haushalt ein finanzieller Muskelprotz. Das verbriefte Recht, sich selbst zu regulieren, bitter geneidet von den Rivalen, garantiert (bislang) eine Distanz zur Politik, von der ARD und ZDF nur träumen können.

Der übergebührliche Einfluss des privaten Murdochschen Medienreiches auf die britische Gesellschaft ist weithin akzeptiert. Selten wird die BBC als der weitaus mächtigste Medienkonzern der Insel wahrgenommen. Auf nationaler Ebene kontrolliert die Corporation mehr als 50 Prozent des Radios, sie besitzt 40 Prozent des Fernsehmarktes und etablierte eine unerreichte Online-Präsenz, während sie auf dem Weltmarkt als hemdsärmeliger kommerzieller Spieler agiert, dessen Topmanager schon mal der Korruption überführt werden.