Ein einziges Mal hört selbst diese Frau auf, perfekt zu funktionieren: Sie schaut in die Leere des Konferenzraumes, sie verschränkt die Arme vor der Brust, und einmal stockt auch ihre Stimme. Ja, eine "persönlich heftige Zeit" sei das gewesen, die private Trennung und dann die berufliche. "Ich hatte plötzlich keinen Job, und ich bin da nicht sanft hinausgeglitten, ich musste mich von einem Tag auf den anderen neu orientieren." Die Frau fixiert irgendetwas an der Wand: Abstand gewinnen musste sie, ein halbes Jahr allein wegen des Jobs, viel länger brauchte sie für das Private.

Den ganzen restlichen Tag funktioniert Paola Rodà-Leger, 40, perfekt, denn sie muss anderen dabei helfen, sanft in den nächsten Job hineinzugleiten. Sie schaut ihrem Gegenüber stets streng in die Augen, ihre Worte untermalt sie mit den Händen. In der Schreibtisch-Schublade liegen eine Ersatzstrumpfhose, Vitamin-C-Pillen und Traubenzucker-Tabletten.

Vielleicht braucht Rodà-Leger die auch. Sie hat einen schwierigen Doppeljob: Sie ist promovierte Psychologin und arbeitet als so genannte Outplacement-Beraterin. Sie bringt Chefs bei, wie sie ihre Mitarbeiter am besten rausschmeißen – und berät die Entlassenen, wie sie neue Jobs bekommen.

Das Gewerbe ist diskret, die Sprache euphemistisch

Eine richtige Übersetzung gibt es für ihr Berufsbild nicht: "Trennungsberater" hat sich etabliert, Rodà-Leger spricht von "Sparringspartnern", ihr Chef Herbert Mühlenhoff, Europa-Vorsitzender der Beratervereinigung AOCFI, gar von "Coaches in der Transitionsphase". Von Entlassen, Feuern, Rausschmeißen mag niemand so recht reden; das Gewerbe ist diskret, die Sprache euphemistisch. Einen schlichten Rausschmiss umschreibt Rodà-Legers Firma Mühlenhoff und Partner mit den Worten "Sei es durch Merger, Downsizing oder Umstrukturierung der Organisation: Die heutige Marktsituation schafft immer wieder Szenarien, in denen die Trennung des Unternehmens von einem Mitarbeiter unausweichlich ist." Und auf der Firmen-Broschüre prangt natürlich ein hoher Berg, kein tiefes Tal.

Ehemalige Personalleiter arbeiten in dem Job, Psychologen, Pädagogen, Betriebswirte. Das Geschäft brummt: Im Jahr 2002 ist der Branchenumsatz um 50 Prozent nach oben geschnellt – auf knapp 37 Millionen Euro gegenüber 25 Millionen im Vorjahr. Auch im vergangenen Jahr ging das Wachstum weiter, zweistellig, wie manche in der Branche sagen, einstellig, wie es bei Mühlenhoff heißt. Kamen Ende der achtziger Jahre meist 50Jährige in die Beratung, die möglichst schnell einen neuen Job wollten, der ganz so ist wie der alte, sind die Klienten nun im Schnitt gut verdienende 40 Jahre alte Führungskräfte, die ihr ganzes Leben neu justieren müssen.

Etwa der Mann aus dem Vertrieb, den Rodà-Leger an diesem Morgen anruft. Er bewirbt sich um eine neue Stelle und hat der Beraterin seine Unterlagen geschickt – mit der Bitte um Hilfe. "Im Augenblick wirkt das Anschreiben noch ein wenig holprig", sagt Rodà-Leger und schnarrt, der Mann möge ein paar Absätze in dem Brief verschieben. "Setzen Sie sich doch mal auf den Stuhl des Personalchefs!", fordert sie. Erst am Ende dann: "Und, wie finden Sie das selbst?"

Lena Frisch (Name geändert), die an diesem Morgen zu Paola Rodà-Leger kommt, ist Mitte 30 und hat bei einer Unternehmensberatung gearbeitet. Nun hat der Konzern ihr einen Aufhebungsvertrag angeboten. Strahlend erzählt Lena Frisch von einem Bewerbungsgespräch bei einer Internet-Firma. Sie habe erkannt, sagt sie, dass Unternehmensberatung gar nicht ihr Feld sei, dass sie lieber etwas macht, "was nicht so konservativ ist". Dass sie dabei auch weniger verdient, sei auch okay, schließlich habe sie jahrelang wohl das Falsche gemacht. Rodà-Leger schlägt ihr vor, ihre Interessen durch ein Fragebogenraster herauszufinden – "Interessen-Analyse" nennt sie das. "Das ist eine gute Idee", sagt Lena Frisch. "Füllen Sie das aus", gibt Rodà-Leger zurück, "und lassen Sie das erst mal sacken." Berufsberatung mit Mitte 30.