Die Unterzeile zeigt das ganze Dilemma eines Türkei-Beitritts: Grenzen werden durch Verträge gezogen, nicht durch die Geografie. Also sollen wieder einmal Normen über Fakten siegen. Nun haben Fakten die unangenehme Eigenschaft, zäh und unaufhörlich Normen zu ignorieren.

1990 wurde die Wiedervereinigung mit der "Sozial-, Wirtschafts- und Währungsunion" gegen alle ökonomischen Fakten etabliert. Noch 14 Jahre später fließen jährlich etwa drei Prozent des BIP als Nettotransfer in den Osten, und der Schlamassel wächst dort unaufhaltsam. Zugleich erlahmt das Land unter der Last der Transferleistungen.

Die Osterweiterung der EU mit weiteren zwei Dauer-Netto-Empfängern wird forciert. Weder die Finanzierung noch die Verfassung sind geklärt, aber schon müssen am Jahresende 2004 die Grenzen der EU an Euphrat und Tigris und Kaukasus vorgeschoben und die Nachbarschaft zu Iran, Irak und Syrien in naher Zukunft eingeleitet werden.

Zwar wächst die Bevölkerung der Türkei jährlich um mehr als eine Million Menschen, und es lebt ein Drittel von der Landwirtschaft, aber Verträge, nicht Fakten sollen ja über den Beitritt der Türkei bestimmen.

Wer mit der Türkei "Beitritts"-Verhandlungen eröffnet, macht den Beitritt unvermeidlich. Übergangsfristen von 10 bis 15 Jahren gelten als lang und entsprechen keineswegs den Erwartungen der Türkei. Die Wiedervereinigung ist 14 Jahre her, und immer neue Probleme türmen sich auf, ohne Aussicht auf guten Ausgang.

Dr. Reiner Kühnel, Weilheim

Die älteste europäische Staatenorganisation ist der Europarat, dessen Satzung vom 5. Mai 949 die Türkei am 13. April 1950 (Inkrafttreten) beigetreten ist.