Bekanntlich ist der Kanzler ein Meister der Selbstüberbietung. Soeben noch hielt er die ruhige Hand über das sich darunter unwillig duckende Land, da verkündet er fast im gleichen Atemzug das Zeitalter der Reformen. Kaum ist das große Wort verhallt, tröstet er die erschreckte Menge mit dem Gnadensatz: "Die Zeit der Belastungen ist vorbei." Um drohend in die allgemeine Erleichterung hinein für das Jahr 2004 "Innovationen ohne historisches Beispiel" anzukündigen. Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft - alles soll rundum erneuert werden. Deutschland wieder Primus unter den Völkern sein.

"Elite für alle", versteht ein Graffito an einer Berliner Häuserwand den Kanzler vielleicht besser als er sich selbst.

Aber durch diese politische Unrast weht der Atem der Geschichte, war doch tiefgreifender Wandel im "Denken des Abendlandes" stets im Spannungsfeld der Begriffe "Reform" und "Innovation" verankert. Ovids Metamorphosen sind eine Fundgrube für unablässigen Wandel der Formen und Gestalten. Und nicht weniger für die unabweisbare Sehnsucht nach Rückkehr in die alte, in der Regel schönere Gestalt. So seufzt die flüchtige Nymphe in Gestalt des triumphierenden Lorbeers nach ihrer scheinbar verlorenen Figur. Und die im Reich der zauberhaften Konkubine Kirke in Schweine verwandelten Gefährten des Odysseus sehnen sich nach ihrer männlichen Form zurück.

Nicht weniger sehnsüchtig verlangt es den Kanzler zurück in die Zeit der Unschuld, der ersten Augenblicke seines hohen Amtes, der nur ein Brioni-Mantel die rechte Form zu geben wusste. Tempi passati. Die Form schwand, und damit wuchs die Sehnsucht nach Reform auch in jenem politischen Übertragungssinne, den einst die neronischen Erben der augusteischen Epoche der Poesie abgewannen. Die Wiederherstellung des Reiches und des Friedens des Augustus in einer durch corruptio aller Werte gezeichneten Gegenwart verlangten jene politischen Moralisten wie Seneca, dem wir den Begriff dafür verdanken: Reform.

Das Ursprüngliche ist das Gute

Von hier wanderte er durch die Jahrhunderte. Er bewahrte die Sehnsucht der frühen Christen nach Wiedergewinnung adamitischer Gottähnlichkeit und schuf damit die Grundlagen für den kirchlichen Dauerbrenner unablässiger Reform und reformatio als Kanüle christlicher Dauerunzufriedenheit mit der jeweils gewonnenen weltlichen Gestalt. Bis hin zu jener Reform, die am Ende die "Reformation" zum metamorphosischen Programm machte.

Reform an "Haupt und Gliedern" gehört damit aber auch zur Programmatik jedweder im Bündnis mit Kirche und Kirchen agierenden politischen Herrschaft.