Setz dich zu uns, ich will dir eine Geschichte erzählen", sagt der bärtige Wirt hinter der Theke, während er uns ein Glas Wein einschenkt. Und er beginnt von einem Helden zu berichten, der aus Deutschland aufgebrochen sei, um die Gutenberg-Bibel zurückzuholen. Die habe der Teufel gestohlen, damit sich Gottes Wort nicht verbreiten könne. Und schwupps, finden wir uns im Inneren einer ägyptischen Sphinx wieder. In diesen unterirdischen Kammern und endlosen Labyrinthen muss der Höllenfürst das gute Buch versteckt haben.

Keine Sorge, wir sind nicht in einem christlichen Angsttraum. Mit diesen Szenen beginnt das Computerspiel Ominous Horizons: A Paladin’s Calling. Das Actionspiel gehört zu einer Reihe von neuen Games aus den USA, in denen man nicht gegen Mutationen aus dem Genlabor kämpfen muss, sondern gegen einen viel älteren Feind: gegen Luzifer. Wer wird da kleinmütig einwenden, dass das Besondere an der Gutenberg-Bibel gerade war, dass sie durch den Druck vervielfältigt wurde? Oder bemängeln, dass – anders als im Spiel – die altägyptischen Sphinxen keinen Keller hatten, in dem man Bibeln verstaute? Schließlich geht es hier gegen den Erzfeind selbst.

"Es gibt zu viele Computerspiele, in denen der Teufel immer siegt oder einer der stärksten Charaktere ist", sagt Ralph Bagley, der Chef der christlichen Computerspielfirma N’Lightning, die Ominous Horizons produziert hat. "Zeig es Satans Sklaven", wirbt das Unternehmen auf seiner Website für das Spiel. Die letzte Schlacht findet gar in Luzifers Schloss selbst statt.

Damit verweist das Spiel auf ein Motiv, das auch aus anderen Computerspielen bekannt ist: der Kampf gegen furchtbare Bestien aus einer anderen Welt. In vielen Spielen geht es zu, als hätten sich die Pforten der Hölle geöffnet und als würden ihre Kreaturen die Erde überschwemmen. Die Bildsprache hat mehr als nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit den Darstellungen der Apokalypse. Die Monster, gegen die man in Ballerspielen wie Doom oder Half-Life antritt, wirken oft, als kämen sie direkt aus der Offenbarung des Johannes oder aus Hieronymus Boschs Bildern derselben: Drachen, Höllenhunde, "Heuschrecken groß wie Rosse" (Offb. 9,7) greifen den Spieler an.

Die christlichen Spiele führen also ein Thema zu seinem logischen Ende, das viele "weltliche" Spiele unausgesprochen prägt. Die extrem erfolgreichen Spiele Sim City und Die Sims machen den Spieler gleich selbst zu einem Gott, der seine eigene Welt aufbauen oder zerstören kann. Und im Strategiespiel Black & White schleudert man mit göttlicher Hand Blitze oder lässt Nahrung wachsen, heilt die Kranken oder brennt ihre Dörfer nieder. Die Spielfiguren beten den Spieler an – aus Dankbarkeit oder aus Furcht, je nachdem, wie man sie behandelt. Etwas blasphemisch heißt dies Genre "God Games".

Im Grunde ist jedes Computerspiel ein Gott-Spiel. Nolan Bushnell, der Gründer der Spielefirma Atari, beschreibt es so: "Es gibt bei Games ein kontrollierbares und verständliches Universum, das vollkommen vorhersagbar ist." Früher lieferte die Kirche ein solches kontrollierbares Universum. Heute machen ihr dabei ausgerechnet Computerspiele Konkurrenz, indem sie ihren Usern einen übersichtlichen Kosmos liefern: Es gibt einen "von oben" vorgegebenen Plan, dem man folgen muss. Für Abweichungen von rechten Weg wird man bestraft: "Game over!"

In den USA gibt es schon länger Computerspiele mit christlichem Inhalt. Den meisten größeren Kirchen gehören dort eigene Verlage, Tonstudios oder Videofirmen. Sie versorgen die Amerikaner mit erbaulicher Literatur, mit CDs und Predigt-Videos. Im vergangenen Jahr wurden schätzungsweise 3,9 Milliarden Dollar für christliche Publikationen in allen Medien ausgegeben. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich fromme Unternehmer auch dem umkämpftesten Medienmarkt der USA zuwenden würden: dem der Computerspiele.

In den herkömmlichen Spielen musste man meist recht brav biblische Ereignisse wie Moses’ Gang durch das Rote Meer nachvollziehen. Doch die neueren Spiele, die in den letzten Monaten erschienen sind, orientieren sich an den gemeinhin verteufelten "Ego-Shootern". Das Spiel Eternal War benutzt sogar dieselbe Technologie wie das berüchtigte Ballerspiel Quake. "Wir wollen den Leuten keine christliche Botschaft aufzwingen", sagt Mackenzie Ponech von der Firma Two Guys Software. Wir wollen den Menschen zeigen, wie man den dunkleren Seiten des Lebens begegnen kann, ohne dauernd mit der Bibel zu wedeln."