Seit vier Jahren trifft sich auf Initiative der ZEIT eine Runde junger chinesischer Intellektueller mit Helmut Schmidt. Vom heimlichen Dissidenten bis zum aufgeklärten Regierungsbefürworter ist das Spektrum politischen Denkens in der Volksrepublik vertreten. Die Gespräche, Stunden dauernd und durchaus feuchtfröhlich, werden zuweilen so hart geführt, dass die chinesischen Kontrahenten einander hinterher nicht mehr wiedersehen wollen. Doch Helmut Schmidt bringt sie bei seinem nächsten Besuch jedes Mal wieder zusammen.

die zeit: Bei Ihrer China-Reise im Dezember 2000 war Ihnen, Helmut Schmidt, die Hoffnung auf ein Amalgam aus modernem Konfuzianismus und Demokratie aufgefallen – als Möglichkeit, das geistige Vakuum der postkommunistischen Zeit zu füllen.

Helmut Schmidt: Ich glaube, dass es in China zu einer Verjüngung der konfuzianischen Werte kommen wird. China ist ein Land ohne gemeinsame Religion und unterscheidet sich insofern von den meisten Ländern der Welt. Gerade deshalb braucht China eine Philosophie. Für sie hat Konfuzius die Grundsteine gelegt.

Xu Xing: Von Regierungsseite wird versucht, den Patriotismus – und nicht den Konfuzianismus – als Ersatz für das fehlende Wertesystem in China aufzubauen. Mir graut davor. Patriotismus hat auch schreckliche Seiten.

Schmidt: Sollte Xu Xing Recht behalten, dann ist nicht auszuschließen, dass sich ein zum Nationalismus gewandelter Patriotismus als Gefahr erweist.

Cui Jian: Wer vom Aufbau eines neuen Wertesystems in China spricht, muss als Voraussetzung den Verzicht auf den Kommunismus als herrschende Ideologie anerkennen. Ohne diesen radikalen Verzicht wird die öffentliche Moral weiterhin einer Erneuerung im Wege stehen.

Schmidt: Aber das, was man in China Kommunismus nennt, hat in den letzten 25 Jahren enorme Veränderungen durchlaufen.

Cui: Richtig, doch als Künstler spüre ich im besonderen Maß den Fortbestand von Strukturen, die nach wie vor die Kreativität ersticken und in jedem von uns Angstgefühle auslösen. Uns fehlt in China immer noch der Freiraum, neue Werte zu schöpfen. Aber gerade ein Künstler darf nicht darauf warten, bis das Land irgendwann ein besseres System findet. Sein Werk muss heute entstehen.

Schmidt: Die Welt hat in den letzten 20 Jahren Ein-Parteien-Systeme gesehen, die schlimmer waren als die noch überlebenden kommunistischen Diktaturen. Saddam Husseins Irak war dafür nur ein Beispiel. Zugleich hat es in China diesen enormen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Und man muss sich vorstellen, was daraus geworden wäre, wenn China in all den Jahren fünf Parteien wie in Deutschland gehabt hätte, die jedes Vierteljahr bei Wahlen gegeneinander antreten. So ist die Tatsache, dass China wirtschaftlich gut gefahren ist, ähnlich wie zuvor Taiwan, Hongkong und Singapur, eng verknüpft mit der Tatsache, dass es hier keine Demokratie im westlichen Sinne gab.

zeit: Wie stellt sich die Demokratiefrage in China heute?

Mian Mian: Das interessiert mich nicht. Ich denke immer nur an mein nächstes Buch und daran, warum die Regierung es verbieten darf. Freiheit, nicht Demokratie, ist das Wichtigste für mich. Es muss uns gelingen, das auszudrücken, was wir denken und empfinden. Für mich heißt das: Reden wir nicht über Politik, sondern tun wir lieber etwas, um in der Welt vorwärtszukommen. Das entspricht für mich chinesischem Stil: Vieles ist in unserer Kultur unaussprechbar, aber wir können es trotzdem tun. So verhält es sich auch mit meinem Buch: Ich kann es zwar nicht verlegen lassen, aber immerhin im Internet veröffentlichen. Also tue ich das, anstatt mich groß über die Politik zu beklagen.